PUBLIKATION

Zentralplus

ZUSAMMENARBEIT

Archiv Stadt Zug /Staatsarchiv Kanton Zug (Archivfotos) Familie Hotz (Familienfotos)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

2.8.2020

WAS PASSIERT MIT DER ZUGER SENNHüTTE?

 

Von der Käserei zur Brandruine, vom Eigenheim einer Arztfamilie zur Therapiestation für Drogensüchtige: Die Geschichte der Sennhütte auf dem Zugerberg ist legendär und abenteuerlich, ihre Zukunft ungewiss.

 

Das rot lackierte Tonschild hängt – wohl aus Sympathie zum ehemaligen Besitzer und Bewohner – noch immer neben der Eingangstür. «F. Hotz» ist darauf zu lesen. Dabei hat sich Franz Hotz, 85 Jahre alt, schon längst von der markanten Liegenschaft auf dem Zugerberg verabschiedet: Der bekannte Zuger Zahnarzt und langjährige CVP-Politiker gerät ins Schwärmen, wenn man ihn auf seine Zeit in der Sennhütte anspricht. «Das war ein Abenteuer! Und angefangen hat alles, weil ich nicht Pfarrer werden wollte.»

 

Pfarrer? Genau. Franz Hotz sollte – wie zuvor sein Grossonkel Franz Xaver Utinger – in der Kantonsschule Zug Griechisch lernen, dann Theologie studieren und später der katholischen Kirche dienen. Aber dazu hatte er keine Lust. Statt Griechisch- besuchte er Englischlektionen und studierte anschliessend Zahnmedizin. Als Hotz im Jahre 1964 einem Bauer einen Zahn ziehen musste, erzählte dieser dem naturbegeisterten Dr. med. dent. von einer einmaligen Gelegenheit: auf dem Urihof am Zugerberg stand ein 6000 Quadratmeter grosses Stück Wiesland zum Verkauf. Hotz griff zu. Und weil auf der neu erworbenen Parzelle ein Servitut lastete, wurde Zahnarzt Hotz nicht nur Landbesitzer, sondern automatisch Mitglied der «Sennhüttengesellschaft Hintergrüt». Diese war für die Käseproduktion und den Schweinestallbetrieb in der Sennhütte verantwortlich, einem 1880 erstellten Bau.

 

Am Auffahrtsmorgen des 1. Juni 1973 kurz vor 6 Uhr ereignete sich die grosse Katastrophe. Die Sennhütte fing Feuer und brannte lichterloh. Trotz sofortigem Aufgebot und Grosseinsatz der Feuerwehr – 100 Mann waren gemäss Zuger Tagblatt vor Ort – konnte der Brand kaum gebändigt werden. Kurz nach 7 Uhr stürzte der westliche Flügel samt Dach ein. Wenig später brachte die Feuerwehr den Ostflügel zum Einsturz. Wie nur konnte es dazu kommen? Eine brennende Kerze? Ein Kurzschluss? Oder wollte man etwa «warm abbrechen»? Brandstiftung, mutmasste das Tagblatt, «dürfte nicht ausgeschlossen sein».

 

Die Sennhütten-Gesellschaft sah sich zu einer Erklärung genötigt: Der Holzbock, eine Art Borkenkäfer, habe das Holz geschädigt. Dem wollte man «im Rahmen einer Bekämpfungsaktion mit einem Feuer zur Raucherzeugung» den Garaus machen. Das Vorhaben sei leider dumm gelaufen und die Glut vom Metallbehälter auf den Holzboden gefallen. Von Absicht könne keine Rede sein. Allerdings: Weil der Giebel noch stand, handelte es sich entgegen der Einschätzung der Gesellschaft nicht um einen Voll-, sondern nur um einen Teilbrand. Statt 250’000 Franken erhielt sie von der Gebäudeversicherung darum nur 150’000 Franken; mit der Auflage, die Sennhütte wiederaufzubauen. Die Krux an der Sache: Für die Instandstellung waren weitere 100’000 Franken nötig und diese Summe konnte die Gesellschaft unmöglich aufbringen. Doch war da nicht der sympathische Zahnarzt, der allenfalls Interesse hatte?

