PUBLIKATION

Magazin FACES

ZUSAMMENARBEIT

AKG Images (Fotografie)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

1.10.2004

«PAS-DE-DEUX» ODER «ONE-NIGHT»

 

Am Morgen nach der ersten gemeinsamen Nacht entscheidet sich die Zukunft eines Paares. Oder eines ganzen Lebens. Sagt der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann.

 

Sie trafen sich an einer Party, fanden sich nett und gingen anschliessend zusammen nach Hause. Isabelle, 32, und Tristan, 39, tranken noch ein Bier, küssten sich innig, hatten Sex. Zärtlichkeit und Begehren – alles war da. Mit dem Erwachen kamen die grossen Fragen: Wo bin ich? Wer liegt neben mir? Ist das eine kleine Affäre? Oder die grosse Liebe?

 

Der 55jährige Franzose Jean-Claude Kaufmann hat sich wie kein zweiter Forscher um die Grammatik des modernen Privatlebens verdient gemacht. Nach der Singlefrau, dem Paarhaushalt und dem Männerblick auf Frauenkörper widmet er sich nun der Soziologe des Centre national de la Recherche Scientifique (CNRS) dem «Morgen danach». Er hat Männer und Frauen ausführlich befragt, wie der Morgen nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht verlaufen ist und wie beide sich dabei fühlten. Denn dieser Morgen hat einen entscheidenden Einfluss darauf, so Kaufmann, ob die Protagonisten sich auf einen Pas-de-deux einlassen oder ob es beim one-night-stand bleibt.

 

Der Morgen danach als Gegenstand der Untersuchung bietet sich an, weil er eine Einheit von Zeit, Raum und Handlung bildet und weil er alle Elemente des menschlichen Zusammenlebens enthält. Es handelt sich um einen äusserst inhaltreichen Augenblick, sagt Kaufmann, denn die Identität beider befindet sich in einem Zustand der Schwebe. Man entdeckt – in den ersten Stunden des wachen Beisammenseins – die Banalität des Alltags, der letztlich den Kern des Lebens zu zweit ausmacht. «Die Umrisse des Lebens zu zweit deuten sich an», so der Soziologe. Es geht nicht darum, sich unmittelbar nach vollzogenem Liebesakt für ein Ja oder ein Nein zu entscheiden, sondern darum, ob man bereit ist, sich in die Welt des anderen zu wagen und sein eigenes Leben für einen anderen zu öffnen – oder nicht. «Wenn Du sie liebst», berichtete Studienteilnehmer Charles-Antoine, «sollte der Morgen danach ewig dauern.» Wenn nicht, wird’s schwieriger: «Wie willst Du ihr erklären, dass es toll war, du sie aber trotzdem nicht wiedersehen willst?»

 

Oder Raymond: Er mochte Juliette. Als er jedoch merkte, dass sie geräuschvoll atmete und geschwollene Augen hatte (auch am Mittag noch), fand das keine Gnade bei ihm. Colombine hatte Angst vor den kritischen Blicken, mit denen Eric ihren Körper betrachten könnte, zog nach dem Akt sofort wieder den Schlafanzug an und enttäuschte damit ihren Partner. Virginie störte sich am Morgen danach an Léopolds Witzen und verliess verärgert die Wohnung. Agathe erwachte nach einem Exzess am Vorabend mit einem schweren Kopf und war perplex, ihren Bettpartner Englisch sprechen zu hören. «Ich war überrascht», erzählt sie, «sehr überrascht.»

 

So unterschiedlich sich die Momente des Erwachens gestalten, Gemeinsamkeiten sind da: Der Rausch des Vorabends ist verflogen, das Begehren gleichwohl noch in der Luft. Man möchte natürlich wirken und locker sein, ist aber besorgt, gerade darin nicht zu gefallen. Zwar versuchen Küsse und Scherze den sorgenlosen Zustand zu verteidigen, doch nur zu oft, so erzählen die Studienteilnehmer, macht sich ein Gefühl von Scham breit. «Logisch», interpretiert der Soziologe. «Momente des Unwohlseins gehören dazu, weil die Routine, von der das Leben sonst getragen wird, gänzlich fehlt.» Man muss improvisieren. Die Augen sind verklebt, die Gesichtszüge verknautscht und die Freude am andern kann sich schon beim Aufstehen in Gereiztheit oder Aversion verwandeln. Die eine hat das Bedürfnis nach Nähe, sucht Schutz im Bett und will noch kuscheln. Der andere möchte Distanz und wählt auch gleich die taktisch raffinierte Variante: Flucht ins Badezimmer, zum Bäcker oder geradewegs zu sich nach Hause mit dem Satz: «Wir telefonieren.»

 

Oft ist der Ort des Begehrens für einen der beiden ungewohnt und wird auf Informationen über den anderen abgesucht (Büchertitel, CD’s). Und obwohl sich in der speziellen Situation Fragen der Reflexion aufdrängen würden («was hat Dir die Nacht bedeutet?»)  sprechen die meisten Paare über Dinge, die sehr banal sind: «Hast Du gut geschlafen?» - «Möchtest Du Kaffee?» - «Wie spät ist es»? «Man hat den Eindruck, es passiere nichts Bedeutendes», so der Soziologe, «aber das Gegenteil ist der Fall». Man beobachtet den Partner, wie er spricht, wie er schweigt. Man sammelt Eindrücke und Gesten, verbucht Positives und Negatives, wertet aus und klassifiziert. Eine hässliche Unterhose oder ein seltsames Bild an der Wand wird zum Anlass genommen, die Sache vorschnell zu beenden. «Doch Vorsicht!» sagt der Soziologe: «Der Start in eine Beziehung ist immer unbequem.»

 

Wenn nämlich die Klippe des ersten Morgens erst einmal umschifft ist, stehen die Chancen durchaus gut, den Vorgang nicht als einmaliges Ereignis zu behandeln, sondern ihm eine Fortsetzung zu gewähren. Plötzlich bleibt man zusammen, nicht weil man sich dazu entschieden hat, sondern weil man sich treiben oder mitreissen lässt. Plötzlich fühlt man sich akzeptiert, aufgehoben, geliebt und will eine Familie gründen. Boris liegt im Bett mit Prudence, die zu lieben er beschlossen hat, noch bevor die Nacht begonnen hat und staunt: «Wenn man Glückseligkeit erreicht ohne die geringste Künstlichkeit, ohne irgendwas anders, allein durch das blosse Zusammensein, dann fühlt man genau, dass das von Dauer sein wird.»

 

Jean-Claude Kaufmann: «Der Morgen danach – Wie eine Liebesgeschichte beginnt.» UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz. 24 Euro