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SEXUALKUNDE OHNE HYSTERIE

 

Lehrpersonen der Primar- und Oberstufe weichen dem Thema Sex im Schulunterricht nicht aus, geben sich aber auch nicht freiwillig der Lächerlichkeit preis.

 

von Sabine Windlin

 

Nun, da die üppige Kost skanalisierender Schlagzeilen («Porno für Kindergärtler»; «Weltwoche»), öffentlicher Empörungen («Sexkoffer an Basler Schulen»; «Blick») und Übertreibungen («monströses sexualpädagogisches Umerziehungsprogramm»; SVP-Politiker Ulrich Schlüer) langsam verdaut ist und sich abzeichnet, dass auch hier weniger heiss gegessen wird als aufgetischt, bleibt festzustellen: Erregend am Thema Sexualkunde in der Volksschule ist vor allem die Debatte der Erwachsenen.

 

Ziemlich entspannt ist die Stimmung in den Schweizer Schulstuben, wo Kleinkinder allen Warnrufen zum Trotz keinen Kopulationsanleitungen ausgesetzt sind, Jugendliche in der Oberstufe von ihren Klassenlehrern nicht zu bestimmten Sexualpraktiken ermuntert, sondern altersgerecht an das Thema herangeführt werden – und zwar mit einer Gelassenheit und Seriosität, die man den in die Debatte involvierten, aufgeregten Erwachsenen wünscht. «Freien Sex, Sex, Sex und nochmals Sex» laute das Credo einer bald staatlich verordneten Aufklärungskunde, behauptet ein Komitee «Gegen die Sexualisierung der Volksschule», das sich seit Monaten aufs Thema eingeschossen hat und dieses politisch ausschlachtet.

 

Beim LCH, dem Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer, kann man die Aufregung nicht verstehen. «In gleichen Massen, wie die Sexualisierung in Werbung und Medien steigt, nimmt die Sensibilität für dieses Thema an den Schulen zu», sagt Jürg Brühlmann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des LCH. Die Schule versuche, auf gewisse für Kinder bzw. Jugendliche relevante Themen so gut wie möglich zu reagieren. Die Lehrpersonen der Primar- und Oberstufe seien aber weder besonders darauf erpicht, mit Schülern über Sex zu reden, noch würden sie sich dagegen sträuben. «Familien, die zu Hause offen über Sexualität reden, haben auch kein Problem, wenn darüber im Schulzimmer geredet wird.»

 

Dass Sexualität für Unruhe sorgen kann, hat der ehemalige Primarlehrer allerdings durchaus erlebt. Als 19-jähriger Seminarist unterrichtete er wegen Lehrermangels in den siebziger Jahren selber eine 4. Klasse. Angestachelt durch ein paar Kinder, redete bald die ganze Klasse im Unterricht nur noch über Sex, kicherte ständig und konzentrierte sich kaum. Zettel mit Zeichnungen von Geschlechtsteilen wurden unter den Pulten durchgereicht, Kommentare zum Thema fielen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Kurz: Der Zustand war unhaltbar.

Der Lehrer trat die Flucht nach vorn an, berief einen Elternabend ein und teilte mit, dass er gedenke, der Klasse angesichts ihres grossen Interesses am Thema Sex eine Stunde Aufklärung anzubieten. Die Eltern waren einverstanden. Brühlmann deckte sich mit den wenigen zur Verfügung stehenden Büchern ein, erklärte den Unterschied zwischen Mann und Frau, wie Babys entstehen, und die Aufregung legte sich. Anschliessend wandte er sich wieder dem Pflichtstoff zu, lehrte Rechnen, Schreiben, Lesen.


Ungleich viel breiter präsentiert sich heute die Palette an Unterrichtsmaterial, das je nach Kanton und Stufe zum Einsatz kommt. In Ergänzung zu klassischen Biologiebüchern wie dem beliebten «Bau und Funktion unseres Körpers» gibt es, laut Auskunft der Interkantonalen Lehrmittelzentrale (ILZ), im Bereich Sexualkunde ein «riesiges Angebot» von Zusatzmaterialien. «Sven kommt raus» begleitet in Comic-Form einen jungen Mann auf dem schwierigen Weg seines Outings. In der DVD «Body Talk» berichten Jugendliche über ihre Gefühlslage. Die CD-ROM «beziehungs-weise», «Sex Komplex» und «Limits» bieten Texte und Videos zum Thema Liebe und Erotik für die 7. bis 9. Klasse an. Die Lernkartei «FAQ» beantwortet Fragen zur Sexualität wie ein Kummerkasten, das Set «Glaubsch an Storch?» kommt als Kartenspiel daher, und das soeben erschienene Reclam-Büchlein «Liebe – Freundschaft, Sexualität, Familie» der Sexualethikerin Bettina Bussmann nähert sich dem Thema in all seinen Facetten, lässt Sigmund Freud, Jacques Prévert genauso zu Wort kommen wie Womanizer Boris Becker und Adam und Eva.