 

Und ob! Hotz packte auch diese Gelegenheit beim Schopf. Denn: Die Wiederinbetriebnahme der Käserei war kein Thema mehr. Stattdessen bot sich die Möglichkeit, die Sennhütte zu kaufen und fortan als Eigenheim zu nutzen. Wohnen im Grünen, weg von der Zivilisation, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen – das hatte sich Naturfreak Hotz schon immer erträumt. Doch wie gesagt: Damit die Brandruine überhaupt als Zuhause für eine sechsköpfige Familie taugte, musste sie zuerst aufwändig saniert werden; eine Aufgabe, der sich der Zuger Architekt Urs Keiser annahm.

Im Sommer 1977 war es schliesslich so weit. Das Ehepaarf Franz und Susy Hotz zog mit seinen vier Kindern Christoph, Ursula, Beni und Ruedi ein. Als Mitbewohner hinzu kamen Gänse, Schafe, Hasen, Hunde und Katzen. Weil die Liegenschaft ausserhalb der Bauzone lag, durfte nur die Hälfte der Immobilie bewohnt werden, der andere Teil musste gemäss gesetzlichen Vorgaben «land- und forstwirtschaftlichen Zwecken» dienen.

 

Der Zahnarzt genoss sein abgelegenes Zuhause als Kontrapunkt zur spannenden Berufstätigkeit in Zug in vollen Zügen. Und für die Kinder war es schlicht das Paradies – umgeben von Tieren, Bäumen, einer grossen Feuerstelle und einem riesigen Gemüsegarten tobte man sich aus. Da wurde musiziert, gekocht, grilliert, gegärtnert und – das Familienalbum zeugt davon – mit guten Freunden immer mal wieder eine ordentliche Party geschmissen. Allerdings hatte die idyllische Wohnlage auch ihre Kehrseite. Direkte Nachbarn gab es keine, dafür einen sehr langen Schulweg, den die Kinder zu bewältigen hatten. Der Schulbus verkehrte nur vom Tal zum Berg. Vor allem Ehefrau Susy fühlte sich hier oben vom gesellschaftlichen Leben etwas abgeschnitten und vermisste die Nähe zum Kantonshauptstädtchen je länger je mehr.

 

Im Jahre 1980 meldete sich unverhofft Heinz Greter bei den Hotzens. Der damalige Kantonsschullehrer war Mitglied der kantonalen Drogen- und Suchtmittelkommission und hatte eine Idee: Sollte die Familie eines Tages einen Wegzug in Betracht ziehen, könnte man doch die Sennhütte als Therapiehaus für aussteigungswillige Drogenabhängige nutzen. Hotz war skeptisch: Ein Haus für Fixer? Drögeler? Selbstverständlich hatte auch er mitbekommen, wie sich die Drogenproblematik in den 1980er Jahren verschärft hatte und er sah, dass Handlungsbedarf bestand. Aber wirklich anfreunden konnte er sich mit dem Vorschlag nicht.

 

Bis er sich das Elend auf dem Zürcher Platzspitz ansah und nach dem Augenschein entschlossen war: «Diese Menschen sind krank. Sie brauchen professionelle Hilfe und unser reicher Kanton kann etwas dazu beitragen.» Als Troubleshooter gelang es Franz Hotz, zwischen dem «linken» Drogenforum, der «rechten» Kantonsregierung und der Gemeinnützigen Gesellschaft – Trägerin der Entzugsstation – zu vermitteln. Auch gegen den erbitterten Widerstand der bäuerlichen Nachbarschaft kämpfte der wortgewandte und clevere Hotz erfolgreich an. Sein Wort hatte Gewicht. 1985 wurde man sich schliesslich einig. Die Hotzens zogen aus, die therapiewilligen Suchtkranken ein. Elf Jahre später erwarb der Kanton das Haus und vermittelte Franz Hotz im Gegenzug den Erwerb der Liegenschaft Stolzengraben in Oberwil.

