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EIN CüPLI STEHT IMMER PARAT

 

Kickbord-Rennen, TV-Talks, Promi-Tschutten: Der Sunnyboy der Sozialdemokraten, Alexander Tschäppät, drängt mit allen Mitteln in die Stadtregierung.

 

von Sabine Windlin

 

Lädt die Kirchgemeinde zu einem Vortragsabend in eine Kapelle ein, hält sich der Zulauf meist in Grenzen, und man kann sicher sein: Es wird todlangweilig.

 

Nicht wenn der Redner Alexander Tschäppät heisst. Dann kommt Stimmung auf - wie am 16. Oktober. Der SP-Nationalrat, 48, gibt in der Lukaskapelle im Berner Beaumont-Quartier zum Thema «Weisch no ...?» Geschichten aus seiner Bubenzeit zum Besten und berichtet: Wie er als Kind mit Skis den verschneiten Gurten runtersauste; wie er die Kindergartenlehrerin Fräulein Feldmann verehrte, weil sie die Tochter des damaligen Bundesrats war; wie er nach der Sonntagsschule schnell nach Hause rannte, um als Erster das begehrte Pouletleberli zu schnappen.

Natürlich fragt man sich, was einen 48-jährigen Bundespolitiker und Strafrichter abends um acht zum Vortrag in eine Kapelle treibt, aber mittlerweile hat es sich he-rumgesprochen: Alexander Tschäppät will wieder einmal gewählt werden - am 26. November in die Berner Stadtregierung. Dass ihm das gelingen wird, daran zweifelt niemand und er am allerwenigsten. Wichtig ist die Wahl aus einem anderen Grund. Sie ebnet Tschäppät den Weg zu seinem politischen Traumziel. Das zu werden, was schon Vater Reynold selig war: Stadtpräsident von Bern.

 

Unermüdlich pilgert Tschäppät junior darum von Anlass zu Anlass, von Talkshow zu Talkshow. Das mediale Echo ist ihm sicher. Denn Tschäppät führt Wahl- und Abstimmungskampf in einem. Als Präsident des Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes SKV verteidigt er zäh die beiden AHV-Vorlagen, über die am 26. November abgestimmt wird. «An mir», stellt er zufrieden fest, «kommen die Leute derzeit nicht vorbei.»


Der Politstar der Berner SP, Sektion Bern-Altstadt-Kirchenfeld, hat sich diesen Quotenwert erarbeitet. Sagen die Leute, dass der Junior es nur wegen des legendären Seniors politisch so weit brachte, verweist der Sohn gelassen auf die Stationen seiner Karriere: Mit 27 Jahren, als der Vater stirbt, tritt Jusstudent Tschäppät in die SP ein. Mit 28 Jahren wird er ins Stadtparlament gewählt und versucht das hartnäckige (Vor-)Urteil zu korrigieren, er sei eine schlechte Kopie des alten Reynold, auch er ein Sozialdemokrat. Der Dämpfer kommt 1988: Die SP Bern nominiert Tschäppät nicht für die Stadtregierung. Tschäppäts Trost: Drei Jahre später schafft er auf Anhieb die Wahl in den Nationalrat und wird seither mit Glanzresultaten wieder gewählt. 1999 holt er 118 593 Stimmen - schweiz-weit das drittbeste Resultat hinter Christoph Blocher und Ursula Koch.

«Mein Problem», meint er, «ist nicht, dass ich nicht gewählt, sondern dass ich nicht nominiert werde.»

 

Das war dieses Jahr wieder so. Als die SP Bern am 17. Januar ihre Zugpferde für den Wahlkampf bestimmte, bekam die weibliche Mitstreiterin Edith Olibet euphorischen Applaus. Als Tschäppäts Nomination beschlossen wurde, hielt sich die Freude der Genossen und vor allem der Genossinnen in Grenzen. Die Frauensektion hätte lieber eine zweite Frau portiert und ärgerte sich über den «Frauenverhinderer». Warum man auf Tschäppät setzte, leuchtete jedoch auch ihnen ein: «Alex» kennt tout Bern, und tout Bern kennt «Alex» - wo immer er aufkreuzt.

 

Im Park vom Schloss Wittigkofen, wenn er frühmorgens seine ungarischen Jagdhunde spazieren führt, in der Confiserie Eichenberger, wo er gern Süsses kauft, in der Gourmanderie «Moléson», wo er mittags oft zum Lunch einkehrt: Überall wird gewinkt und gegrüsst. Tschäppät mag das. Er kostet den bescheidenen Glamour des provinziellen Bundesbern genüsslich aus und wäre enttäuscht, wenn sein Name auf einer illustren Gästeliste fehlen würde. Glücklich macht ihn die Gewissheit: Für ihn steht immer ein Cüpli bereit.

