PUBLIKATION

Janssen-Cilag AG
 

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

1.12.2010

ILLUSION DER GEWISSHEIT

 

Ob wir Risiko scheuen oder suchen, hängt von verschiedenen Faktoren ab und ist zum Teil schon von Geburt an festgelegt. Die Lust nach Grenzerfahrung ist im Leben allgegenwärtig: ob im Beruf, im Sport oder im Bett.

 

«If you obey all the rules, you miss all the fun» – das beherzte Statement der eigensinnigen US-Schauspielerin Katharine Hepburn bringt auf den Punkt, was ein Übermass an Vorsicht, Vernunft zutage fördert: ein langweiliges, garantiert überraschungsfreies Leben ohne jeden Spass. Dass Regeln da sind, um gebrochen zu werden, wissen wir aber nicht erst seit der erfrischend provozierenden Aussage der Hollywood-Legende, die für eine nonkonforme Lebensführung mit diversen Liebhabern bekannt war. «Mut zum Risiko!», lautet heutzutage immer öfter der ultimative Appell an Menschen in allen Lebenslagen, sei es, ob eine Kleiderboutique gegründet, eine Beziehung eingegangen oder eine Fussballmannschaft auf dem Feld positioniert wird. Risiko wird heute nicht per se als etwas Negatives betrachtet. Im Gegenteil: Risikofreude, wiewohl vernünftig dosiert, gilt als eine löbliche Charaktereigenschaft, gerade auch in einer dynamischen Businesswelt, wo sie oft mit Tatendrang gleichgesetzt wird. Das Wort Risiko stammt vom frühitalienischen «risicare», was so viel bedeutet wie Klippen umschiffen. Der Seefahrer, der die tückischen Felsen umfährt, braucht Mut und Entscheidungswillen, Geschick und Handlungsbereitschaft. Man zollt ihm Respekt.

 

Wer nichts wagt, der gewinnt nichts, wer nichts riskiert, der kommt nicht weiter. Wer möchte schon als mutloser Langweiler dastehen, als wagnismüder Zögerer und blockierter Pessimist, wenn im Risiko so viel Potenzial steckt? Man könnte ja noch was verpassen. Ganz zu schweigen von den so genannten Risikosportarten wie Bungeejumping und Riverrafting, in denen sich die Suche nach Entgrenzung und die Sehnsucht nach dem Ausbruch manifestieren, nicht selten gar bei ansonsten durchaus auf Konformität bedachten Menschen. Im Zusammenhang mit der HIV-Epidemie bekommt das vielzitierte Risiko, das vorab Chancen verspricht, freilich nun einen anderen, wenig verheissungsvollen Beigeschmack. Denn um die Ansteckungsgefahr zu minimieren oder zu verhindern, geht es um zwei Dinge: Risiken zu kennen und Risiken zu meiden.

 

So oft und so lange schon klingen uns die Appelle der Präventionsexperten in den Ohren, dass wir sie bald nicht mehr hören: kein Eindringen ohne Präservativ, kein Sperma in den Mund, kein Sperma schlucken, kein Menstruationsblut in den Mund, kein Menstruationsblut schlucken. Es sind Botschaften, die man eigentlich nicht hören möchte, zumal nicht von Bundesämtern, Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten. Immerhin geht es um eine höchst private, intime Angelegenheit, wo wir keine verwaltungstechnische Einmischung oder behördlichen Ratschläge wünschen. Die staatlich abgesegneten Sexregeln zielen auf das abstrakte Gut der öffentlichen Gesundheit, die es zu schützen gilt, aber auch auf das Recht einer selbstbestimmten, individuell gelebten Sexualität, in die dreinzureden wir uns verbitten. Was soll die Penetranz der Präventionskampagnen? Sex und Liebe bergen doch immer Risiken: ob Liebeskummer, ungewollte Schwangerschaften, moralische Verurteilung, Geschlechtskrankheiten, Angst vor Ablehnung oder zu viel Nähe. HIV ist nur eines von vielen.


