PUBLIKATION

Denkmaljournal

ZUSAMMENARBEIT

Saskja Rosset (Fotografie)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

25.3.2026

ST. JOSEF IN RESEDAGRüN, PETROLBLAU UND OCHSENBLUTROT

 

Im Zuger Löberenquartier wurde das Wohnhaus St. Josef aus dem 19. Jahrhundert saniert und mit einer atelierartigen, architektonisch fein abgestimmten Remise ergänzt. Eine gewagte und farbenfrohe Sache!

 

Wenn in einem Quartier ein aussergewöhnliches Haus gebaut wird, reagiert die Nachbarschaft entweder besorgt und macht ihren Unmut allenfalls gar via Einsprache kund. Oder sie ist neugierig, verfolgt den Bauprozess mit Interesse und blickt dem Resultat mit Freude entgegen. «In unserem Fall trifft Letzteres zu», erzählt Architekt Claudio Holdener. «Immer wieder haben sich Nachbarn bei mir gemeldet und gefragt, ob sie das Resultat nach Fertigstellung besichtigen dürfen.» Dem gebürtigen Zuger steht die Freude über das Projekt an der Löberenstrasse 9 ins Gesicht geschrieben.

 

Einen Neubau – ja, den hat er im Kollektiv mit der Künstlerin und Architektin Daniela Schönbächler realisiert, aber nicht nur! Gleichzeitig sanierten sie im Auftrag einer Erbengemeinschaft auf dem gleichen Grundstück ein denkmalgeschütztes Haus mit Jahrgang 1898: das Wohnhaus St. Josef, Geburtshaus des bekannten Zuger Architekten Leo Hafner und dessen Schwester, der Kunstmalerin Maria Hafner. Der hölzerne Neubau mit grünem Anstrich ergänzt den historischen Bau auf eigenwillige und stilsichere Art. Man merkt, dass hier Profis am Werk waren, die das gestalterische Zusammenspiel von Alt und Neu beherrschen und Materialien und Volumen so in Einklang bringen, dass daraus ein überzeugendes Ensemble resultiert.

 

«Die Reaktionen von Passanten waren stets positiv. Auch potenzielle Mieter meldeten sich», erzählt Matthias Hafner, Sohn von Leo Hafner und Neffe von Maria Hafner, der die Erbengemeinschaft vertritt. Zusammen mit Architekt und Architektin hat er sich im Rahmen der Sanierung intensiv mit der Vergangenheit des Hauses St. Josef beschäftigt. Hilfreich hierbei war der Fachbericht der Zuger Denkmalpflege. Darin steht: «Das Wohnhaus ist ein wichtiger Zeuge des repräsentativen Wohnungsbaus. Es zeigt den Übergang vom Historismus zum Heimatstil.» Der Erbauer Johann Landis (1860–1936), erfährt man zudem, habe um die Jahrhundertwende mehrere solche Gebäude im Loretoquartier für die gehobene Bürgerschaft erbaut. «Das Wohnhaus St. Josef ist eines von fünf bis heute noch weitgehend im Originalzustand erhaltenen Sichtbacksteinhäusern dieser Stilepoche in Zug.»

 

Nicht nur dem Denkmalschutz galt es bei der Sanierung Rechnung zu tragen, auch der Ortsbildschutz spielte eine Rolle. Schliesslich stehen die beiden Häuser in einem historisch gewachsenen Quartier, an der ehemals wichtigsten Verbindungsachse, die von Zug via Baar nach Zürich führte. Die Bauten sind Zeugnis einer kontinuierlichen Stadterweiterung, die um 1900 einsetzte. Eingebettet sind sie in eine von Wiesen, Stauden und Bäumen geprägte Umgebung, nahe vom «Guggi» und doch mitten im Zentrum. Ein fünfminütiger Spaziergang führt via Schanz und Kapuzinerturm direkt zum Postplatz. Klar war von Anfang an, dass auf dem gut 1000 Quadratmeter grossen Grundstück mehr Ausnützung möglich war. Um die historische Bausubstanz nicht zu tangieren, traf man nach der Machbarkeitsstudie die Entscheidung eines Solitärbaus, der nun in Form eines zweistöckigen Atelierhauses hier steht. Parallel zur Realisierung des Neubaus hat man im Backsteinhaus die beiden Wohnungen saniert und im Dachstock eine dritte Wohneinheit geschaffen. In der Remise soll dereinst gewohnt und gerne auch kreativ gearbeitet werden.

