DIESE ZWEI HäUSER SIND SICH FREUNDSCHAFTLICH VERBUNDEN
Im Zuger Löberenquartier wurde vor kurzem das Wohn- und Geburtshaus von zwei bekannten Persönlichkeiten saniert und mit einer modernen Remise ergänzt. Eine gewagte und farbenfrohe Sache.
Beim Bestandsbau von 1898 handelt es sich um das Geburtshaus des Zuger Architekten Leo Hafner und dessen Schwester, der Kunstmalerin Maria Hafner. Mit der neuen Remise ist ein einstöckiges Atelierhaus entstanden, das den Altbau stilsicher ergänzt. «Schon während der Sanierungs- und Bauphase haben die Passanten positiv auf das Bauvorhaben reagiert, blieben stehen und wollten wissen, was wir vorhaben», erzählt Matthias Hafner. Er ist der Sohn von Leo Hafner (1924−2015) und der Neffe von Maria Hafner (1923−2018) und hat als Bauherr die Erbengemeinschaft vertreten. Mit dem Architekten Claudio Holdener und der Spezialistin für Kunst am Bau, Daniela Schönbächler, fand Hafner für das Vorhaben die idealen Partner. Ihnen gemeinsam war der Anspruch, beim Projekt dem historischen Kontext der Liegenschaft gerecht zu werden.
Das Wohnhaus St. Josef, wie es offiziell heisst, ist ein wichtiger Zeuge des repräsentativen Wohnungsbaus der Jahrhundertwende. Es wurde vom Zuger Baumeister Johann Landis (1860–1936) realisiert und zeigt den Übergang vom Historismus zum Heimatstil. Landis hat zu dieser Zeit gleich mehrere solche Sichtbacksteinhäuser im Loretoquartier für die gehobene Bürgerschaft erstellt. Das Exemplar an der Löberenstrasse ist jedoch das einzige, das weitgehend im Originalzustand erhalten blieb. Auch der Standort ist von historischer Bedeutung. Die Liegenschaft befindet sich an der einst wichtigsten Verbindungsachse, die von Zug via Baar nach Zürich führte. Die Bauten an dieser Strasse sind zudem Zeugnis einer kontinuierlichen Stadterweiterung, die um 1900 einsetzte. Eingebettet sind sie in eine von Wiesen, Stauden und Bäumen geprägte Umgebung, nahe vom «Guggi» und doch mitten im Zentrum. Ein fünfminütiger Spaziergang führt via Schanz und Kapuzinerturm direkt zum Postplatz. Beste Lage also.
Klar war von Anfang an, dass auf dem gut 1000 Quadratmeter grossen Grundstück mehr Ausnützung möglich war. Um die historische Bausubstanz und das Erscheinungsbild nicht zu tangieren, entschied man sich für einen Solitärbau, der nun in Form eines einstöckigen Atelierhauses hier steht. Parallel zur Realisierung des Neubaus hat man im Backsteinhaus die beiden Wohnungen saniert und im Dachstock eine dritte Wohneinheit geschaffen. Die Remise kommt als eine Art «grosszügiges Tiny House» daher und bietet Wohnraum für ein bis zwei Personen.
Die Idee, auf dem Grundstück Platz für ein Atelierhaus zu schaffen, ist der Tradition im Hause Hafner geschuldet. Schon Kunstmalerin Maria Hafner betrieb seinerzeit im Dachstock des historischen Hauses ihr Atelier und realisierte dort mit viel Hingabe ihre von religiösem und spirituellem Charakter geprägten Bilderzyklen. «Als Kind besuchte ich meine Tante oft in ihrem Atelier», erzählt Matthias Hafner. Auch er ist rückblickend froh, dass man den Mut hatte, dem historischen Bau ein hippes architektonisches Statement gegenüberzustellen – im Sinne einer unkonventionellen Verdichtung. Dank des Neubaus formiert sich hinter dem Altbau zudem eine hofähnliche Situation mit lauschigem Kiesplätzchen.
Auch sonst sind die zwei Bauvolumen fein aufeinander abgestimmt. Die Winkel der beiden Dächer verlaufen nahezu identisch, und die grün gestrichene Holzfassade schafft einen Bezug zu den historischen Jalousieläden des Altbaus sowie den Grüntönen der Pflanzen rund ums Haus. Die alten Rhododendren, Pfingstrosen und Johannisbeersträucher wurden während der Bauphase umgepflanzt und anschliessend wieder in die Moorbeete gesetzt. Die Gärten und deren Einfriedung mit historischen Metallzäunen waren und sind auch nach der Sanierung prägende Bestandteile des Quartiers.
Beim Rundgang durchs dreigeschossige Haus stellt man fest, dass an der Raumaufteilung kaum etwas verändert wurde. Die Grundrisse der oberen und unteren Wohnung sind praktisch identisch. Unter dem Dach wurde der Wohnbereich geöffnet, um mehr Raumhöhe zu generieren und die Dachkonstruktion sichtbar zu machen. Ebenso hat man ein Badezimmer realisiert und die bestehenden Dachflächenfenster aus den 1970er-Jahren ersetzt und neu nach historischem Vorbild konzipiert.
Das Studium alter Pläne und Fotos motivierte Architekten und Bauherrschaft dazu, einzelne Bauteile wie die Fensterfassungen wieder näher an den Originalzustand zu führen, das Haus mit den einst verwendeten Kämpferfenstern auszustatten und auch beim Kamin und beim Dach wieder «back to the roots» zu gehen. Letzteres war einst mit Ziegeln bedeckt, später mit Eternit. Jetzt hat das Haus wieder ein Ziegeldach.
Ein wichtiger Aspekt bei dieser Sanierung war das Thema Farbe. Untersuchungen am alten Haus legten verschiedene kunterbunte Schichten frei, die sich von Pink und Schwarz über Grün und Blau erstreckten. In einigen Zimmern kamen Tapeten mit Streifen oder floralen Mustern zum Vorschein. Nun dominieren je nach Etage und Raum Farbkonzepte in diversen Abstufungen von Petrolblau, Resedagrün und Ochsenblutrot. Keine Frage: Dieses Objekt richtet sich an Bewohner, die offen für kräftige Farben sind, die Charakteristika der Raumgestaltung zu schätzen und mit einer passenden Möblierung abzustimmen wissen.
Dank der Sanierung und Entfernung der alten Ölheizung sind nun beide Bauten CO₂-neutral und werden mit erneuerbarer Energie beheizt. Man muss allerdings schon zweimal schauen, um festzustellen, dass das Schrägdach der Remise mit Solarpanels bestückt ist. Es handelt sich um Einzelanfertigungen, die präzise auf den grünen Farbanstrich des Holzes abgestimmt sind. Die hier gesammelte Energie wird in einem Speicher zusammengeführt und dient auch der Stromversorgung des Altbaus. Umgekehrt dient die Erdsonde, die man unter das historische Haus geführt hat, ebenso der Beheizung des hölzernen Atelierhauses. Die beiden Bauten gehen also nicht nur eine architektonische Verbindung ein, sondern pflegen auch energetisch Freundschaft.