«Safer Sex» heisst die simple Formel. Doch so einfach sie klingen mag, so schwer tun wir uns mit ihr: Die Umsetzung von «Safer Sex» gestaltet sich, so scheint es, diametral zum nun wirklich simplen Handgriff sogar äusserst schwierig. Das sagen die Zahlen: Mit Abstand am häufigsten, nämlich in fast 85 Prozent der Fälle, wird das HI-Virus sexuell übertragen und somit dem Slogan «ohne Dings kein Bums» nachweislich keine Folge geleistet. Betroffen sind von den HIV-Infektionen laut Zahlen des Bundesamts für Gesundheit in erster Linie zwei Gruppen: homosexuelle Männer und Migrantinnen und Migranten aus so genannten Hochprävalenzländern, Gegenden also, in denen HIV überdurchschnittlich stark verbreitet ist. Menschen, die diesen Gruppen angehören, sind also per se mehr gefährdet – unabhängig davon, wie sie sich verhalten. Gesundheitsexperten gehen davon aus, dass in der Schweiz jeder sechste Schwule HIV-positiv ist. 167-mal grösser ist das Risiko für einen schwulen Mann, auf einen HIV-positiven Partner zu stossen, als für einen heterosexuellen Mann, auf eine HIV-positive Frau zu treffen. Allein aufgrund der sexuellen Ausrichtung wissen sich Heterosexuelle bezüglich des HIV-Risikos also «im Vorteil». Bis sich Letztere infizieren, müssen sie schon eine Vielzahl von ungeschützten Kontakten pflegen. Mit anderen Worten: Nicht weil Heterosexuelle vorsichtiger sind im Bett, sind sie weniger von HIV betroffen, sondern weil das Risiko, sich das Virus zu holen, bei ihnen um ein Vielfaches kleiner ist.

 

Die Lust nach Grenzerfahrung hat nichts mit hetero oder homo zu tun. Die (Sehn-)Sucht nach Befriedigung und unkontrolliertem Konsum ist unabhängig von der sexuellen Orientierung bei Menschen mehr oder weniger ausgeprägt. Deutlich wird dies, wenn sich der Fokus der Risikofreude oder -lust nicht auf sexuelle Aktionen beschränkt, sondern auf andere Lebensbereiche ausgedehnt wird. Der Autoraser, der mit überhöhter Geschwindigkeit in angetrunkenem Zustand durch die Gegend brettert, sucht das Risiko. Tödlich endet es nur in Ausnahmefällen. Meist kommt er mit einer Busse davon. Der Börsenspekulant, der in einem Anflug von Gewinnstreben und Finanzrausch hochriskante Papiere an der Börse erwirbt, geht bewusst ein Risiko ein. Die Folgen treffen ihn zuerst persönlich, haben aber unter Umständen auch Auswirkungen auf sein Umfeld. Der Familienvater, der ein Verhältnis mit der Nachbarin pflegt, nimmt in Kauf, dass alles auffliegt, und befriedigt mit der geheimen Affäre ein ungestilltes Bedürfnis. Der Extremkletterer, der sich an einer Steilwand ungesichert von Punkt zu Punkt hangelt, fordert ohne Not eine Gefahr heraus und geht ein Risiko ein. Doch was ist das überhaupt, ein Risiko? Es definiert sich als die kalkulierte Prognose eines möglichen Schadens im negativen Fall.

 

Ausgerechnet beim Sex, wo wir abschalten und geniessen sollen, wo ein Stück weit auch kopfloses Agieren gefragt ist, sollen wir nun zum im Plastik verschweissten und staatlich geprüften «Gummi» greifen und diesen im richtigen Moment überstülpen. Aber dem Drang nach Befriedigung steht solch vernunftgesteuertes Verhalten im Weg. Dies bestätigt auch die CHAT-Studie (Swiss Aids Transmission Survey) – eine qualitative Untersuchung zu Schutzstrategien, Risikoverhalten und Umständen der HIV-Infektion aus Sicht der Betroffenen. Die Studie geht der Frage nach, wie sich HIV-positive Personen, deren Infektion neu diagnostiziert wurde, ihre Ansteckung mit HIV erklären und auf welche Ursachen sie ihr sexuelles Risikoverhalten zurückführen. Fast alle Befragten gaben an, wider besseres Wissen kein Kondom gebraucht zu haben. Sei es, weil es vergessen ging, weil es nicht in Reichweite lag oder weil man stillschweigend davon ausging, dass der Partner oder die Partnerin negativ sei – sonst hätte er oder sie ja was gesagt. Häufig wurde auch auf das gesunde Aussehen des Partners vertraut. Eine wichtige, nicht ganz überraschende Erkenntnis lautet ferner: Unter Alkohol- und Drogeneinfluss fallen üblicherweise praktizierte Schutzstrategien plötzlich weg. Das stimmt für HIV genauso wie für unzählige andere Lebensbereiche auch. Kommt es nicht im feuchtfröhlichen Partyfieber gerne zu ungewollten Schwangerschaften, verheerenden Unfällen oder einfach nur peinlichen Witzen?

