DIESER PASS MACHT SINN UND SPASS
Der Zuger Ferienpass reagierte in den letzten 25 Jahren stets klug auf gesellschaftliche Veränderungen und blieb sich trotzdem treu. Das gefragte Angebot der GGZ stellt bis heute eine wichtige Ergänzung und Bereicherung zu den klassischen Familienferien dar.
Die Art und Weise, wie Kinder Ferien machen, sagt viel über den Zeitgeist aus. Früher, wir erinnern uns, besuchte man die Tante am Bodensee, ging zur Grossmutter ins Luzernische, mit den Eltern «z Berg» oder fuhr mit dem Auto Richtung Mittelmeer. Die Ferien, das war klar, verbrachte man mit Eltern und Geschwistern – zwei Wochen im Jahr oder mehr. Mitunter gab es aber auch Momente von Langeweile, weil alle Freunde im Quartier verreist waren. Dann sehnte man den Schulstart förmlich herbei.
Wie anders nimmt sich die Feriengestaltung heute aus. «Programm» von institutioneller Seite ist angesagt: Kochen, Reiten, Tauchen, Kurse in Bogenschiessen, Fechten, Tennis, Golf. Und zwar nicht nur, um Kindern und Jugendlichen abwechslungs- und lehrreiche Aktivitäten zu bieten, sondern auch, um Väter und Mütter zu entlasten. Die wenigsten unter ihnen können im Sommer sechs Wochen lang Ferien machen und ihre Kinder von morgens bis abends bespassen. Je nach Situation erlaubt es auch das Budget oder die Wohnsituation nicht allen Eltern, die sechswöchigen Sommerferien passend zu gestalten. Grosseltern sind auch nicht immer zur Stelle. Im Wissen darum engagiert sich die GGZ seit langem in diesem Bereich der Kinder- und Jugendförderung und verantwortet den Zuger Ferienpass. Das dreiwöchige Sommerprogramm gehört mittlerweile zum festen Bestandteil der GGZ. Doch das war nicht immer so.
Ursprünglich lag der Ferienpass nämlich in der Verantwortung der Pro Juventute Zug, die ihn 1980 lancierte. Die GGZ erbte das Projekt sozusagen, besser gesagt: rettete es rund zwanzig Jahre später, als sich 2001 abzeichnete, dass die Pro Juventute das Angebot nicht weiterführen konnte. Das Thema wurde sogar zum Politikum. Eine illustre, parteiübergreifende Schar von Kantonsrätinnen und Kantonsräten (unter ihnen Anna Lustenberger, Michel Ebinger, Trudy Fux, Dorly Heimgartner, Anne Ithen, Josef Lang, Matthias Michel und Willi Wismer) reichte im Frühling 2001 einen Vorstoss ein und appellierte an die Zuger Regierung, den Ferienpass «langfristig zu sichern», indem der Kanton die Trägerschaft übernehme. Wegen fehlender Zuständigkeit lehnte die Regierung das Ansinnen zwar ab, bot aber Hand für eine andere Lösung und sprach für den Ferienpass fortan 50 000 Franken aus dem Lotteriefonds. Gleichzeitig erklärte sich die GGZ kurzerhand bereit, den Ferienpass zu übernehmen. Dank viel Improvisation und der Unterstützung von Gemeinden, privaten Spendern und Freiwilligen schaffte man es schliesslich, den gefährdeten Ferienpass im Sommer 2001 nahtlos weiterzuführen. Per Winter 2002 gelang es der GGZ zudem, die vakante Stelle «Aktionsleitung» zu besetzen.
Mit Nina Stähli, Nicolett Theiler und Carl Utiger war fortan ein motiviertes Trio am Werk, das den Ferienpass zu einem populären und bestens organisierten GGZ-Projekt entwickelte, zu einem Angebot mit einem hohen pädagogischen Anspruch. Der Grundsatz lautete stets, das Angebot «niederschwellig» zu gestalten, d. h. Kinder aus allen sozialen Schichten abzuholen, also unabhängig von Nationalität, kulturellem Hintergrund oder finanziellen Möglichkeiten. Somit löste man auch einen integrativen Anspruch ein und leistete die GGZ einen Beitrag zu einem wichtigen gesellschaftspolitischen Anliegen. Mit 25 Franken pro Pass war man dabei und profitierte nebst den Aktivitäten auch von der uneingeschränkten Nutzung des öffentlichen Verkehrs und vielen Gratiseintritten, etwa in Schwimmbäder und Museen. Das Konzept kam an. Gross war die Freude, wenn man jeweils kurz vor Ferienstart auf den Filialen der Zuger Kantonalbank bzw. später der UBS den Ferienpass abholen und zu Hause auf dem Sofa das Programm studieren konnte. Unglaublich, was da alles geboten wurde. Was soll ich machen? Pedalo fahren? Volleyball spielen? Töpfern? Segeln? Schaue ich hinter die Kulissen des Rettungsdienstes, des Samaritervereins oder melde ich mich für die abendliche Fledermaus-Exkursion an? Man hatte die Qual der Wahl.
