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Magazin Forum

ZUSAMMENARBEIT

Jamie Aspinall (Illustration)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

22.6.2020

DELIKATES MITEINANDER

 

Nachbarn hat man – ob man will oder nicht. Und meistens nur Ärger mit ihnen. Oder doch nicht? Eine Auslegeordnung.

 

Meine Nachbarinnen haben mir das Leben gerettet. Nicht im Moment eines akuten Herzstillstands mit einem griffbereiten Defibrillator, aber dennoch in einer Situation grösster Not: als mir mein Freund von einem Tag auf den anderen den Laufpass gab und mich – mit zwei kleinen Kindern – sprichwörtlich mutterseelenallein sitzenliess. Wären da nicht Sophie und Steffi im gleichen Haus gewesen, die für meinen Liebeskummer ein offenes Ohr und eine offene Wohnungstür gehabt hätten, würde ich wohl heute noch heulend in der schönen Zürcher Altbauwohnung im Kreis 6 sitzen: enttäuscht, frustriert, desillusioniert.


«Prosecco time!» kam da meist so gegen 20 Uhr per Kurznachricht – ein Aufgebot zum gemeinsamen Apéro in der gemütlichen Dachwohnung über mir, wo die beiden Schwestern gemeinsam hausten. «Hey, Biene, wir bringen dich wieder zum Lachen. Komm rauf!» Es war ja auch so praktisch: Kaum lagen die Kinder im Bett und war kein Mucks mehr zu vernehmen, schaltete ich das Babyfon ein und schlich nach oben. Nichts schien mir in meiner Misere willkommener als diese gemütlichen Plauderstunden, die mich abends vom Singledasein ablenkten. Gut verstanden haben wir drei uns in der Hausgemeinschaft schon immer. Aber die Sache mit dem Liebeskummer schweiste uns richtig zusammen und zeigte deutlich: Das Rettende liegt oft so nah – eine Haustür, eine Flurlänge, eine Häuserzeile weiter oder, wie in meinem Fall, ein Stockwerk höher.


Ignoranz, Diskretion oder Desinteresse?


Freilich hat wohl jeder – sei es als Mieter oder Eigentümer – schon die Erfahrung gemacht, dass allein die Tatsache, im gleichen Haus zu wohnen, noch lange nicht bedeutet, dass man sich auch persönlich verbunden fühlt. Wie wunderbar lässt es sich doch – wenn man nur will – aneinander vorbeileben und -wohnen. Die alleinstehende Dame in der 2-Zimmer-Wohnung? Ach, die verbringt ihre Tage doch nur mit Fernsehschauen und Rauchen und hat bestimmt nichts Interessantes zu erzählen. Der gut gekleidete Manager mit dem teuren Wagen, der im Auto über Lautsprecher immer so wichtige Telefonate führt? Der wirkt so gehetzt und spricht sowieso nur Englisch. Die schlanke Joggerin, die abends im Quartier noch ihre Runden dreht? Die brauche ich erst gar nicht zu grüssen, sie würde dies mit den Kopfhörern in den Ohren ohnehin nicht hören. Es gibt tausend und eine Möglichkeit, Nachbarn bewusst zu ignorieren oder elegant zu übersehen. Haustür zu – und jetzt ist Ruh.


Es soll Siedlungen geben, da meiden Menschen das Treppenhaus und entschwinden am liebsten in den leeren Lift, um möglichst unbemerkt in ein anderes Stockwerk zu gelangen. Es soll Siedlungen geben, da sollen Mieter Jahre oder Jahrzehnte Tür an Tür wohnen, ohne auch nur einmal über das obligate Grüezi ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Es soll Nachbarschaften geben, wo Begegnungen ausschliesslich in der Tiefgarage und im Keller stattfinden. Wer also glaubt, in Mehrfamilienhäusern mit Dutzenden von Stockwerken herrsche unter Nachbarn per se ein regerer Austausch als in einem Quartier mit Villen und Einfamilienhäusern, täuscht sich. Nur weil also dichter und enger gewohnt wird, intensivieren sich Beziehungen nicht automatisch. Es sei denn, der Haussegen hängt schief. Es soll Mehrfamilienhäuser geben, da streiten sich Stockwerkeigentümer an unzähligen Ausschusssitzungen, ob die Eschen beim Spielplatz als Schattenspender ihre Be- rechtigung haben oder einfach nur stören, weil sie bestimmten Parteien die Seesicht nehmen.

