Kolumnen

 

 

8479 CM2 FüR EINEN TOTEN

 

Amt für Todesanzeigen

 

von Sabine Windlin

 

Wenn die Anzahl Inserate und der dafür beanspruchte Platz Aufschluss über die Relevanz eines Zeitgenossen geben, dann ist kürzlich, wie man dem Feuilletonfaszikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 10. Januar entnehmen kann, ein sehr wichtiger Mensch gestorben: Alfred Paul Ernst Freiherr von Oppenheim. Sein Hinschied wird auf viereinhalb Seiten von sechzehn Firmen und Institutionen beklagt und beansprucht einen knappen Quadratmeter Platz in der Zeitung. 8470 Quadratzentimeter sind es genau.


Nicht dass man dem ehrwürdigen Freiherr von Oppenheim, dem langjährigen Vorsitzenden des gleichnamigen Kölner Geldinstituts, die Aufmerksamkeit missgönnte. Schliesslich, so liest man, haben seine Führungsstärke, seine umfangreiche Sachkenntnis, sein menschliches Geschick, sein unermüdliches Engagement, seine internationale Gewandtheit und nicht zuletzt sein strategischer Weitblick das beständige Wachstum der Bank erwirkt und deren Unabhängigkeit gestärkt. Aber eindrücklich ist die beanspruchte Fläche schon, umso mehr, als auch Dutzende um ihn traurende Nachfahren genannt werden und ein längerer Auszug aus James Joyce' Jahrhundertroman «Ulysses» abgedruckt ist.


Gegen diesen grossdeutschen Auftritt nehmen sich Todesanzeigen in der Neuen Zürcher Zeitung und im Tages-Anzeiger schweizerisch bescheiden aus. Sie wirken banal. Ja geradezu knausrig. Umfangreiche Bekanntgaben wie in der Frankfurter Allgemeinen sind nämlich nicht nur ein gutes Geschäft für die Zeitung und eine Art Werbeplattform für die inserierenden Firmen. Flächendeckende Todesanzeigen geben ganz allgemein instruktive Hinweise auf unternehmerische Aktivitäten in Aufsichts- und Betriebsräten und outen zum Beispiel den hochangesehenen Bankier Oppenheim als Ehrensenator renommierter Universitäten, Träger diverser Verdienstkreuze, als Kommandeur der Ehrenlegion, als Präsident der Deutsch-Französischen Handelskammer sowie der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik.

 

Am untersten Rand der Seite verabschieden sich in der gleichen Ausgabe zwei Freunde kurz und knapp von ihrem Segelfreund namens Theo. Bei der einzigen Todesanzeige, die für Theo in der Zeitung aufgegeben wurde, steht hingegen ein Satz, den man in sämtlichen Anzeigen für Freiherr von Oppenheim vergebens sucht: «Er fehlt uns.» Diese Tatsache mag des Seglers Trauergemeinde darüber hinwegtrösten, dass ihr verstorbener Kamerad - gemessen an den mickrigen 63 Quadratzentimetern seiner Todesanzeige - zu Lebzeiten 134-mal weniger Ansehen genoss als der Grandseigneur der deutschen Hochfinanz.