Reportagen

 

 

BEKENNTNISSE EINES RASERS

 

«He, faar ned so schnäll!», ruft sein bester Freund noch. Dann knallt es, und der beste Freund ist tot. Ein notorischer Raser erzählt von der einen fatalen Fahrt und den Albträumen, die ihn seither verfolgen.

 

von Sabine Windlin

 

Es liegt noch in der Luft, das Donnerwort, das die mediale Schlagzeile für seine Verfehlung lieferte und das Mark L. in die Mottenkiste verbannen will, wie eine alte Decke: «Raser».

 

Der 32-jährige Aargauer, kaufmännischer Angestellter, war jahrelang ein notorischer Schnellfahrer, ein leidenschaftlicher Tuner und hat Gas gegeben, bis es geknallt hat. Weniger die Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung durch das Obergericht Baden hat den jungen Mann geläutert als vielmehr die Schuld, die er auf sich geladen hat. Mark hat in einer Dezembernacht – einen Tag vor Weihnachten – seinen besten Freund, den 26-jährigen Fabio M., in den Tod gefahren. «Seither», sagt Mark und legt die gefalteten Hände auf den Küchentisch, «bin ich ein anderer Mensch.»


Die Todesfahrt von Baden, Mark L. erinnert sich exakt daran – auch an den Abend, der anfängt wie unzählige zuvor. In der Wohnung eines Kollegen trifft man sich zum Apéro, plaudert, lacht und stimmt sich mit Gin, Wodka, Red Bull und Wein aufs Wochenende ein. Dann überlegt die Clique, was angesagt ist: Party in der «Halle 36» in Baden? Warum nicht? Der Abend hat angefangen, es ist halb elf Uhr.


Mark stellt sich als Fahrer seines Mitsubishis zur Verfügung, die vier Kumpel fahren mit – einer vorne, drei hinten. Dann klingelt Marks Handy. Freund Fabio ist am Apparat. Er steht am Strassenrand, einen knappen Kilometer von der Partyhalle entfernt, und will auch mitfahren. «Nein, sorry, keinen Platz», heisst es zuerst, dann: «Okay, wenn es sein muss.» Kurz darauf klettert Fabio in den Fond und legt sich – weil es zum Sitzen keinen Platz mehr hat – quer über die drei Kumpel. Seinen Kopf positioniert er hinter dem Fahrersitz, Gurten sind keine in Griffnähe. Man fährt ja nicht so weit – nur schnell; gemäss Akten bis zu 90 Kilometer pro Stunde.

Aus der Soundanlage dröhnt Musik, aus der herumgereichten Flasche fliesst Champagner. Das Auto ist jetzt ein Partymobil. Stimmung top, Tempo rassig. Auf der Zufahrtsstrasse zum Lokal gibt Mark nochmals Gas, lässt den Turbo aufheulen, die Reifen quietschen. Die feuchtfröhliche Gruppe im Auto johlt, die Passanten auf der Strasse staunen. Dann bricht das Heck aus. Mark kommt ins Schleudern, gibt Gegensteuer. Der Wagen gerät auf die linke Strassenseite, dann aufs Trottoir, knallt in einen Gitterzaun, überschlägt sich und kommt, auf dem Dach liegend, an einer Böschung zum Stillstand.


Während die Kumpel unter Schock aus dem zusammengestauchten Mitsubishi kriechen, bleibt Fabio leblos liegen. Von «Abknickmechanismus des Kopfes gegenüber der Halswirbelsäule» ist im Obduktionsbericht die Rede. Mark wird noch in derselben Nacht auf den Polizeiposten geführt, in eine Zelle gesteckt. Er hat fast zwei Promille im Blut.


Vom Rasen geheilt? Mark krault das Fell seines Border-Terriers und blickt ernst durch die kleinen Brillengläser. «Ja.» Wenn er schon nicht mit der schweren Hypothek, die er auf sich geladen hat, fertig wird, so ist er wenigstens aus dem Temporausch erwacht. Die Tragik des Vorfalls, bestätigt auch seine Psychiaterin, habe ihn erschüttert und ihm zu Einsichten verholfen, die er sonst nicht gewonnen hätte. Die wichtigste: Zur Selbstdarstellung taugt ein Auto nicht. Unmittelbar nach dem Unfall verschanzt sich Mark zu Hause, geht nicht in den Ausgang, meidet Kontakt zu den Kollegen, traut sich kaum auf die Strasse, weil ganz Baden weiss, dass . . . Einmal versucht er zögernd, den Kontakt zu Schwester und Mutter des Opfers aufzunehmen. Man wolle, lässt die Familie ausrichten, nichts vom Todesfahrer wissen. Mark versteht das.

Ein Auto fürs Ego? Mark L. zuckt ratlos mit den Schultern und räumt ein, dass er wohl irgendetwas habe kompensieren müssen. Aber was? Aufgewachsen in behüteten, mittelständischen Verhältnissen, fehlt es ihm an nichts. «Weder emotional noch finanziell», betont er. Nur eben: Autos, die haben ihn fasziniert, seit er denken kann.


Kaum ist er im Besitz des Führerausweises, schenkt ihm der Vater den ersten Wagen. Sohnemann hat ihn sich gewünscht, will mobil sein, unabhängig, frei. Innerhalb von zehn Jahren schafft sich Mark L. sechs verschiedene Autos an. Nicht dass die alten Modelle nicht mehr für die Strasse getaugt hätten, aber ein Auto kaufen macht einfach auch Spass. Und: Jedes Mal kommen ein paar PS dazu. VW, Audi, BMW – kaum stehen die neuen Spielzeuge in seiner Garage, wird Hand angelegt. Tiefer, breiter, schneller, lauter sollen sie werden. Bloss kein Durchschnittsauto. Legal sind diese technischen Eingriffe nicht immer. Doch die Kontrollen durch die Polizei sind minimal.