 

Klatsch und Tratsch gehören dazu

 

Was bekannt ist: Bereits ein kleiner Lebensmittelladen, ein Café, ein Kiosk, eine Kita oder ein Coiffeursalon können für eine Nachbarschaft ungemein förderlich sein. Auch kleine Gewerbeeinheiten haben – wenn sie denn gut frequentiert sind – das Potenzial, zu veritablen Begegnungsorten zu mutieren. Man sucht sie auf, um Brot zu holen, sich einen Haarschnitt verpassen zu lassen oder einen Kaffee zu trinken. Bei diesen unspektakulären, alltäglichen Besorgungen trifft man auf Leute aus dem Quartier, tauscht sich aus, hält einen Schwatz und – ja, auch das gehört zur Nachbarschaft – übt sich in Klatsch und Tratsch. Für Einwohner von lebendigen Stadtquartieren, die in sogenannten Mischzonen wohnen, sind derlei Begegnungen etwas Alltägliches. Für Bewohner reiner Wohnquartiere, wie sie in Agglomerationen in den 1980er- und 1990er-Jahren so zahlreich entstanden, bleiben sie ein frommer Wunsch. Da herrscht Monokultur, kaum Austausch.


Professor Walter Siebel, Soziologe an der Universität Oldenburg, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Erforschung von Nachbarschaftsbeziehungen. Er stellt fest: Die Qualität dieser sozialen Beziehungen hat sich historisch gewaltig gewandelt. «In vormodernen Gesellschaften war Nachbarschaft eine auf ökonomischer Notwendigkeit beruhende, von sozialen Normen strikt geregelte Gemeinschaft.» Der nahe Bauer war vom gleichen Stand, arbeitete und lebte unter ähnlichen Verhältnissen. Wer sich räumlich nah war, der stand sich auch sozial nah. Man war denselben Nöten und Zwängen unterworfen und zur Bewältigung des eigenen Alltags unausweichlich aufeinander angewiesen. «Viele blieben ihr Leben lang Mitglied ein und derselben Dorfgemeinschaft», so Soziologe Siebel. Nachbarschaft war Schicksal.


Diese objektive Basis hat Nachbarschaft heute verloren. Man ist ökonomisch nicht mehr auf seine Nachbarn angewiesen und teilt auch nicht mehr notwendigerweise die gleichen Werte, denselben Lebensstil. Die Nachbarschaft des Wohnorts bedeutet nur noch in Ausnahmefällen auch eine Nachbarschaft des Arbeitsorts. Mit der industriellen Urbanisierung wurde die Arbeit aus dem Wohnzusammenhang herausgelöst.


Pragmatismus tut not


So leicht lässt sich gar nicht eruieren, woran es liegt, wenn Nachbarn untereinander nicht warm werden. Es muss nicht Desinteresse sein, es kann auch Zurückhaltung, typisch schweizerische Diskretion sein, die uns auf Distanz gehen lässt. «Leben und leben lassen» – hat diese Strategie nicht auch ihre Berechtigung oder allenfalls sogar gewaltige Vorteile? Wir alle kennen diese Geschichten von Nachbarn, die im Laufe der Jahre «best friends» wurden, die sich gegenseitig zu den tollsten Grill- und Silvesterpartys einluden und sich dann – weil man das Parkplatzproblem nicht lösen konnte – heillos zerstritten und sich seither keines Blickes mehr würdigen.
Insofern ist man wohl gut beraten, die Nachbarschaftsbeziehung nicht an allzu hohe Erwartungen zu koppeln, sondern eher ein pragmatisches Miteinander anzustreben. Das könnte heissen, dass man ganz unverkrampft an der Haustür seiner Nachbarin klingelt, wenn beim Kuchenbacken die Eier fehlen. Das könnte aber auch heissen, dass man total entspannt bleibt, wenn der Hausgang mit Turnschuhen, Hockeystöcken und Skateboards überstellt ist, und sich freut: Hier herrscht Leben! Und das müsste auch heissen, dass man darüber schmunzeln kann, wenn an einem lauen Sommerabend der Duft von Marihuana in das offene Küchenfenster weht, weil der Teenager von nebenan den Samstagabend chillend bei einem Joint geniesst.


Die Tücken mit der Toleranz


Richtig: Wir sind beim Thema Toleranz angelangt. Sie – und nicht die papierene Hausordnung, die eh niemand kennt – ist letztlich matchentscheidend, ob das Miteinander in einer Hausgemeinschaft gelingt. Das Blöde mit der Toleranz ist nur, dass jeder eine andere Vorstellung davon hat, wann sie angezeigt ist und wann nicht: Der grosse Hundekothaufen im Garten stört mich beispielsweise viel mehr als das von tischtennisspielenden Kindern erzeugte Geräusch eines Pingpongballs, das den abendlichen Soundtrack der Siedlung bildet. Denn zu Hunden habe ich schlicht keinen Draht; aber Kinder, die draussen Spass haben, finde ich grossartig. Bei Frau X oder Herrn Y ist es womöglich gerade umgekehrt.


