PUBLIKATION

Magazin Andante

ZUSAMMENARBEIT

Severin Jakob (Fotos)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

1.4.2025

LIPPENSTIFT, NAGELLACK UND PIERCINGS - YES, WE LIKE!

 

Remo, Pascal und Patrick haben sich zu einem Gespräch über Partnerschaft, Lust und Liebe bereit erklärt. Die drei jungen Herren mit geistiger Behinderung haben unterschiedliche Ansichten und Erfahrungen mit der Thematik.

 

Pünktlich um 16 Uhr sind die drei Bewohner der Herren-WG an der Hauptstrasse 53 im thurgauischen Eschenz zum vereinbarten Interviewtermin parat. Sie sind Klienten der Stiftung andante und wollen einen Beitrag zum Fokusthema in diesem Magazin leisten, auch wenn es nicht ganz einfach ist, darüber zu sprechen – zumal mit einer Journalistin, die sie heute zum ersten Mal sehen. Nach einem kurzen Rundgang durch das alte aber dennoch gemütliche Bauernhaus setzen wir uns an den grossen Küchentisch und legen los.

 

Pascal, 33 Jahre, macht den Anfang und erzählt, dass er auf der Suche nach einer Freundin sei. Doch weil die nicht vom Himmel fällt, ist er proaktiv unterwegs und geht unter die Leute. Pascal arbeitet regelmässig als Barkeeper im Winterthurer Salzhaus, wenn dort Disco für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung ist. Die Arbeit macht ihm Spass und durch den Job kommt er mit verschiedenen Leuten in Kontakt. Mit einer Freundin hat es aber noch nicht geklappt. Vor einiger Zeit hat er sich darum auf der Plattform deindate.ch eingeloggt – der Partnerbörse für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Bevor er mit der Suche im Netz loslegt und schaut, wer mit ihm «matcht», macht Pascal einen Flirtkurs. Dieser wird von den Betreibern der Plattform organisiert und findet in Weinfelden statt. Die Teilnehmer lernen, wie sie am besten auf Frauen zugehen und was man beachten sollte, wenn sich etwas «anbahnt». Pascal freut sich auf den Kurs und ist voller Hoffnung: «Es wäre schön, jemanden zu haben, um weniger allein zu sein», sagt er.


Auch der 32-jährige Remo ist auf deindate.ch registriert. Doch er macht gerade «eine Pause» als User. Stattdessen trifft er sich mit Kolleginnen, die er sympathisch findet. Auch Remo geht regelmässig in die Salzhaus-Disco. Er sei sogar eine ziemliche Party-Nudel, erfährt man am WG-Tisch. Bezüglich Frauen ist er aber eher zurückhaltend und es fällt ihm schwer, in der Runde davon zu erzählen. Darum ergreift nun Sozialpädagoge Markus das Wort, der die Jungs in der WG betreut. «Partnersuche via Internet klingt schon toll. Und es ist gut, dass es solche Plattformen auch für Menschen mit Behinderung gibt. Aber für unsere Bewohnenden ist und bleibt das eine grosse Herausforderung», sagt Markus. Es beginne schon bei der Kommunikation im Netz: E-Mails lesen und beantworten falle vielen schwer, ebenso Gefühle auszudrücken und Wünsche zu formulieren. Remo nickt. «Ich will auf jeden Fall nichts überstürzen. Ich brauche Zeit», betont er. Gegenwärtig freue er sich einfach, wenn es zu Begegnungen mit netten andante-Klientinnen komme. Markus erzählt, dass es immer mal wieder kleinere Feste an den andante-Standorten gebe, wo man Kontakte knüpfen könne. Das werde geschätzt. Doch wichtig seien auch externe Kontakte. Hin und wieder verabreden sich die Herren darum in der «Werkelei 11» in Stein am Rhein – einem Begegnungsort für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.


Jetzt meldet sich der 33-jährige Patrick zu Wort, der bis jetzt aufmerksam zugehört hat. «Ich hatte vor langer Zeit mal eine Freundin», berichtet er stolz. «Wir haben auch zusammengewohnt.» Weil man sich aber zu häufig gestritten habe, sei die Beziehung in die Brüche gegangen. «Es war mir zu anstrengend», sagt er. Trotzdem hat Patrick eine genaue Vorstellung von seiner Traumfrau. Sie müsse gut aussehen, meint er, schöne Kleider und Schmuck tragen. Lippenstift, Nagellack, Wimperntusche, Parfüm – dies alles kommt bei Patrick an. Schlank und sportlich sollte sie ebenfalls sein. «Es gibt auch Frauen mit Bauchpiercing», wirft Pascal spontan ein und gesteht, dass er dies ziemlich sexy findet, er aber eine Frau mit kurzen Haaren bevorzuge. Ein wenig frech dürfe sie durchaus sein. Gleichzeitig sind sich die Herren einig, dass keineswegs nur das Aussehen zählt, sondern in erster Linie der Charakter. «Ich wünsche mir einfach eine nette Person, mit der man mal einen Kaffee trinken oder eine Velotour unternehmen kann», sagt Pascal. Die idyllische Gegend um Eschenz und die vielen Fahrradwege direkt am Bodensee würden sich für ein solches Unterfangen bestens eignen.


Am nächsten Freitag ist wieder Salzhaus-Disco. Remo und Pascal sind dabei. Sie werden mit dem Postauto nach Winterthur reisen und freuen sich schon jetzt auf einen vergnügten Abend mit alkoholfreien Drinks und guter Musik. «Ich will schliesslich nicht immer zu Hause hocken, sondern etwas erleben und Spass haben», betont Remo. Die Sache mit der festen Freundin lässt sich aber nicht erzwingen, wird im Gespräch mit den andante-Klienten deutlich. Trotzdem bleiben der Wunsch und die Sehnsucht nach einer Frau bei allen drei Männern präsent. Gleichzeitig realisieren sie, wie komplex und anspruchsvoll es ist, sich auf einen Menschen einzulassen, ihm emotional und körperlich näherzukommen. Manchmal sei es darum fast einfacher, Single zu bleiben, bilanziert Patrick. Mitbewohner Remo nickt: «Mir ist dies alles oft zu kompliziert.»