 

Jung und männlich – diese Merkmale deuten laut Erkenntnissen der heutigen Wissenschaft auf ein erhöhtes Risikoverhalten. Doch nicht nur! Neuroökonomen haben herausgefunden, dass unsere Risikofreude schon bei der Geburt teilweise angelegt ist. Die Dichte der genetisch bedingten Verbindung zwischen dem Kerngebiet des Gehirns und dem Belohnungssystem entscheidet darüber, ob wir Risiko tendenziell eher scheuen oder lieben. Ist diese Verbindung besonders aktiv, wird das Glückshormon Dopamin besonders gut angenommen. Das gibt jedes Mal einen Kick im Hirn – und wir sind risikofreudiger. Risikoforscher haben zudem in einer Studie die Risikobereitschaft von 22'000 Deutschen untersucht und dabei festgestellt: Wie gern wir Risiken eingehen, hängt vor allem von drei Faktoren ab – Geschlecht, Alter und unseren Eltern. Grundsätzlich gilt: Männer gehen etwas lieber Risiken ein als Frauen, auch wenn das abhängig davon ist, ob es um berufliche, gesundheitliche oder finanzielle Belange geht, und davon, wie viel man über das einzugehende Risiko weiss. Bei uns allen ist der Hang zum Risiko im Alter geringer als in der Jugend, eine Erkenntnis, die sich beispielsweise im vorsichtigeren Anlageverhalten manifestiert. So gesehen, ist es gar nicht so schwer, unser Risikoverhalten zu erkennen. Armin Falk, Verhaltensökonom und Risikoforscher an der Universität Bonn: «Es zeigt sich in fast allen Verhaltensweisen, wenn es darum geht, welchen Beruf wir wählen oder welchen Sport wir ausüben.»

 

Nehme ich zu jedem Spaziergang einen Regenschirm mit, und ist die Karte bei jeder Wanderung mit im Gepäck? Ein jeder weiss von sich etwa selbst, wie risikofreudig er ist. Der Psychoanalytiker Michael Balint war es, der bezüglich Risikoaffinität zwei Typen unterschieden und benannt hat. Den «Philobaten» (in Anlehnung an Akrobat) einerseits, den «Onkophilen» anderseits. Bei Ersterem handelt es sich um einen Menschentypen, der Wagnisse geniesst, ein hohes Selbstvertrauen aufweist, aber auch der Illusion unterliegt, aus eigener Kraft alle Probleme lösen zu können. Sein Gegenstück stellt demnach der Onkophile dar – ein Menschentyp, der sich vor Wagnissen fürchtet, Gefahren lieber ausweicht und sich durch Anhänglichkeit ausweist.

 

Die Risikogesellschaft ist eine Risikovermeidungsgesellschaft, und sie entwickelt eine eigene Risikokultur. Was liegt drin, was kann man wagen? Vorbeugung von Risiko beinhaltet eine exakte Darstellung von und ein Bewusstsein für Gefahrenpotenziale. Auch ist spezifisches Fachwissen nötig, das sich beim Autofahrer etwa darin zeigt, dass er weiss, wie viele Gläser Alkohol er trinken kann, um keine Probleme mit der Polizei zu kriegen. Bezüglich HIV werden parallel zur Kondombenutzung zunehmend auch andere Strategien salonfähig. Von offizieller Seite werden sie zwar nicht als probates Mittel gegen eine HIV-Infektion propagiert, da das Präservativ immer noch den besten Schutz darstellt. Dennoch wird ihnen eine Berechtigung im «Bewertungskanon» zugestanden, denn das sei, so die Aids-Hilfe Schweiz (AHS), immer noch «besser als gar nichts». Genannt seien hier das so genannte Serosorting (die gezielte Suche nach einem Sexualpartner mit dem gleichen Status), Dipping (Eindringen ohne Ejakulation) oder das Strategic Positioning (die strategische Positionswahl, die ein Risiko minimieren kann). Intensiv wird – vor allem unter Männern – die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP), die Einnahme von HIV-Medikamenten zwecks Prävention, beispielsweise vor einem Risikokontakt, diskutiert. Entsprechende Studien testen «die Pille davor». Da aber repräsentative Resultate noch fehlen, wird diese Risikominimierungs-Strategie von Fachpersonen nicht empfohlen. PrEP-Kritiker fürchten zudem, dass sich durch diese Strategie gefährdete Personenkreise bewusst oder unbewusst in Sicherheit wiegen, dass die Pille davor sie zu mehr ungeschütztem Sex verleitet und die Verbreitung des Aids-Virus damit nur noch beschleunigen könnte.