Aber bleiben wir positiv. Gegenseitiges Briefkastenleeren oder Blumengiessen während der Ferienabwesenheit ist und bleibt die ideale Form für eine erste Annäherung. So erhält man, durch die Aushändigung des Wohnungsschlüssels, auf ganz natürliche Art schon mal einen Einblick in die Existenz des anderen Hausgenossen – und muss so manches Vorurteil revidieren: Das hätte ich nicht gedacht, dass der Meier so ein stilvolles Designsofa in der Stube stehen hat. Und ist das eindrückliche Büchergestell, das in Müllers Schlafzimmer steht, nur Show, oder ist diese Frau wirklich so belesen? Fragen über Fragen.


Doch ausgerechnet diese niederschwellige und simple Möglichkeit, seine Nachbarn sozusagen indirekt über deren Hausrat und während deren Abwesenheit kennenzulernen, droht nun auch noch wegzubrechen: durch professionelle Dienstleister, die im eher gehobenen Preissegment nicht nur Hauswartungsarbeiten übernehmen, sondern auf Wunsch auch noch zahlreiche individuell abgestimmte Serviceleistungen. Doch wo Profis Gummibäume giessen, Briefkästen leeren, Katzen während der Ferien füttern, das Babysitting und den Einkauf übernehmen, bleiben wirklich nur noch wenige Optionen, wie Nachbarschaft im klassischen Sinne überhaupt gelebt werden kann. Wären da noch die Nachbarschafts- bzw. Quartiervereine, die in manchen Städten und Quartieren aktiv sind und Lobenswertes leisten – unentgeltlich, aus purem Idealismus für ein besseres Miteinander, gegen die zunehmende Anonymität in den Quartieren: Spanferkelessen, Lottoabende, Jassrunden und kleine Ausflüge stehen auf dem Programm. Auch Strassenfeste sind ein beliebtes Instrument, um eine Nachbarschaftsgemeinschaft aufzubauen. Beim gemeinsamen Organisieren lernt man sich erst mal kennen, und beim anschliessenden Feiern findet man sich allenfalls sogar sympathisch. Gerade durch die Ansiedlung vieler Ausländer und Expats haben Quartiervereine da und dort neuen Schub erhalten. Viele Neuzuzüger suchen, wie aus Studien hervorgeht, geradezu verzweifelt nach sozialem Anschluss.


Planer und Investoren in der Pflicht


Einfluss auf die Gestaltung der Nachbarschaft haben aber auch Architekten, Planer und Investoren. Sie entscheiden, wie ein Grundstück bebaut wird, welche Nutzung ihm zukommt, welche Zuordnung Gebäude untereinander erfahren, wie die Erschliessung erfolgt. Ist man bereit und gewillt, den Menschen auch wirklich attraktive Aussenräume zur Verfügung zu stellen, wo Lust auf Begegnung aufkommt, oder lässt man es bei einer unmotiviert gestalteten, lediglich die gesetzlichen Mindestvorgaben erfüllenden Alibi-Grünfläche bewenden? Gibt es nur das «Private» und das «Öffentliche» oder vielleicht auch Räume des Übergangs, Zonen, wo Innen und Aussen verschmelzen? Baut man bloss «ausnützungsziffergetrieben», oder setzt man sich ernsthaft mit Fragen auseinander, wie das Zusammenleben von Menschen funktioniert, das Interagieren von Nachbarn gefördert werden kann, wie eine gute Durchmischung gelingt? Bauen reduziert sich nicht auf die Erstellung von Baukörpern, Bauen heisst Begegnung schaffen. Bauen heisst Stimmung erzeugen.


Zurück zu den legendären Prosecco-Abenden im schönen Altbau im Kreis 6. Kurz bevor ich zu Steffi und Sophie nach oben stieg, kam es eines Abends zu einer folgenschweren Verwechslung. Statt den Sender des Babyfons hinterliess ich im Kinderzimmer den Empfänger. Dies hatte zur Folge, dass nicht allfälliges Kinderweinen vom unteren Stock aufgenommen und nach oben in unsere Frauenrunde gesendet wurde, sondern stattdessen das Gequatsche und – mit fortschreitender Zeit – Gelächter unserer Frauenrunde von oben nach unten ins Kinderzimmer übertragen wurde. Aufgeschreckt von so viel Krach weinte Baby Charlotte in ihrem Gitterbettchen bitter. Derweil Bruder Jakob, nicht minder verwirrt, schluchzend im Pyjama die Treppe hochtappte und verzweifelt nach seiner Mutter schrie. Was für eine Aufregung zu später Stunde in diesem Haus! Und dies alles nur, weil ich so tolle Nachbarinnen hatte, die mir in schweren Stunden Gesellscha