 

Wie viel Goodwill und Vertrauen die schweizweit renommierte Suchtinstitution in politischen Kreisen genoss, zeigte sich eindrücklich im Jahre 2006. Da stand im Zuger Kantonsrat ein Kredit für den Anbau eines Büropavillons zur Debatte. Dieser war für die Zukunft der Sennhütte von grosser Bedeutung, weil er erlaubte, die Administration vom Haupthaus in den Pavillon zu verlagern und somit mehr Therapieplätze im Wohnbereich anzubieten. In der vorbereitenden Kantonsratskommission wurde die Kreditvorlage in der Höhe von 215’000 Franken konstruktiv beraten und im Rat schliesslich deutlich mit 68 zu 1 Stimmen gutgeheissen.

 

Franz Hotz blieb der Institution Sennhütte stets verbunden. Er behandelte die suchtmittelbetroffenen Klientinnen und Klienten (um die viele seiner Arztkollegen lieber einen Bogen machten) über seine Pensionierung hinaus. Zum Glück ist er nicht Pfarrer geworden.

 

ENDE LAUFTEXT

 


Künftige Nutzung der Sennhütte unklar


Öffentliches Interesse soll berücksichtigt werden

 

Am 1. Mai 2020 hat sich die Drogenentzugsstation nach 35 Jahren aus der Sennhütte verabschiedet und Räumlichkeiten in der GGZ-eigenen Liegenschaft im Unterhorbach bezogen. Seither stehen das stattliche Wohnhaus, die Werkstatt und der hölzerne Büropavillon leer. Wie, fragen sich seither Passanten, geht es mir der Sennhütte weiter? Der Kanton, der die Liegenschaft im Jahre 1996 erworben hat, scheint (noch) keine konkreten Pläne damit zu haben. Der Baudirektion ist gemäss Auskunft «kein öffentlicher Bedarf für die künftige Verwendung der Liegenschaft bekannt».

 

Untätig ist man dennoch nicht geblieben und hat im Hinblick auf eine künftige Nutzung «verschiedene Szenarien» formuliert. Bevor diese detailliert ausgearbeitet werden und letztlich über die künftige Verwendung der «Sennhütte» entschieden wird, gilt es laut Kanton aber noch bau- und raumplanungsrechtliche Fragen zu klären. In dieser Hinsicht seien – die Liegenschaft liegt in der Landwirtschaftszone -  «einige Hürden zu nehmen». Darum hat das Hochbauamt unter anderem eine Bauanfrage an das Baudepartement der Stadt Zug gerichtet, deren Beantwortung seit Kurzem vorliegt. Die Baudirektion prüft nun, welcherZweck für die «Sennhütte» in Frage kommt. Regierungsrat Florian Weber: «Dabei wird die Baudirektion selbstverständlich ihre Verantwortung zur Sicherung der öffentlichen Interessen wahrnehmen.»

 

Welcher Nutzung das historische Haus auch immer zugefügt wird: Ein monate- oder gar jahrelanger Leerstand und das Versinken der Sennhütte in einen Dornröschenschlaf können keine Option sein und würde von der Bevölkerung kaum goutiert. Die unsägliche Geschichte des Theilerhauses darf sich nicht wiederholen. Diese Liegenschaft des Kantons stand 30 Jahre lang leer, bis sie jetzt doch noch saniert und umgebaut wird und der Bevölkerung voraussichtlich Ende 2024 zur Verfügung steht. Auch Urgestein Franz Hotz würde gerne wissen, wie es mit der Sennhütte weitergeht. Ihm ist klar, dass er darauf kaum mehr Einfluss hat, aber die Sache ist ihm eine Herzensangelegenheit:  «Ich hoffe, dass dort bald wieder Leben einkehrt und die Liegenschaft einem gemeinnützigen, sozialen, in jedem Fall sinnvollen und nicht profitorientierten Zweck dienen kann.»


 

Unabhängig von bau- und raumplanungstechnischen Hürden startet Zentralplus schon mal mit dem Brainstorming und fragt: Was könnte man mit der Sennhütte anstellen?

 

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