 

Kulturwissenschaftliche Betrachtungen zeigen, dass das menschliche Bedürfnis Risiko schon immer in ritualisierter Form ein wesentlicher Teil von gelebter Gemeinschaft war. Doch durch den Wegfall der ritualisierten Gesellschaft ist die Sehnsucht nach Risiko heute individualisiert. Entsprechend zielgerichtet gestalten sich heute auch die HIV-Kampagnen. Die Plakatkampagne «Love Life Stop Aids» sensibilisiert für den Kondomgebrauch in spezifischen Situationen, die Präventionskampagne «Apis» klärt Prostituierte auf, das Programm «Don Juan» zielt auf Prävention für Freier, die Botschaft «Mission possible» richtet sich explizit an homosexuelle Männer. Fast massgeschneidert werden die (letztlich) immer gleichen Botschaften unter die unterschiedlichsten Volksgruppen gemischt, damit sich am Ende die Präventionsfachleute konsterniert darüber zeigen können, dass sich ihre Zielgruppen einfach nicht so verhalten, wie es ihnen von den Experten nahegelegt wird. Mitunter steht schon mal die Frage im Raum: Sind denn die Leute immun gegen jegliche Aufklärungsversuche? Doch könnte man Gleiches nicht auch Ehepaaren vorhalten, die – wider besseres Wissen und in Kenntnis eindeutiger Scheidungsstatistiken – den Bund fürs Leben schliessen? «Die Entscheidung, meine Frau zu heiraten», so der deutsche Geschichtsprofessor Paul Nolte, «war objektiv betrachtet wohl das grösste Risiko meines Lebens.» Wenn 50 Prozent der Ehen scheitern, dann ist die Festlegung, die eine solche Bindung bedeutet, als erhebliches Risiko zu betrachten.


Wir begegnen letztlich Risikosituationen ambivalent. Das illustrieren Jahrmärkte und Kirmes, die auch Psychoanalytiker Balint für seine Thesen bemühte. Auf Schiffschaukel, Karussell, Achterbahn haben wir es mit dem Schwinden des Gleichgewichts, dem Taumeln im Ungleichgewicht zu tun. Mit welcher Mischung aus Furcht und lustvoller Erwartung geniessen es manche von uns, in der Achterbahn etwas von der Schwerkraft zu verlieren, wobei die Haltestange zu einem fast magischen Gegenstand wird. Um Sicherheit und Standfestigkeit wiederzugewinnen, klammern wir uns an etwas Festes. Gleichwohl haben wir diese Situation aus freien Stücken gewählt, die Angst selbst geweckt und das Risiko gesucht, um es auszuhalten. Und wenn der Nervenkitzel durch ist, verlangen manche gleich nach einem neuen: Sie unterliegen der Gesetzmässigkeit der Risikokompensation, dem ultimativen Drang, gewonnene Sicherheit gleich wieder aufs Spiel zu setzen. So unsinnig dieses Verhalten auf den ersten Blick erscheinen mag – evolutionär gesehen ist die Risikokompensation wohl sogar notwendig. Denn der Mensch muss bereit sein, Risiken einzugehen, und mit Unsicherheiten fertig werden können, sonst verharrt er in ständiger Angst.

 

Was würde wohl Katharine Hepburn sagen, wenn sie ihre Aussage heute in Bezug auf HIV machen würde? Denkbar wäre: «Have fun in your love life, but don’t forget your preservative.» Sicherheit und Risiko bedingen einander ¬– das eine könnte ohne das andere nicht sein. Der Mensch ist Erzeuger und Empfänger beider Phänomene. Dieser Tatsache ausgesetzt ist er mit der Stun