Für Felgen, Pneus, Scheiben, Boxen gibt Mark im Laufe der Jahre ein Vermögen aus, verbringt jede freie Minute in der Garage. Mark definiert sich über sein Auto. Mark ist sein Auto. Er will imponieren. Aber was auffällt, ist nicht er, der mittelprächtige Sachbearbeiter, der in einem Autocenter Garantieabwicklungen vornimmt und Werkstattrechnungen schreibt, sondern seine überzüchteten Fahrzeuge, mit denen er im Aargau seine Touren dreht. Hinter dem Steuer ein Mensch, der mit PS gegen die eigene Bedeutungslosigkeit rebelliert. Seht her, es gibt mich! Ich fahre, also bin ich.


Dass er ein Tempoproblem haben könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Er nennt es «Freude am Beschleunigen». Innerhalb von drei Jahren wird ihm viermal der Führerausweis entzogen. Und jedes Mal, weil er zu flott unterwegs ist. Nicht nur ein bisschen, sondern massiv. Egal, ob innerorts, ausserorts oder auf der Autobahn: Mark sieht über die Tempotafeln grosszügig hinweg, setzt sich seine Limiten selber. Schliesslich kennt er sein Fahrzeug, weiss, wie es reagiert. Die Bussen für Tempoüberschreitungen flattern mit schöner Regelmässigkeit ins Haus und summieren sich bald bei über tausend Franken. Ärgerlich ist das schon, aber was soll's? Der Kick, der ihm die rasanten Fahrten geben, ist ihm das Geld wert. Passiert ist jedenfalls nie etwas Gröberes. Abgesehen von einem kleinen Selbstunfall mit Blechschaden, hatte er immer alles im Griff.


Zwei Monate vor dem tödlichen Unfall least sich Mark die 90 000 Franken teure japanische Rennmaschine, den Mitsubishi Carisma Evolution eben, für eine monatliche Rate von 1000 Franken plus Versicherungskosten. Ein Auto, über das Tempofreaks ins Schwärmen geraten: «supergeil», «absoluter Hammer», «geht ab wie volle Kanne», «klebt am Boden wie eine Klette». Marks Kollegen sind beeindruckt, er ist es auch; nicht nur vom Auto, auch vom Fahrstil, den er damit pflegt. Der Wagen – im Volksmund «Puure-Porsche» genannt – hat 280 PS und beschleunigt in 4,8 Sekunden von 0 auf 100. Marks Wagen verfügt über ein sogenanntes Pop-off-Ventil. Dieses verursacht beim Beschleunigen ein lautes Zischen. Zudem fehlen Katalysator und Mittelschalldämpfer, was den Motor wesentlich lauter macht. «He, faar ned so schnäll, ich legge de hinde!», soll Fabio noch gerufen haben, bevor es geknallt hat. Mark hat ihn nicht gehört – oder hat er ihn nicht verstanden?


Im Sommer 2005 verurteilt das Bezirksgericht Baden Mark zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und hält fest: Um sein Selbstwertgefühl aufzuwerten, habe der Angeklagte sich über das Gefahrenpotenzial seines Autos und Fahrstils hinweggesetzt und das Leben seiner Freunde riskiert. «Es gibt keinen Grund, nachts um elf Uhr so durch die Gegend zu rasen», kommentiert der Gerichtspräsident.


Das Urteil der nächsten Instanz fällt milder aus: 20 Monate bedingt. Im Zentrum des Prozesses steht unter anderem die Frage, ob der geständige Täter durch den Tod des Freundes nicht schon genug bestraft sei? Mark und sein Anwalt stützen sich – jedoch erfolglos – auf einen Artikel im Strafgesetzbuch, wonach von einer Strafverfolgung abgesehen werden kann, wenn der Täter durch die unmittelbaren Folgen seiner Tat ohnehin schon massiv betroffen ist. «Er war mein bester Freund», betont Mark L. In den Albträumen, die ihn bis heute heimsuchen, tritt Fabio immer wieder als solcher in Erscheinung. Die beiden Kollegen sitzen dann zusammen, lachen, erzählen, bis Mark aufwacht und sich besinnt: «Abknickmechanismus des Kopfes», «Hirnstammblutung», «zentrale Atemlähmung» . . .


Mark wohnt heute zusammen mit seinem pensionierten Vater in einer sehr aufgeräumten Blockwohnung und führt das unauffälligste Leben, das man sich vorstellen kann. Abends kocht der Sohn für beide Spaghetti, lädt die Nachbarn ein, spielt eine Runde Tennis oder geht mit dem Hund spazieren. In der Garage steht ein gewöhnlicher VW Golf, der reiche, um von A nach B zu kommen.


Mark kann sich problemlos an die vorgegebenen Regeln halten und trinkt keinen Schluck Alkohol, wenn er sich ans Steuer setzt. Vom Saulus zum Paulus? Der Wandel findet vor einer strafrechtlichen Drohkulisse statt. Über ihm schwebt die bedingte Gefängnisstrafe wie ein Damoklesschwert, noch bis zum Frühling 2010. «Der Ablauf der Probezeit interessiert mich nicht, sie ist mir völlig egal», sagt Mark. Die Traurigkeit nimmt jede Kraft aus seiner Stimme.