Jahrelang wurde das Ferienpass-Büro im Foyer des Burgbachsaals aufgebaut: mit sieben PC-Stationen und drei eigens für die GGZ installierten Telefonanschlüssen. Mit bunten Post-it-Zetteln, Leuchtstiften und Pinnwänden versuchte das OK, die Übersicht zu behalten. Ein Küchenteam verpflegte an Ort und Stelle die hungrigen Kinder an einem Mittagstisch. Einen Meilenstein stellte die Einführung einer Software dar, die das Anmeldeprozedere massiv vereinfachte. Besonders hektisch zu und her ging es jeweils am Montag vor Programmstart, als der Passverkauf offiziell losging und die ersten Aktivitäten nach dem Motto «first come, first serve» gebucht werden konnten. Bereits eine Stunde vor Einlass ins Ferienpass-Büro bildeten sich vor dem Burgbachsaal lange Schlangen. Legendär auch jene Schreckensmomente, als der Server inmitten der heissen Phase wegen Überlastung plötzlich kollabierte und das System von einer Minute auf die andere stillstand. Das GGZ-Team bot das IT-Notfallteam auf und hielt die wartenden Eltern und Kinder mit Kaffee, Mineral und Guetzli bei Laune.
Doch nicht nur die technische Infrastruktur stiess bisweilen an Grenzen. Unter Diana Fries Hutter, die 2005 die Leitung übernahm, erreichte der Ferienpass Dimensionen eines Grossanlasses, bei dem es erhebliche organisatorische Herausforderungen zu stemmen gab. Der grösste Aufwand bestand in der Planung der Ausflüge, Anlässe und Workshops. Gleichzeitig mussten rund 200 Begleitpersonen gefunden werden, die bereit waren, die Kinderscharen zu Fuss oder mit dem ÖV sicher von A nach B zu bringen. Hinzu kam die Suche nach Sponsoren im Vorfeld, die bereit waren, Veranstaltungen zu finanzieren oder Angestellte – etwa im Rahmen eines Seitenwechsels – für ein Engagement beim Ferienpass zur Verfügung zu stellen. Eine wichtige finanzielle Hilfe leistete – dank der guten Reputation und der Sinnhaftigkeit des Ferienpasses – immer auch die öffentliche Hand. Der Kanton erhöhte seinen Beitrag im Jahr 2011 von 50 000 auf 70 000 Franken. Die Gemeinden beteiligen sich bis heute jedes Jahr mit 65 Franken pro teilnehmendes Kind, wodurch jährlich rund 45 000 Franken an die Betriebskosten bezahlt werden. Faire 33 Franken kostet der Ferienpass aktuell. Finanzschwache Familien erhalten ihn mit der Kulturlegi gratis und bezahlen für Anlässe und Ganztagesbetreuung nur die Hälfte.
Das Erfolgsrezept des Ferienpasses ist eindeutig der vielfältigen und immer wieder überraschenden Ausgestaltung des Programms geschuldet. Kaum ein Thema oder eine Aktivität, die in den letzten 25 Jahren nicht aufgegriffen worden wären. Die Palette reicht von Trommeln, freiem Malen über chinesische Kalligrafie bis zum Kleinkaliberschiessen. Auch öffnen sich für die Kinder in den drei Wochen diverse Türen, die sonst verschlossen bleiben. Gemeinsam besucht man einen Taubenschlag oder eine Igelstation, sieht hinter die Kulissen des Ökihofs, der Post, des EVZ, erklimmt die Sternwarte, steigt runter in den Tresor einer Grossbank oder unternimmt eine unterirdische Fahrt mit dem Stollenbähnli. Bestseller wie der Besuch bei der Zuger Polizei oder der Feuerwehr schaffen es seit Jahrzehnten regelmässig ins Programm, gleichzeitig wird Neues – aktuell etwa die Arbeit mit dem 3-D-Drucker – erprobt. Das Leitungsteam, aber auch die involvierten Firmen sind bestrebt, die Bedürfnisse der Jungen abzuholen und ihr Interesse für künstlerische, technische oder handwerkliche Fertigkeiten und Themen zu wecken. Für die Privatwirtschaft und das Gewerbe ist dies PR. Für die Vereine, die involviert sind, eine Win-win-Situation, da sie via Ferienpass neue Mitglieder gewinnen können.
