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ZUSAMMENARBEIT

Regine Giesecke (Fotos)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

30.7.2026

ITALIANITà, GRANDEZZA UND TOTE HOSE IM ERDGESCHOSS

 

Die aufwändige Sanierung der ehemaligen Hauptpost wirkt sich positiv auf die Belebung der Zuger Innenstadt aus. Wären da nicht die konstant geschlossenen Lamellenstoren eines Mieters.

 

Italianità – der langjährige Zuger Stadtpräsident Dolfi Müller bemühte den Begriff immer dann, wenn er seine Vorstellungen einer lebendigen Innenstadt veranschaulichen wollte. Wenn er erklären musste, warum sich oberirdische Parkplätze problemlos in Parkhäuser verlagern lassen und dadurch Fläche für Begegnung freigespielt wird. Italianità schwebte Müller seinerzeit auch auf dem Postplatz vor, der sich – Gastronomie sei Dank – nun tatsächlich zu einem populären Treffpunkt gemausert hat. Das Bild des attraktiven Aussenraums ist geprägt von der Grandezza des Postgebäudes – erstellt im Stil der italienischen Renaissance.

 

Erbaut wurde die Zuger Hauptpost 1899–1902 nach Plänen des Architekten Theodor Gohl. Die Ausführung des mächtigen Baus an prominenter Lage oblag dem Zuger Baumeister Johann Landis. Das Haus repräsentiert vortrefflich die Wichtigkeit der damaligen Institution Bundespost. Entsprechend scheute die Eigentümerin, die Post Immobilien AG, für die Sanierung keine Kosten. Sie beliefen sich nach Abschluss der Arbeiten im Jahr 2022 auf knapp 10 Millionen Franken.

 

Besonders aufwändig war die fachgerechte Restaurierung der Sandsteinfassade. Schäden zeigten sich an diversen Stellen: an Fensterbänken, Balustraden, Kassetten, Konsolen, Kapitellen, an dekorativen Ornamenten in Blatt- und Muschelform und an formschönen Figurengruppen. Zudem war die Gesteinsoberfläche dunkel verfärbt und mit Moos und Flechten bedeckt. Nach einer sogenannten Schadenkartierung wurde die Fassade zuerst mit Wasser gereinigt. Danach hat man stark sandende Bauteile mit einem speziellen Verfestigungsmittel behandelt, grosse Fehlstellen mit Mörtel aufgebessert, Risse in Natur- und Kunststein mit Injektionen verschlossen, Fugen erneuert und einzelne Steine wenn nötig herausgespitzt und durch neue ersetzt.

Zeitintensiv gestaltete sich auch die Sanierung des undichten Mansarddachs. Dieses wurde neu gedämmt und gedeckt. Allerdings hat man nicht die alten und teils beschädigten Eternitschindeln, die das Dach die letzten Jahrzehnte deckten, ersetzt. Stattdessen entschied man sich für Naturschieferplatten. Sie wurden auch für den Ursprungsbau vor 120 Jahren verwendet. Die Rückbesinnung bei der Materialisierung und Farbgebung auf das Originale habe die Sanierung ohnehin stark geprägt, betont Architekt Erich Leutwyler. Man analysierte, stieg in Archive und recherchierte, was früher war.

Nicht verschwiegen werden darf, dass vor allem im Innern des Postgebäudes in den 1960er- und 70er- Jahre unzählige Bausünden begangen wurden und der Umgang mit der alten Bausubstanz nicht eben respektvoll war. Da wurden Stuckaturen abgeschlagen, Rundbögen zugemauert, unschöne Zwischengeschosse eingebaut, historische Türen und Naturholzfenster durch «moderne» Modelle ersetzt. Terrazzoböden hat man kurzerhand entfernt bzw. mit «pflegeleichten», stark polierten Keramikplatten bedeckt oder durch Linoleum ersetzt.

 

Die entsprechende Fotodokumentation aus dem Jahre 2020 bietet einen Anblick des Grauens und schmerzt jeden Bürger, der ein Minimum an Geschmack und Bewusstsein für Baukultur und (Architektur-)Geschichte mitbringt. Einzig in einer kleinen Abstellkammer im Erdgeschoss waren die ursprüngliche Fassung der Decken und Wandoberflächen, die Stuckaturen und der Terrazzo noch erhalten. Der unscheinbare Nebenraum wurde damit zum wichtigen Zeitzeugen für die ursprüngliche Materialisierung.

Freude kommt auf, wenn man das Treppenhaus heute betritt. Artfremde Materialien sind keine mehr zu finden. Terrazzo und Stuck wurden instandgesetzt, ausgebessert oder erneuert. Andere Bauteile erfuhren eine sorgfältige Rekonstruktion oder moderne Neuinterpretation. Der neue Lift ist diskret eingebaut. Das formschöne, in den Terrazzo integrierte Mosaikfries sticht als schönes Detail ins Auge. Beeindruckt erkundet man eine Etage nach der anderen, ist begeistert vom bauzeitlichen Treppengeländer aus Gusseisen und dem hölzernen Handlauf. Ein Highlight stellt die geschmackvolle Tapete aus Calicot dar; ein spezielles Gewebe, das schon vor hundert Jahren für Stofftapeten verwendet wurde. Sie schmückten einst die Wände des Treppenhauses und mussten ersetzt werden.

Apropos Ersatz. Das alte Telegraphentürmchen, das in früheren Zeiten den Abschluss der Dachkuppel bildete und im Laufe der Jahre zu Gunsten einer Natel-Antenne verschwand, soll rekonstruiert und wieder montiert werden. Die Pläne dafür sind bereits erstellt. Die Natel-Antenne, so die Idee, soll dann diskret im Türmchen verschwinden. Ein Revival erfuhren die sechs Löwenköpfe, die einst an den Ecken des Daches prangten, in den 1960er Jahren aber verschwanden. Sie wurden aus Zinkblech rekonstruiert und im Rahmen der Sanierung wieder am Dach montiert.

 

Ein Fragezeichen wirft ein Teil der Erdgeschossnutzung auf. Das Restaurant Più der Gastro-Kette Bindella zieht zwar eine Menge Gäste an. Doch auf der gleichen Ebene Richtung Schanz wirkt es öde. Seit über einem Jahr bietet sich ein trostloser Blick auf graue Lamellenstoren, die konstant geschlossen sind. Eingemietet in diesem Bereich ist die Firma Hair and Skin Medical AG. Kundschaft hat sie keine. Die Beauty-Start-Up-Kette ging 2024 Konkurs. Vom Lauf des Verfahrens hängt es nun ab, wann die Räumlichkeiten neu vermietet werden können. Bis es soweit ist, herrscht hier tote Hose.