PUBLIKATION

Denkmaljournal

ZUSAMMENARBEIT

Saskja Rosset (Fotografie)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

2.4.2025

VOM EINFACHEN SPUNTEN ZUM VEGETARISCHEN TRENDLOKAL

 

Am Restaurant Bären in Zug lässt sich ein faszinierendes Stück Zuger Sozial- und Gastrogeschichte ablesen. Sie motivierte die Bauherrschaft für eine Sanierung, die Stammkunden und Pächter gleichermassen erfreut.

 

Könnten Häuser sprechen, hätte das Restaurant Bären in Zug eine abenteuerliche Geschichte zu erzählen. Doch was heisst hier «Restaurant»? Beim markanten, dreigeschossigen Eckbau an der Baarerstrasse 30 handelte es sich ursprünglich um eine so genannte Tavernenwirtschaft: um eine einfache Gaststätte mit Zimmern zum Übernachten.

 

1897 gebaut – der Zuger Bahnhof wurde gerade eröffnet – war das Haus von Anfang an eine wichtige Anlaufstelle für die Fabrikarbeiter der Metallwarenfabrik und der Landis & Gyr. Hier tranken sie ihren Most, eine Stange Bier, bestellten ein «Kafi Träsch» oder ein einfaches Tagesmenü für 2 bis 3 Franken. Am Mittag wurden bis zu hundert Personen verpflegt. Aber nicht nur Arbeiter, auch Handwerker, Angestellte des städtischen Werkhofes und der SBB reichten sich im «Bären» die Türklinke und fanden dort ein Stück Heimat. Hinzu kamen hungrige und durstige Touristen, die einen Tagesausflug in die Kantonshauptstadt unternahmen. Jeder war im einfachen Spunten willkommen. Morgens um sechs Uhr ging die schwere Holztür auf, spätabends machten die Wirtinnen den Laden dicht. Der «Bären» war immer offen – sieben Tage die Woche, sogar an Weihnachten. Bis in die 1960er-Jahre verkehrten im «Bären» – abgesehen von den mitunter legendären Wirtinnen und Serviertöchtern – allerdings nur Männer. Erst in den 1960er-Jahren realisierte man im östlich angrenzenden Gebäudeteil eine «Frauenabteilung» mit 40 Plätzen für die Fabrikarbeiterinnen.

 

Die Fenstersimse des «Bärens» waren stets mit Geranien dekoriert. Auf dem Dach wehte eine riesige Schweizerfahne. In einer kleinen Stallung im Hinterhof grunzten noch bis in die 1970er-Jahre zwei Schweine und verköstigten sich an den Essensresten, die man ihnen durchs Küchenfenster reichte. Zweimal im Jahr war Metzgete. An der Fasnacht herrschte im «Bären» Hochbetrieb mit Maskenball und Tanzmusik, nicht für einen Abend oder eine Nacht, sondern rund um die Uhr; vom Schmutzigen Donnerstag bis Aschermittwoch. Dank einem geräumigen Säli im ersten Stock war der «Bären» zudem ideal für Geburtstagsfeste und Familienfeiern, für «Liichämöli» (Leidessen) und Versammlungen aller Art. Der Arbeiterturnverein Satus traf sich hier, der Arbeiter-Radfahrerbund, das Jodler-Doppelquartett, die Harmoniemusik und – last, but not least – die Zuger Sozialisten und Gewerkschafter, die sich hier für ihre Rechte und Anliegen solidarisierten. Kurz und gut: Der «Bären» lebte, der «Bären» bebte. Hier wurde politisiert, debattiert, musiziert, gestritten, gelacht, getanzt, gejasst – Generationen über Generationen.

 

Ein geselliger Ort, an dem gut und gerne getafelt wurde, blieb der «Bären» auch, als die Liegenschaft 2007 an die MZ Immobilien AG (heute Zug Estates AG) verkauft wurde, die das Lokal zu einem populären Ort mit «gutbürgerlicher Küche» insbesondere für Schnitzel- und Cordon-bleu-Liebhaber entwickelte. Legendär das «Fleisch auf heissem Stein», welches zischend auf dem Tisch der hungrigen Gäste landete und eine intensive Duftwolke verströmte. So toll es roch, der Rauch, der hartnäckig in der Luft hängen blieb, war auch ein untrügliches Zeichen, dass die Lüftung «end of life» war. Und nicht nur diese! «Die gesamte Haustechnik entsprach nicht mehr den nötigen Anforderungen», so Bauherrenvertreter Gerardo Pennella . Dies habe den Ausschlag gegeben, das Haus und ebenso die drei dazugehörigen Wohnungen 2023/2024 in Zusammenarbeit mit der Zuger Denkmalpflege einer Gesamtsanierung zu unterziehen. Investiert wurden rund 4 Millionen Franken.

 

Im Zentrum standen die Erneuerung der Installationen, die Ertüchtigung des Brandschutzes sowie eine hindernisfreie Zugänglichkeit und Benutzbarkeit. Dank einem bestehenden Anbau auf der Hofseite konnten laut Pennella die meisten technischen Installationen ausserhalb des Denkmalschutzobjekts untergebracht werden. Ebenso wurden suboptimale bauliche Eingriffe, besonders aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, rückgängig gemacht und die bauzeitliche Farbigkeit der Fassade und des Treppenhauses wiederhergestellt. Auch die historische Ausstattung in den Gaststuben hat überlebt. Überraschend stiess man in einer Nische im Erdgeschoss im oberen Wandbereich auf eine dekorative Schablonenmalerei, die unter einer in Holz furnierten Spanplatte aus den 1950er-Jahren kaschiert war. Sie zeigt verspielte, florale Formen, die behutsam restauriert wurden.