Auch auf gesellschaftliche Veränderungen wusste der Ferienpass in den letzten Jahren adäquat zu reagieren. Die steigende Erwerbstätigkeit der Mütter war mit ein Grund, warum sich die GGZ entschloss, ab 2012 ein Ganztagsprogramm mit Auffangzeiten zwischen 7.30 und 17 Uhr anzubieten. Die hier angemeldeten Kinder sind dann nicht nur ein, zwei Stunden beim Biken, Bouldern oder Ponyreiten, sondern durchgehend – und vor allem wetterunabhängig – betreut und haben das Privileg, Ausflüge zu unternehmen, die etwas zeitaufwendiger sind. Sie begleiten einen Ranger in den Wildpark Langenberg, machen Bekanntschaft mit Husky-Hunden oder besuchen den internationalen Flughafen in Zürich-Kloten.
Seine Zentrale schlägt der Ferienpass seit vielen Jahren verdankenswerterweise in den Räumlichkeiten der reformierten Kirche des Kantons Zug auf. Das moderne und zentral gelegene Gebäude an der Bundesstrasse 15 eignet sich bestens als Dreh- und Angelpunkt für den Ferienpass, wie ein Augenschein in den Sommerferien 2025 zeigt. Es herrscht Hochbetrieb: Kinder, Eltern und Begleitpersonen schwirren im Foyer herum und halten das Leitungsteam auf Trab. Ist der Kurs «Sketch-Notes und Website» für morgen schon ausgebucht? Hat das Wursten beim lokalen Metzger Spass gemacht? Sind die Schüler aus dem Robotik-Workshop bereits da? Wer begleitet die Gruppe, die im Chemielabor einer Pharmafirma experimentiert? Und weiss jemand, wo die Regenjacke der Schülerin ist, die am Morgen bei der Kosmetikfirma selber Badekugeln hergestellt hat?
Jasmine Hörler, die mit ihrer Kollegin Michèle Hasler den Ferienpass in einem 90 -Prozent-Pensum leitet, lässt sich vom turbulenten Betrieb und von den nonstop klingelnden Anrufen über das Headset nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil: Die beiden Frauen lieben es, wenn etwas los ist, sind voll in ihrem Element und schaukeln alle möglichen Situationen bestens gelaunt. Läuft etwas nicht nach Plan, wird improvisiert. Pinnwände und Post-it-Zettel findet man in der lebhaften Ferienpass-Zentrale keine mehr, denn die Administration wurde in den vergangenen Jahren konsequent digitalisiert und auf Effizienz getrimmt. Das umfangreiche Programm existiert nur noch online, wodurch jederzeit ersichtlich ist, wo es noch freie Plätze hat und welche Aktivitäten ausgebucht sind. Anmeldungen werden digital abgewickelt, was nicht nur Papier, sondern vor allem auch Zeit spart. Das Angebot mit mittlerweile über 350 Anlässen mit fast 6000 Plätzen für rund 700 Kinder wäre sonst mit den 90 Stellenprozenten gar nicht zu managen.
Unverändert ist das Herzblut und Engagement, das im Ferienpass steckt. Das gilt nicht nur für Jasmine Hörler und Michèle Hasler, sondern ebenso für die unverzichtbaren Helferinnen und Helfer, seien es Eltern, rüstige Senioren oder junge Erwachsene, die jedes Jahr über 1500 Stunden Freiwilligenarbeit leisten. Auch die Studierenden der Pädagogischen Hochschule, die präsent sind, oder die Kantonsschüler, die hier ein Sozialpraktikum absolvieren, verlassen das Ferienpass-Büro an diesem sonnigen Julitag mit einem strahlenden Gesicht – im Wissen darum, dass Kinder in den Genuss von unvergesslichen Erlebnissen und lehrreichen Stunden gekommen sind. Die Auslastung des Programms liegt durchschnittlich bei 93 Prozent. Welche Event-Organisation träumt nicht von einer solchen Zahl?