 

Die Idee, auf dem Grundstück Platz für künstlerisches Schaffen zu kreieren, ist der Tradition im Hause Hafner geschuldet. Schon Kunstmalerin Maria Hafner (1923–2018) betrieb seinerzeit im Dachstock des historischen Hauses ihr Atelier und realisierte dort mit viel Hingabe ihre berühmten, von religiösem und spirituellem Charakter geprägten Bilderzyklen. «Als Kind besuchte ich meine Tante oft in ihrem Atelier», erzählt Matthias Hafner. Auch er ist begeistert vom dunkelgrünen Holzschopf und findet es richtig, dass man den Mut hatte, dem historischen Bau ein modernes architektonisches Statement gegenüberzustellen – im Sinne einer unkonventionellen Verdichtung. Dank dem Neubau formiert sich hinter dem Altbau eine hofähnliche Situation mit einem lauschigen Kiesplätzchen.

 

Auch sonst sind die beiden Bauvolumen fein aufeinander abgestimmt. Die Winkel der beiden Dächer verlaufen nahezu identisch, und die grün gestrichene Holzfassade schafft einen Bezug zu den historischen Jalousieläden des Altbaus sowie den vielfältigen Grüntönen der Pflanzen rund ums Haus. Die alten Rhododendren, Pfingstrosen und Johannisbeersträucher wurden während der Bauphase umgepflanzt und anschliessend wieder in die Moorbeete gesetzt. Die Gärten und deren Einfriedung mit historischen Metallzäunen waren und sind auch nach der Sanierung prägende Bestandteile des Quartiers.

 

Beim Rundgang durchs dreigeschossige Haus stellt man fest, dass an der Raumaufteilung kaum etwas verändert wurde. Die Grundrisse der oberen und unteren Wohnung sind praktisch identisch. Unter dem Dach wurde der Wohnbereich geöffnet, um mehr Raumhöhe zu generieren und die Dachkonstruktion sichtbar zu machen. Ebenso hat man ein Badezimmer realisiert und die bestehenden Dachflächenfenster aus den 1970er-Jahren ersetzt und neu nach historischem Vorbild konzipiert. Das Studium alter Pläne und Fotos motivierte Architekten und Bauherrschaft dazu, einzelne Bauteile wie die Fensterfassungen wieder näher an den Originalzustand zu führen, das Haus mit den einst verwendeten Kämpferfenstern auszustatten und auch beim Kamin und beim Dach wieder «back to the roots» zu gehen. Letzteres war einst mit Ziegeln bedeckt, später mit Eternit. Im Rahmen der Sanierung hat man sich erneut für rote Ziegelsteine entschieden.

 

Mit grosser Hingabe hat man sich bei dieser Sanierung auch dem Thema Farbe gewidmet. Untersuchungen am alten Haus legten verschiedene kunterbunte Schichten frei, die sich von Pink und Schwarz über Grün und Blau erstreckten. Je nach Zimmer kamen Tapeten mit Streifen oder floralen Mustern zum Vorschein. Nun dominieren je nach Etage Farbkonzepte in diversen Abstufungen von Petrolblau oder Resedagrün. Im Erd- und Obergeschoss stösst man zusätzlich auf markante Streifentapeten. In Ochsenblutrot stechen die neuen Küchen ins Auge. Sie nehmen Bezug zum originalen Terrazzoboden und machen klar: Hier sind Bewohnerinnen und Bewohner gefragt, die offen für kräftige Farben sind, die Charakteristika der Raumgestaltung zu schätzen und mit einer passenden Möblierung abzustimmen wissen.

 

Dank der Sanierung und Eliminierung der alten Ölheizung sind nun beide Bauten CO²-neutral und werden mit erneuerbarer Energie beheizt. Man muss allerdings schon zweimal schauen, um festzustellen, dass das Schrägdach der Remise mit Solarpanels bestückt ist. Es handelt sich um Einzelanfertigungen, die präzise auf den grünen Farbanstrich des Holzes abgestimmt sind. Die hier gesammelte Energie kann in einem Speicher zusammengeführt werden und dient auch der Stromversorgung des Altbaus. Umgekehrt dient die Erdsonde, die man unter das historische Haus geführt hat, ebenso der Beheizung des hölzernen Atelierhauses. Die beiden Bauten gehen also nicht nur eine architektonische Verbindung ein, sondern pflegen auch energetisch Freundschaft.