 

Wenn die Migros Firmengeburtstag feiert, wenn Radio Extra-Bern zum Kickboard-Rennen lädt, wenn auf dem Gurten das Musikfestival steigt, die Young Boys zum Promi-Tschutten laden und der Bäckermeisterverband auf dem Waisenhausplatz frisch gebackenes Brot vom Holzofen verteilt: Alexander Tschäppät ist zugegen, gern gesehen, gut gelaunt. Anderntags steht sein Foto im «Berner Bär» und zementiert seinen Ruf als Cüpli-Sozialist mit hohen Ambitionen, wenig Tiefgang und unstillbarem Geltungsdrang.

 

Er kurvt mit seinem knallroten, eierförmigen BMW C1 - einer Mischung aus Töff und Cabriolet - helmlos durch die Stadt. Er stellt den Jux-Antrag, die Schweizer Grossbanken dem neuen Spielbankengesetz zu unterstellen, und erntet dafür nationale TV-Aufmerksamkeit und eine fette Schlagzeile im «Blick». Der Präsenz willen hätte Tschäppät mit Christoph Mörgeli in der «Arena» auch über Rassismus diskutiert. Aufgetreten ist er nur deshalb nicht, weil ihn die Partei zurückpfiff.

Im intellektuellen Politdiskurs vollführt der Kunstliebhaber, Blechspielzeug- und Gartenzwergsammler keine tollkühnen Pirouetten, aber mit echtem Engagement besetzt er gesellschaftspolitische «Debatten», die Herr und Frau Berner bewegen: Betteln in der Stadt, Beschaffungskriminalität, Drogensucht, Kulturraum, das Nachtleben im Mattenquartier, die Umgestaltung des Bahnhofplatzes und die Lockerung der Polizeistunde. 1995 bot er der Politprominenz (Moritz Leuenberger, Josef Estermann) Paroli, kämpfte an vorderster Front gegen die Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht und bewies, was viele nicht für möglich hielten: dass er im entscheidenden Moment zum Ernst des politischen Lebens zurückfindet und fähig ist zu kompromisslosen politischen Bekenntnissen.

 

Mitunter gewinnt er sogar das Profil eines scharfen Arbeitnehmervertreters. Als Präsident des SKV (65 000 Mitglieder) ging er als Erster gegen die Bankenfusion von UBS und SBV in Stellung, erinnerte die Bankbosse ans «humane Kapital» und protestierte energisch gegen Personalabbau. Heute wehrt er sich mit Vehemenz gegen die Mehrwert-Besteuerung von Aus- und Weiterbildung und kämpft mit missionarischem Eifer für die beiden AHV-Initiativen. Eine ungekürzte Rente für alle ab 62 Jahren fordert Tschäppät. «Das reichste Land der Welt», ist er überzeugt, «kann sich eine würdige Alterssicherung leisten, und zwar nicht nur für die Reichen.» Die Kosten, hat er hochgerechnet, würden 0,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmachen, «ungefähr ein Fünftel dessen, was der Bund jährlich ins Militär buttert».

 

Angriffslustig kommt er auch am Fernsehen rüber, und deshalb wird er ständig eingeladen. Plaudert er mit TV-Fossil Kurt Schaad und «Berner Zeitung»- Chefredaktor Andreas Zgraggen («wir werden auf der Strasse oft verwechselt») im BZ-Talk über Ecstasy im Allgemeinen und den Sinn der Armee im Speziellen, sind keine geistigen Höhenflüge zu erwarten. Spricht er zu einem Thema, wo er wirklich etwas zu sagen hat, wirds interessant.

 

Oktober, «Zischtigsclub». Thema: Lohn. Angestelltenvertreter Tschäppät vergiesst - ganz im Gegensatz zu Gewerkschafter André Daguet - Herzblut, argumentiert logisch, schlagfertig und präzis, warum der Teuerungsausgleich dieses Jahr für alle möglich sei. Und wenn er dann händeringend das Wort «unanständig» sagt, meint er nicht die Tatsache, dass ihm Ueli Heiniger stets ins Wort fällt, sondern der Umstand, dass Topmanager vier, fünf und sechs Millionen jährlich «absahnen», als wäre die Rendite ihr alleiniges Verdienst.

 

Er ist mit Mutter, Vater und den zwei Brüdern in einer Vierzimmerwohnung aufgewachsen, im Beaumont-Quartier, eben da, wo ihn die evangelisch-methodistische Kirche zum «Weisch no ...?»-Abend lud. Dass er trotz Champagner und Lachsbrötchen immer wieder auf dem Boden der gesellschaftlichen Realität landet, hängt auch damit zusammen, dass er beruflich täglich mit Menschen konfrontiert ist, deren Leben eine unvorteilhafte Wende nahm. Gerichtspräsident Tschäppät sitzen im Amtshaus von Bern Drogensüchtige, Diebe, Dealer, Mörder und Vergewaltiger gegen-über, die - wie er sagt - «im entscheidenden Moment einen entscheidenden Schritt in die falsche Richtung machten». Über sie zu richten, findet Tschäppät «faszinierend». Wer strafe, trage Verantwortung.

