PUBLIKATION

GGZ Jahresbericht

ZUSAMMENARBEIT

Daniela Kienzler (Fotografie)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

1.4.2021

CORONA FRUSTRIERT

 

Dinis Madeira, 15, leidet doppelt unter Corona. Zum einen weil er wegen einer Bronchitis ein Risikopatient ist. Zum anderen weil er mit chronischen Depressionen zu kämpfen hat. Umso wichtiger sind für den Horbach-Schüler Therapien und Menschen, von denen er sich verstanden fühlt.

 

Homeschooling klingt cool, kann aber auch mühsam sein. Wie hast du die Zeit erlebt, als deine Schule, das Inernat Horbach, dicht war?

Am Anfang fand ich es okay. Ich genoss die Freiheiten und konnte mich zu Hause besser konzentrieren, als wenn ich im Schulzimmer lernen und arbeiten muss. Wenn ich eine Frage hatte, setzte ich mich per Chat mit meinen Lehrern in Verbindung. Die waren immer erreichbar. Aber nach zwei Monaten Homeschooling wurde es langsam nervig. Da fiel mir zu Hause die Decke auf den Kopf, und ich wollte meine Schulkollegen im Horbach wieder sehen. Ich bin es nicht gewohnt, so viel Zeit zu Hause zu verbringen. Denn im Horbach besuche ich das Internat und fahre nur an den Wochenenden zu meinen Eltern nach Hause. Was die Psychotherapie angeht, die ich wöchentlich besuche, achtete ich darauf, dass ich nicht in den Stosszeiten im Bus sitzen musste, denn ich leide an Bronchitis und bin Risikopatient.

 

Wie diszipliniert warst du? Bist du jeden Morgen pünktlich um 8 Uhr vor dem Bildschirm gesessen und hast die Anweisungen des Lehrers befolgt?
Nein. Wir mussten erst um 9 Uhr für die Videokonferenzen parat sein. So konnte ich etwas länger schlafen. Wenn es dann aber los ging und wir wussten, was es zu tun gab, habe ich Gas gegeben. Mein Ziel war, so schnell wie möglich mit allen Aufgaben durch zu sein, um am Nachmittag etwas anderes zu machen. Da ging ich im Wald spazieren, machte Videogames oder half meiner jüngeren Schwester im Homeschooling. Sie besucht die erste Klasse und der Fernunterricht war für sie nicht ganz einfach. Meine Eltern können ihr zudem nicht helfen. Wir sind erst vor sechs Jahren von Portugal in die Schweiz gezogen und sie verstehen kaum Deutsch.

 

Wie kommst Du sonst mit der Situation rund um COVID-19 klar? Man spricht immer von den gefährdeten Alten. Aber für euch Jugendliche ist die Situation bestimmt auch schwierig ...
Allerdings. Ich bin mittlerweile ziemlich frustriert. Wenn man, wie ich, in einem Internat wohnt, hat man sowieso weniger Freiheiten und muss viele Regeln beachten. Jetzt, durch die Pandemie, kommen noch mehr Regeln und Verbote dazu. Das zu akzeptieren, fällt mir manchmal echt schwer. Völlig unverständlich ist für mich, dass wir im Horbach die Maske nicht nur im Schulunterricht tragen müssen, sondern auch dann, wenn wir uns im Internatsbereich auf der Wohngruppe aufhalten. Das wäre, wie wenn man zu Hause innerhalb der Familie mit einer Maske rumlaufen müsste.

 

Hast du auch Hobbys, auf die du nun wegen Corona verzichten musst?
Eigentlich nicht. Mein Hobby ist Zeichnen. Ich male Illustrationen und Comics. Dies könnte ich auch jetzt noch tun. Aber das Problem ist: ich habe derzeit «null Bock» zu zeichnen, bin einfach nicht in der Stimmung, habe keine Energie, keine Motivation, keine Ideen. Und wenn ich mich deprimiert fühle, kann ich nicht kreativ sein. Dass es mir momentan nicht besonders gut geht, hängt sicher auch damit zusammen, dass ich meine Verwandten aus Portugal seit einem Jahr nicht gesehen habe. Ich darf nicht nach Portugal reisen und sie nicht von Portugal in die Schweiz. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Weihnachten ohne sie verbracht. Das war hart.

 

Du bist in der 3. Sek und machst dir bestimmt Gedanken, wie es nachher weitergeht.
Ich habe schon diverse Schnupperlehren in Kitas gemacht, weil ich Kinder mag und mich in ihrer Gegenwart wohl fühle. Eigentlich hätte ich darum im Sommer 2021 eine Lehre als Fachmann Betreuung (FaBe) beginnen wollen. Aber das ist schwierig, da die Kitas lieber Lehrlinge von öffentlichen Schulen nehmen und nicht Schüler aus dem Horbach. Nun versuche ich, stattdessen ein einjähriges Praktikum zu absolvieren, und hoffe, dass ich anschliessend die Lehrstelle erhalte. Nach der Lehre würde ich am liebsten die Berufsmatura machen und danach die Ausbildung zum Primarlehrer starten. Wenn mein Deutsch bis dahin noch besser wird, könnte das vielleicht sogar funktionieren.

 

Schulisch läuft es bei dir offenbar nicht so schlecht. Erzähle von deinen Lieblingsfächern.
Am meisten mag ich Geschichte, Mathematik, Spanisch, Englisch und Zeichnen. Im Gestaltungsunterricht durfte ich neulich – weil ich da ein bestimmtes Talent habe – sogar in die Rolle des Lehrers schlüpfen. Die Aufgabe war, schwarze und weisse Kugeln mit dem Schatten, den sie werfen, abzuzeichnen. Für meine Mitschüler war das extrem schwierig. Ich hingegen konnte Tipps geben, wie man das hinkriegt.

 

Du hast anfangs die Psychotherapie erwähnt, die du regelmässig besuchst. Wie wichtig sind diese Sitzungen für dich?
Sehr wichtig. Ich leide unter chronischen Depressionen. Das heisst, ich fühle mich innerlich häufig sehr traurig und niedergeschlagen, war darum auch schon während sechs Monaten stationär in einer Klinik. Es ist nicht einfach, mit dieser Situation klarzukommen, da diese Depressionen in meinem Leben ein ständiger Begleiter sind. Vor allem wenn ich alleine bin, sind diese Gefühle stark. Im Gespräch mit dem Psychotherapeuten lerne ich, mit solchen Situationen klarzukommen. Mein Lehrer und meine Lehrerin versuchen ebenfalls, mir zu helfen. Sie kennen meine Probleme und haben Verständnis für die Situation. Das ist für mich sehr wichtig.

 

Dann gefällt es dir insgesamt – trotz Maskenpflicht auf der Wohngruppe – doch nicht so schlecht im Horbach?
Der Horbach ist die beste Schule, die ich je besucht habe! Ich fühle mich von den Lehrpersonen verstanden, akzeptiert und ernstgenommen. Seit ich hier bin, geht es mir viel besser als zur Zeit, als ich noch die Primar- oder Sekundarschule in meiner Wohngemeinde besuchte. Wir alle haben hier unsere Probleme, mit uns selbst, mit den Eltern oder beides zusammen. Das verbindet uns.