All diese Produkte kommen praxisnah, informativ und didaktisch durchdacht daher, aber nur ein kleiner Teil davon wird im Unterricht auch eingesetzt. Einerseits, weil es, mit Ausnahme der Biologielehrmittel, kein Pflichtlehrmittel für Sexualkunde gibt. Anderseits, weil der Schule – vor allem, wenn es in Richtung Berufswahl geht – nicht so viel Zeit zur Verfügung stehe, betont Manfred Dubach vom Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verband. Die Lehrpersonen verstehen die Produkte auf dem Markt als Angebot der Verlage, das sie nutzen können oder nicht.
Seitens des Kompetenzzentrums für Sexualfragen der PHZ Luzern war – wie dies bei Interessenvertretern, wenn sie nach ihrer Meinung gefragt werden, immer der Fall ist – tatsächlich der Wunsch da, ihr Thema Sex in der Schule künftig stärker zu gewichten. Aber nur, weil entsprechende Ideen im nicht mehr ganz taufrischen Grundlagenpapier von 2008 kundgetan wurden, heisst dies noch lange nicht, dass sie im Lehrplan 21, der voraussichtlich 2014 in Kraft tritt, Eingang finden. Denn seitens der Kantone, die ein Wort mitreden, sieht man keinen Handlungsbedarf, sondern führt gemäss EDK die bewährte Praxis weiter und behandelt sexualkundliche Themen zwischen dem 5. und 9. Schuljahr, und zwar mit jener Sorgfalt, wie es der sensible Inhalt gebietet.

 

Von einem künftigen Pflichtfach Sexualerziehung kann insofern keine Rede sein, als die Thematik nur als Nebenaspekt in den Fachbereichen der Natur- oder Sozialwissenschaften auftaucht. In der Deutschschweiz ist dies entweder «Mensch und Umwelt» oder Biologie. Diskussionen über Liebe und Erotik finden aber auch im Deutschunterricht statt, wenn eine Lektüre sich dafür anbietet. Die wenigsten Lehrer, heisst es bei den Berufsverbänden, gingen stur nach Lehrplan vor, sondern thematisierten individuell jene Aspekte, von denen sie glaubten, dass sich die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler angesprochen fühlen könnte. «Kein Lehrer», so Manfred Dubach, «greift ein Thema auf, in dem er sich unwohl fühlt oder das ihm gar peinlich wäre.» Er selber habe 20 Jahre Biologie unterrichtet und dabei nie irgendwelche Schwierigkeiten gehabt. Seitens der Eltern habe es höchstens Rückfragen, aber keine Beschwerden gegeben. Heinz Bäbler, Präsident von «Schule und Elternhaus», spricht den Bildungsverantwortlichen diesbezüglich sein volles Vertrauen aus.

 

Zutreffend ist, dass das Kompetenzzentrum für Sexualpädagogik der PHZ Luzern bei der Ausarbeitung seines vieldiskutierten Diskussionsbeitrages die Meinung der Kirche nicht berücksichtigt hat, wie alarmierte Kreise jetzt im Nachhinein feststellen. Doch kann dies nicht wirklich erstaunen, haben doch christliche Kreise etwa bezüglich Abbau von Vorurteilen gegen Homosexuelle – ein erklärtes Ziel der Schule – nie eine Vorreiterrolle eingenommen bzw. tragen zum Teil bis heute das Ihre zu deren Aufrechterhaltung bei. Abgesehen davon würde es umgekehrt den Landeskirchen auch nicht in den Sinn kommen, Sexualpädagogen zu fragen, wie sie ihre Gottesdienste gestalten sollen.

 

ENDE LAUFTEXT


Interview mit Thomas Hüni, Leiter der Fachstelle für Sexualpädagogik in Aarau und Brugg

 

Herr Hüni, Sie besuchen – von der Gesundheitsdirektion des Kantons Aargau beauftragt – als Sexualpädagoge seit bald 30 Jahren Klassen der 6. bis 9. Stufe. Worüber sprechen Sie mit den Kindern?
Das definieren hauptsächlich die Jugendlichen. Vor meinem Besuch schreiben sie jene Fragen auf, die sie beantwortet haben möchten. Viele Fragen drehen sich ums Verliebtsein, um Freundschaft, Liebeskummer, das erste Mal, Verhütung, Schwangerschaft, Abtreibung. Konkret listeten Buben einer 5. Klasse neulich folgende Fragen auf: «Wie kommt es zum Orgasmus? Ab welchem Alter hat man Sex? Wer hat das Kondom erfunden? Wieso wollen Menschen ihre Geschlechtsteile nicht zeigen? Wie fühlt sich Sex an? Wieso wird der Penis steif? Wie macht man einen Schwangerschaftstest?»

 

Soll die Verantwortung für die Sexualerziehung nicht bei den Eltern liegen?
Die Eltern stehen tatsächlich in der Pflicht. Aber die Schule kann das Thema nicht ignorieren. Sehr oft sind Eltern für Pubertierende nicht die populärsten und geeignetsten Ansprechpartner.