 

Schliesslich laufen ihm ehemalige «Fälle» regelmässig wieder über den Weg. Als Tschäppät nach dem «Weisch no ...?»-Vortrag in der Länggass-Beiz «Waldheim» ein Feierabendbier trinkt, gibt es zwei Wiedersehen der besonderen Art. Ein grobschlächtiger Zweimeterklotz mit wirrer Haarpracht erkennt seinen Richter wieder und brüllt: «Du hesch mer mal füüf Mönet gäh!» Sofort reagiert auch die Raucherin am Nebentisch, kommt an Krücken auf Tschäppät zu und meint: «Bi mir ischs wägem Spraye gsi!» Den Prozess, erzählt die Frau, habe sie noch in guter Erinnerung. «Du bisch im Grund gno fair gsi.»


Das sind Augenblicke, in denen Tschäppät stolz ist und zugleich über sich selber staunt. Er kehrt um, marschiert zu seinem VW Beetle, kommt mit einem Sack «Tschäppus» zurück und verteilt sie der angeheiterten Gästeschar. «Tschäppus» sind unifarbene Baumwollhüte mit der Aufschrift «Tschäppu». Der Politiker hat sie in einer Auflage von 10 000 Stück eigens für den Berner Wahlkampf anfertigen lassen und verteilt sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Originell? «Von wegen!», sagen seine Gegner. Die Aktion zeige: Tschäppät will à tout prix lustig sein.

 

Unbestritten ist, dass er sein Verlangen nach präsidialen Würden offen deklariert. Zapplig spekuliert er darauf, dass der amtierende und wieder kandidierende Stadtpräsident Klaus Baumgartner (SP) schon in zwei statt erst vier Jahren seinen Rücktritt gibt. Wenn der behäbig-bedächtige Baumgartner weg ist, kann Tschäppät nichts daran hindern, Bern «zur besten Stadt Europas» zu machen. Von seiner Homepage www.waehlt-mich.ch führt bezeichnenderweise schon jetzt ein Link zur Präsidialdirektion. Des Weitern erfahren Internetsurfer, dass der Berner von 94 auf 90 Kilo abspecken will, gerne «Truthahn mit viel Whisky trinkt» und ein Fan des in die Jahre gekommenen Sexsymbols Ursula Andress» ist. Ein Witz? «Im Ernst», sagt Tschäppät: «Den Ruf als Macho habe ich sowieso.»

 

Im Nationalrat trug Tschäppät einmal eine Krawatte, auf deren Rückseite das Motiv einer nackten Frau prangte. Der skandalöse Schlips sorgte beim weiblichen Ratspersonal tagelang für Gesprächsstoff, bis der Träger offiziell erklärte, dass es sich um eine Krawatte der Nobelmarke Dolce & Gabbana handle, deren Label nun mal eine nackte Frau präsentiere - und zwar auf allen, nicht nur auf seiner Krawatte.


Sonst sind seine Auftritte im Bundeshaus diskreter Natur. Am Rednerpult steht Tschäppät praktisch nie («Da hört mir niemand zu»), an Parteisitzungen fehlt er häufig, und Vorstösse reicht er selten ein («Antragslawinen sind teuer, ineffizient und haben keine Zukunft»). Seine Schaffenskraft steckt er in die Kommissionsarbeit, und die wird hoch gelobt. Fraktionskolleginnen und -kollegen schwärmen: «Hat Sinn für Situationskomik», «setzt seine Anliegen wirksam in Szene», kann «Spannungen lösen», «Leute motivieren», hat «Initiative und Führungsstärke», «eine politische Nase», und - so Kollege Rudolf Strahm - «werbetechnische Fähigkeiten im Urin».


Zum Thema Europa oder Service public gibt sich Tschäppät gelassen, «weil dazu sowieso jeder etwas sagt». Und weil auch jeder etwas zu den Faschismusvorwürfen von Blocher sagte, schwieg er dort ebenfalls - bis ihn die SP im März überredete, am Fernsehen eine Stellungnahme abzugeben. Die SP, verkündete Tschäppät feierlich, verbitte sich die geschmacklosen Faschismusvorwürfe. Er setzte eine ernste Miene auf, die nicht darüber hinwegtäuschen konnte: Die Auseinandersetzung über Totalitarismus und Sozialismus interessiert den Berner herzlich wenig.

 

Am 31. Oktober nahm Alexander Tschäppät mit Polo Hofer und Sandra Gasser im Berner «Schlachthaus Theater» an einem Podium zum Thema Kiffen teil. «Es war», bestätigt er, «heiter.»

 

ENDE LAUFTEXT


Wahltag in Bern

 

Am 26. November 2000 ist in Bern Wahltag. Gewählt werden eine neue Stadtregierung (Gemeinderat) und ein neues Gemeindeparlament (Stadtrat). Der Berner Gerichtspräsident und SP-Nationalrat Alexander Tschäppät, 48, kämpft auf der RotGrünMitte-Liste um einen Platz in der siebenköpfigen Stadtregierung. Tschäppät ist Präsident des Schweizerischen Kaufmännischen Verbandes (65 000 Mitglieder) und Präsident von Cinésuisse, dem Dachverband der Schweizer Film-Branche. Er hat zwei Söhne aus erster Ehe und wohnt mit seiner Lebenspartnerin Christine Szakacs, 52, zusammen.