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GEFALLENER ENGEL

 

Weil sich der ehemalige Zeuge Jehovas Roger Quillet von der Sekte lossagte, ist er für sie ein «Ekel erregender Handlanger Satans».

 

von Sabine Windlin

 

An den Tag seiner Taufe kann sich Roger Quillet noch gut erinnern. Er war 26 Jahre alt und fuhr mit dem Auto nach Interlaken BE ins Hallenbad. Er zog sich die Badehose an und stand ins Schwimmbecken. Dann führten zwei Hände seinen Kopf rückwärts ins Wasser. Als er wieder auftauchte, war er ein neuer Mensch: Bruder Quillet, anerkanntes Glied der Zeugen Jehovas. «Ich war glücklich», erinnert er sich.


Heute ist Quillet ein Verräter. Einer, der sein Gelübde gebrochen hat, ein Abtrünniger. Schlimmer noch: ein «Ekel erregender Handlanger Satans». So lautet die Bezeichnung für Aussteiger im Regelwerk der Zeugen Jehovas. Er hat dem weltweit agierenden Sektenkonzern nach 15 Jahren Dienst den Rücken gekehrt und per Internet (www.ex-zj.ch) eine Beratungsstelle für ehemalige und ausstiegswillige Zeugen gegründet. Die Karriere des Berners Roger Quillet zeigt, wie aus einem delinquenten, scharf denkenden Politaktivisten ein entrückter, den Genüssen des Lebens abschwörender Mensch wird, der seinen Verstand partiell einer Sekte opfert.


Nichts in seiner Jugend deutet darauf hin, dass sich der spät pubertierende, aber fröhliche Junge einmal beharrlich weigern würde, sein Verhalten gängigen Normen anzupassen. Er pariert in der Schule, engagiert sich als Jungwachtleiter und wird von der Fussball-Junioren-Nati sogar einmal zu einem bezahlten Probetraining eingeladen. Bei der Bernischen Kraftwerke AG absolviert Quillet eine kaufmännische Lehre. Sein erstes Geld verdient er als Buchhalter.


Dann kommt Leben in sein Leben. Zu Beginn der Achtzigerjahre rutscht Quillet in die autonome Jugendbewegung von Bern. Er nimmt an unbewilligten Demonstrationen teil, kreiert Flugblätter und schreibt als freier Journalist für die Bewegungszeitung «Drahtzieher». Seine Meinung zum Katholizismus sprayt er an Berns graue Kirchenmauern: «Dr Urbi het zum Orbi gseit, üse Papst isch düregheit!» Im Bermuda-Dreieck von autonomem Jugendzentrum, Bärenplatzdemos und seinem neuen Arbeitgeber, der Genossenschaftsbeiz «Brasserie Lorraine», findet Quillet, was ihm weder Mutter noch Vater bieten können: die intellektuelle und politische Auseinandersetzung über die unversöhnlichen Widersprüche der Klassengesellschaft.


Doch das politische Engagement wird für Quillet zum Frust. «Wir haben uns zerfleischt und in ideologische Sackgassen verrannt.» Aus der anfänglich positiven Unzufriedenheit wird eine lähmende Verdrossenheit, die Quillet mit Hasch und Alkohol tilgt. Der Tod von Freunden, die sich mit dem goldenen Schuss vom Leben verabschieden, stürzen Quillet in eine Lebenskrise.
Roger Quillet verlässt Bern und zieht nach Zürich. Hier kennt er niemanden, will sich neu orientieren. Da kommen ihm die hilfsbereiten Menschen von den Zeugen Jehovas, zu denen er über eine Freundin Kontakt findet, gerade recht. Sie geben dem Labilen Halt und nehmen ihn mit offenen Armen auf.