 

Und Sie sind das?
Viele Eltern klagen, dass sie mit dem Thema anstehen. In der Schule, umgeben von Gleichaltrigen, ist es oft einfacher, über Sexualität zu diskutieren, als zu Hause am Esstisch. Der Vorteil von uns Sexualpädagogen liegt darin, dass wir zu den Jugendlichen keine Beziehung haben. Wir sind, auch im Gegensatz zur Lehrperson, neutral.

 

Gibt es dennoch peinliche Momente?
Für mich nicht. Aber ich bin mir bewusst, dass die Situation für Schülerinnen und Schüler eine andere ist. Deshalb gehen wir immer als Mann-Frau-Team in die Klasse. Sie redet mit den Mädchen, ich mit den Buben. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht.

 

Manchmal werden Sie auch von Lehrpersonen der 4. oder 5. Klasse angefragt. Sind 10-Jährige nicht zu jung für Sexualkunde?
Nein. In diesem Alter ist das Interesse für die Frage, wie Babys entstehen, riesig. In dem Alter ist die Neugierde bekanntlich auch da, wenn es um Dampfmaschinen oder das Weltall geht. Unter dieser Optik fragen Kinder sehr spontan drauflos, beziehen aber – wenn es sich um sexuelle Inhalte handelt – diese nicht auf sich. Sie sind emotional nicht betroffen, sondern in erster Linie einfach nur «gwundrig» und unbeschwert. Ich zitiere aus einer Liste von Viertklässlern: «Wann ist Pubertät? Wann bekommt man Brüste? Was ist eine Jungfrau? Wie lange hat die Frau Milch in dem Busen? Was ist eine Periode? Was sind Schamhaare?»

 

Sexualkunde im Sinne einer Wissensvermittlung über Körperfunktionen ist in den meisten Kreisen unbestritten, nicht so die Thematisierung des zwischenmenschlichen Aspekts von Sex. Soll sich die Volksschule im Unterricht auf die biologischen Aspekte beschränken?
Es wäre unnatürlich, Sex ausschliesslich als biologisches Thema zu behandeln. Denn wir alle wissen, dass Sexualität mehr ist als Biologie, Genitalien und Akrobatik, auch wenn die pornografischen Bilder dies suggerieren. Ich möchte aber die Eltern nicht bevormunden und finde es gut, wenn eine Diskussion darüber stattfindet, was im Sexualkundeunterricht vermittelt werden soll und wie. Uns Sexualpädagogen geht es primär um die Vermittlung von Werten wie Selbstbestimmung, Respekt, Verantwortung und Rücksichtnahme.

 

Tendenziell rückt Sexualität früher in Bewusstsein und Alltag von Jugendlichen. Bedeutet dies, dass die Schule das Thema auch früher aufgreifen muss?
Nicht unbedingt, aber spätestens wenn Sexualität dazu führt, dass der Schulbetrieb gestört wird – zum Beispiel wenn pornografische Inhalte zirkulieren oder das Vokabular zu sehr sexualisiert ist, sollte man aktiv werden. Pornografische Inhalte können ziemlich Druck erzeugen, und Druck ist kein guter Ratgeber für Menschen, deren sexuelle Aktivität unmittelbar bevorsteht. Wie gesagt: Schule und Eltern müssen zusammenspannen. Jeder soll seinen Teil zu einer adäquaten Wissensvermittlung beitragen.

 

Wenn Sie einen Vergleich anstellen: Sind die Jugendlichen heute aufgeklärter, wissen sie besser Bescheid als vor 30 Jahren?
Punkto Verhütung wissen sie sicher mehr als früher und verhüten zuverlässiger. Der Punkt liegt aber woanders: Durch die Medien und das Internet haben die Jugendlichen von heute viele Bilder im Kopf und meinen zu wissen, wie alles funktioniert. Aber gefühlsmässig sind sie genauso hilflos wie die Generation vor 30 Jahren.

 

Ein Komitee «gegen die Sexualisierung der Volksschule» hat in drei Monaten 92 000 Unterschriften gesammelt. Es fordert unter anderem, dass man sich vom Sexualkundeunterricht dispensieren lassen kann. Eine gute Idee?
Nein, warum soll man Schulkindern so etwas Wichtiges vorenthalten? Letztlich geht es auch um die Vermittlung von wichtigen Kompetenzen im Zusammenhang mit Problemfeldern wie Teenagerschwangerschaften, sexuellem Missbrauch oder der Frage, wie eine HIV-Ansteckung verhindert werden kann.

 

Keine Rücksichtnahme auf Kinder, die aus Familien stammen, wo man nicht über Sexualität redet?
Gerade jene Mädchen, die aus Familien stammen, in denen Sexualität tabuisiert wird, machen im Unterricht die grössten Ohren und hören sehr aufmerksam zu. Ich weiss dies von meiner Kollegin, die mit der Mädchengruppe arbeitet.