 

Das Gebäude ist nicht nur von kulturhistorischem Wert, es spielt auch städtebaulich eine bedeutende Rolle. Zusammen mit den Wirtshäusern Baarerhof und Zugertor bildet der «Bären» an der 1830 angelegten Baarerstrasse bis heute einen markanten Zeitzeugen. Und durch seinen vorgeschobenen Kubus behauptet er sich tapfer in der durch Grossüberbauungen (Metalli und Laubenhof) geprägten Strassenflucht. Erworben hatte das Grundstück einst der erfolgreiche Sägereibesitzer und Baumeister Dagobert Keiser, der die Pläne zeichnete und die Ausführung realisierte. Der dreigeschossige Ursprungsbau steht auf annähernd quadratischem Grundriss und ist mit einem Mittelrisalit ausgezeichnet, der als Turm das Dach überhöht. Prägnante Fensterachsen und markanter Granit, Sandstein und verputzte Brüstungsschilder prägen das Fassadenbild. An der Ecke tritt ein in Backstein gefasster Erker in Erscheinung, gekrönt durch ein verziertes Metallgeländer. Dass der Kanton das Haus im Jahr 1993 unter Schutz stellte, mag aus heutiger Sicht kaum erstaunen, ist aber insofern bemerkenswert, als ein rechtsgültiger Bebauungsplan von 1970 noch den Abbruch und Ersatz der Liegenschaft vorsah.

 

Als die Sanierung startete, suchte die Eigentümerin Zug Estates, der unter anderem auch das Parkhotel Zug gehört, einen Restaurantbetreiber mit gutbürgerlicher Küche. Unter anderem reichte Tibits ein Konzept ein und überzeugte. Das Familienunternehmen wollte in Zug schon länger Fuss fassen und sah im denkmalgeschützten Haus den idealen Standort für eine neue Filiale. «Auch unsere vegetarische Küche geht auf eine langjährige Tradition zurück. Der Charme des alten Gemäuers und die historische Ausgestaltung passen wunderbar zu unserem Gastrokonzept mit qualitativ hochwertigen vegetarischen und veganen Speisen», so Reto Frei, der das Schweizer Buffet-Restaurant mit seinem Bruder Daniel führt und zusammen mit Rolf Hiltl gegründet hat. Auch die Bedürfnisse und Wünsche des Erfolgsduos galt es fortan einzubeziehen, damit ein funktionierender Betrieb im Gebäude möglich ist. Am Zuger Architekt Patrick Röösli lag es schliesslich, alle Anliegen unter einen Hut zu bringen.

 

Im August 2024 wurde der «Bären» «powered by Tibits» bei einer fulminanten Party mit viel Prominenz samt DJ, Baarer Bier und Chriesi-Gazpacho feierlich eröffnet. Es herrschte wieder mal Festlaune bis spät in die Nacht. Mit dabei: unzählige ehemalige Stammgäste, darunter Politiker und Zünftler, die noch im alten, verrauchten Spunten verkehrten und ihre Geschichten zum Besten gaben, so etwa alt Regierungsrat Hanspeter Uster, der eloquente Zuger Linke, der sich an bewegte politische Zeiten der 1970er-Jahre erinnerte. «Hier versammelten wir uns mit der Revolutionären Marxistischen Liga (RML), bereiteten die Armeeabschaffungsinitiative und die Abstimmung über die Verhinderung des Kernkraftwerkes von Kaiseraugst vor – unvergessliche Abende!» Wie der Rest der Gäste zeigte auch er sich begeistert vom sanierten «Bären», wo die historischen Elemente und Oberflächen – insbesondere die hölzernen Decken, Böden und Wände – durch die Wahl des stylischen Mobiliars, futuristisch anmutender Deckenlampen und farbenintensiver Textilien noch kraftvoller in Erscheinung treten als zuvor.

 

Architekt, Handwerker, Bauherrschaft, Denkmalpflege und Pächter haben sich mit der Sanierung des «Bärens» vorbildlich um den Erhalt und die zeitgemässe Nutzung eines Zuger Zeitzeugen verdient gemacht und gezeigt: Es bringt nichts, den guten alten Zeiten nachzutrauern. Sinnvoller ist es, die Chancen, die solche Projekte bergen, zu packen. Im neuen Restaurant hat es mit 120 Innenplätzen und 40 Aussenplätzen übrigens deutlich mehr Platz als im alten Restaurant. Und den beiden Schweinen im Bretterverschlag braucht auch niemand nachzutrauern. Überschüssige Lebensmittel aus dem Restaurant finden nach dem Motto «no food waste» nach Feierabend über die App Too Good To Go zur Kundschaft.

 

Das Denkmal in Kürze

 

Das Restaurant Bären in Zug wurde 1897 von Baumeister Dagobert Keiser erstellt. Es stand pünktlich zur Eröffnung des Bahnhofs bereit. Als Wirtschaft der Arbeiter und Sozialisten, aber auch als beliebter Treffpunkt der ganzen Bevölkerung und mehrerer Generationen ist der «Bären» eine wichtige Institution der Sozialgeschichte der Stadt Zug. Zusammen mit dem benachbarten Wohnhaus an der Metallstrasse 1 bildet die Liegenschaft an der Baarerstrasse 30 ein intaktes Ensemble im Stile des Historismus.