PUBLIKATION

GGZ Jahresbericht

ZUSAMMENARBEIT

Daniela Kienzler (Fotografie)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

1.4.2021

KüNFTIG VERNüNFTIG

 

Federico Gerotto, 32, konsumierte siebzehn Jahre lang harte Drogen und war in kriminellen Kreisen unterwegs. Seine letzte Chance muss er nun packen – sagt auch das Migrationsamt.

 

Einen körperlichen Drogenentzug und eine psychische Entwöhnung stationär zu absolvieren, verdient Respekt. Aber kommt die eigentliche Bewährungsprobe nicht erst nachher?

Das stimmt. Während meines Aufenthalts in der Sennhütte vom Frühling 2019 bis Herbst 2020 war ich in ein festes Programm eingebunden, musste Urinproben abgeben usw. usf. Jetzt bin ich auf mich allein gestellt. Zum Glück habe ich aber eine Arbeit. Mein Job als Monteur in einem Luzerner Pneuhaus absorbiert mich zeitlich stark. Ich habe einen langen Arbeitsweg, muss morgens um sechs Uhr aus dem Haus und bin abends erst um halb acht wieder daheim. Oft arbeite ich auch am Samstag. So komme ich gar nicht auf dumme Gedanken. Restaurants, Clubs und Bars sind wegen COVID-19 ohnehin geschlossen. Auch da drohen also keine Verlockungen. Wenn ich dennoch mal ans Konsumieren denke, führe ich mir einfach vor Augen, wie mies es mir zu meinen schlimmsten Zeiten ging. Dann vergeht mir die Lust darauf sofort.  

Warum hast Du mit Drogen angefangen? Meist steckt mehr dahinter als die blosse Neugierde, wie eine Substanz wirkt.
Meine Kindheit war alles andere als sorglos. Bei uns zu Hause gab es ständig Streit. Schon als Siebenjähriger erlebte ich Szenen zwischen meinen Eltern, die sehr unschön und nicht so einfach zu verarbeiten waren. Heute weiss ich: diese Erlebnisse, geprägt von Hass und Gewalt, haben mich traumatisiert. Mein Vater trank, konsumierte illegale Drogen, drehte krumme Geschäfte und betrog meine Mutter. Er schrie oft herum, war aggressiv. Anderseits habe ich auch viel von ihm gelernt. Als gelernter Feinmechaniker restaurierte er Oldtimer, teilweise richtige Raritäten. Er lehrte mich, wie man Fahrzeuge auseinandernimmt und wieder zusammenbaut. So entdeckte ich meine Leidenschaft für Autos. Um auf die Frage zurückzukommen: zu den Drogen griff ich aus purer Not, um all die Dinge, die mich beschäftigten, zu vergessen. Dazu gehörte auch, dass ich in der Schule massiv gemobbt wurde. Mit 13 Jahren begann ich zu rauchen und zu kiffen. Mit 16 Jahren war ich in Basel schon heftig im Ausgang unterwegs.

 

Die Sache lief schon früh aus dem Ruder?
Viele Jahre lang hatte ich mein Leben recht gut im Griff oder dachte jedenfalls, dass dem so war. Ich machte meine Lehre als Automechaniker, arbeitete im Job, hatte schon früh meine eigene Wohnung, fuhr einen coolen Wagen und genoss meine Freiheit. Doch eben: Der Konsum nahm über die Jahre kontinuierlich zu. Irgendwann begann ich mit Ecstasy. Als mir das nicht mehr genügte, konsumierte ich den Wirkstoff – das so genannte MDMA – pur. An meinem 18. Geburtstag probierte ich zum ersten Mal Kokain.

 

Hattest Du nie Vorbehalte oder Angst, Deine Gesundheit zu ruinieren?
Daran dachte ich nicht. Ich war ja in guter Gesellschaft, verkehrte in Kreisen, wo Drogen an der Tagesordnung waren und gestorben war daran niemand. Bis zum Alter von 23 Jahren ging das eigentlich ganz gut. Ich hatte auch eine tolle Freundin, in die ich schwer verliebt war. Als jedoch diese Beziehung in die Brüche ging, stützte ich total ab. Ich konsumierte gewaltig, bis zu fünf Gramm Kokain pro Tag, war also ständig verladen, dealte mit Drogen und Waffen und drehte noch andere krumme Geschäfte, um es mal vornehm auszudrücken. In der Szene war ich ein gefragter Mann, denn von meinem Vater hatte ich Italienisch und von meiner Mutter Französisch gelernt. Mit diesen Sprachkenntnissen war ich dazu prädestiniert, in der Grenzregion von Basel zwischen all den involvierten Typen zu vermitteln und zu übersetzen. Mit der Zeit wuchs allerdings mein Schuldenberg massiv an, am Ende auf einen Betrag von über 100 000 Franken. Da gestand ich mir ein, dass ich mein Leben nicht wirklich im Griff hatte. Meine Mutter, die mir in all den Jahren immer wieder auf die Beine geholfen hatte, redete mir ebenfalls ins Gewissen und liess mich wissen, dass sie nicht mehr bereit sei, mir aus meinem Elend zu helfen. Ich solle, sagte sie, endlich professionelle Hilfe holen. 

 

Diesen Rat Deiner Mutter hast Du ernst genommen?
Ich wusste, dass sie recht hatte. An einem Tag im Februar 2019 um 4 Uhr morgens konsumierte ich mein letztes Gramm Kokain, rief in der Psychiatrischen Klinik Basel an und sagte, dass ich dringend Hilfe brauche, je früher desto besser. Zwei Tage später erhielt ich Bescheid, dass ein Platz frei sei. Meine Mutter fuhr mich eigenhändig mit dem Auto hin, um sicherzugehen, dass ich auch wirklich einrückte. Ich machte einen sogenannten kalten Entzug, nahm also keinerlei Medikamente. Das stand ich besser durch, als befürchtet, und war – das erste Mal nach siebzehn Jahren Konsum – klar im Kopf. Unmittelbar nach dem zweimonatigen Aufenthalt in der Psychiatrie startete ich schliesslich die 18-monatige Therapie in der Sennhütte. In dieser Zeit habe ich mehr über mich gelernt als in den letzten zehn Jahren zuvor. Die Therapien, die Gespräche, die Auseinandersetzung mit mir und meinem Leben, die dort stattfand, haben mich ein grosses Stück vorwärtsgebracht und mich psychisch gestärkt. Entsprechend zuversichtlich bin ich nun und hoffe, dass auch ich zu jenen ehemaligen Klienten gehöre, die es schaffen, langfristig clean zu bleiben. Ich muss! Denn aufgrund meiner kriminellen Vergangenheit lebe ich so eine Art «auf Bewährung» in der Schweiz.

 

Wie meinst Du das?
Ich besitze nur eine C-Bewilligung. Kommt es nochmals zu einer Verzeigung, muss ich laut Migrationsbehörde das Land verlassen. Das ist hart, aber die drohende Ausschaffung zwingt mich zusätzlich, ein anständiges Leben zu führen, weiterhin einer geregelten Arbeit nachzugehen, auf vernünftige Weise Geld zu verdienen und meine Schulden abzubauen. Da ich gegenwärtig wieder bei meiner Mutter und deren Freund lebe, gelingt mir das ganz gut. Das Ziel wäre, selbst mal eine Familie zu gründen und auch als Vater Verantwortung zu übernehmen.