PUBLIKATION

Zentralplus

ZUSAMMENARBEIT

Jacqueline Falk (Foto)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

20.8.2021

ER STEHT NICHT MEHR!

 

 

Schon klar, gegen die repräsentativen, historischen Bauten in unmittelbarer Nähe hatte der kleine Kiosk einen schweren Stand – und doch war er über Jahre der heimliche Star am Platz.  Von oben bis unten vollgestopft mit Süss- und Tabakwaren, Klatschmagazinen und Tageszeitungen; wobei Schokoladenriegel schon mal wegzuschmelzen drohten und Gummibärchen ins Schwitzen gerieten, wenn die Sonne mittags gnadenlos auf die kleine Bude brannte. Ohnehin wirkte die feil gebotene Ware ein wenig wie aus der Zeit gefallen: ungesund, überzuckert, kalorienreich, dank Konservierungsmitteln haltbar bis zum Sankt-Nimmerleinstag.


Stammkunden gab es dennoch. Sie schätzten den persönlichen Kontakt mit dem Pächter-Ehepaar Zeynep und Abdullah Otlu, versuchten ihr Glück mit Rubellosen und waren vertraut mit den schwer durchschaubaren Öffnungszeiten. Die meisten Passanten wunderten sich aber einfach nur, wie die dreieinhalb Quadratmeter grosse Verkaufsstelle so lange der von Profit und Wachstum geprägten Stadtentwicklung trotzen konnte. Auf diesem teuren Pflaster – Grund und Boden gehören der Stadt – wäre doch wirklich mehr Rendite zu holen! Fakt ist: Der Kiosk hätte gemäss Behörden schon vor vier Jahren verschwinden und einem neuzeitlichen Setting weichen sollen. Der Parkplatzstreit verhinderte dies und hat insofern rückwirkend doch noch Sinn gemacht.


Im Inventar der schützenswerten Denkmäler war der Kiosk nie gelistet, unter kantonalem Schutz stand er schon gar nicht. Doch stellte er mit seinem kruden Charme ein Stück Baukultur dar und hinterlässt jetzt im Kantonshauptstädtchen eine empfindliche Lücke: Wie heisst es so oder ähnlich in offiziellen Leitfäden: «Baudenkmäler sind wichtige Zeitzeugen, die einen Ort wesentlich mitprägen und identitätsstiftend sind. Objekte, die über einen wissenschaftlichen, kulturellen oder heimatkundlichen Wert verfügen.» Oh ja! Der kleine Kiosk am Postplatz stiftete Identität - und Heimat sowieso!


So sah es auch der ehemalige Denkmalpfleger Georg Frey, der in einem Interview mit Zentralplus vom 27. Juli 2013, seine Liebe zu diesem Konstrukt gestand. Ein Denkmal, so Frey, müsse nicht zwingend schön sein. Mindestens so wichtig sei die Beziehung, die Menschen zu einem Gebäude herstellen. Und weiter: «Umstellt von Verkehrsschildern, Mülleimern, Lichtsignalen, Blumentöpfen, Fahrzeugen und Fussgängern behauptet sich dieser schräge, ja fast schäbige Kiosk seit Jahrzehnten mitten in Zug. Er hat als sympathischer Treffpunkt in einem gestalterischen Wildwuchs überlebt. Ich empfinde ihn als Bereicherung. Jedes Mal, wenn ich an ihm vorbeigehe, denke ich: Wow, er steht noch!» Tempi passati.