Die Vergangenheit, sagen sie ihm, zähle nicht, nur die Zukunft. Und die klingt verlockend: ewiges Leben im Paradies auf Erden ohne Hunger und Elend. Vorher, erfährt der Neuling, droht allerdings die «finale Aufräumung», die nur diejenigen überleben, die den Versuchungen Satans widerstehen.
Quillet ist beeindruckt: Alle Freunde Gottes werden vor dem Krieg Gottes gerettet, die Feinde vernichtet. Wer möchte schon vernichtet werden? Nicht er. Nicht noch einmal. «Ich war psychisch so fertig, dass ich mich an jeden Rettungsanker klammerte», sagt Quillet, der bis dahin weder an einen Gott glaubte noch eine Affinität zur Bibel hatte. Wohl wissend, dass es sich bei Quillet um einen Linken mit politisch geschärftem Verstand handelt, lockt man den Militärdienstverweigerer mit dem «politischen Zückerchen»: der strikten Ablehnung des Militärdienstes. Dass er als Zeuge Jehovas nicht mehr an Wahlen und Abstimmungen teilnehmen darf, stört ihn wenig: Die Welt, das hat er als Aktivist gemerkt, kann man sowieso nicht ändern.


Quillet steigt rascht die Karriereleiter der «Wachtturm»-Institution hoch, wird beliebter Versammlungsältester und Kongressmitarbeiter. Im Predigtdienst analysiert er mit den Brüdern Hunderte von Bibelstellen, übt sich in Rhetorik, hört und hält Vorträge. Wenn er einmal schlecht vorbereitet ist, hat er ein «quälend schlechtes Gewissen».


Im kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse steht er auf der richtigen Seite. Er trinkt nicht mehr, tanzt nicht mehr, raucht nicht mehr. Und er lernt, was eine Todsünde ist: «Gegenseitige Masturbation unter Personen, die nicht miteinander verheiratet sind», steht im Regelwerk der Zeugen Jehovas. Er feiert - auf Grund der heidnischen Wurzeln - auch keine Ostern und Weihnacht mehr und verzichtet auf Geburtstagspartys. Denn geboren - da ist er sich ganz sicher - wurde er nicht, wies im Pass steht, am 21. Mai 1960, sondern 26 Jahre später im Hallenbad von Interlaken.
Seine Arbeit als kaufmännischer Angestellter übt er nur noch zu fünfzig Prozent aus. Der wöchentliche Einsatz für die Zeugen beträgt mittlerweile 30 Stunden. Mit Anzug und Krawatte und einem Stapel «Wachtturm»-Zeitschriften geht er missionieren, marschiert von Haus zu Haus. Gratis - für Gotteslohn. Wenn ihm die Tür nicht vor der Nase zugeknallt wird, kommt er mit den Leuten ins Gespräch, konfrontiert sie mit dem bedauernswerten Zustand der Welt und beeindruckt sie mit einem Schwall auswendig hergesagter Bibelzitate.


Tatsache ist: Quillet weiss überhaupt nicht, wos langgeht im Leben. Zwar hat er sich inzwischen verliebt und geheiratet, aber die Zeugen sind ihm immer noch am wichtigsten. Nie und nimmer würde er ohne stichhaltigen Grund eine Zusammenkunft verpassen. Das würde sein latentes Schuldempfinden nur steigern.Dass seine religiöse Befreiung eine indoktrinierte Selbstverleugnung ist, gesteht er sich nicht ein. «Mein Verdrängungsmechanismus funktionierte perfekt.» Als er mit 28 Jahren auf einem Fest eine junge Frau küsst und «unzüchtig» berührt, plagt ihn das schlechte Gewissen tagelang. Wenn er der Versammlung mitteilt, dass ihn das zeitliche Engagement zunehmend belastet, heisst es, er hätte Eheprobleme.


Am 28. Oktober 1991 stirbt eine persönliche Bekannte von Quillet. Die Zeugin Jehovas hatte nach der Geburt ihrer Tochter trotz schwerer Komplikationen aus religiösen Gründen eine Bluttransfusion verweigert. Kein Grund für Quillet auszusteigen. Im Gegenteil. Bei der kurz nach dem Todesfall ausgestrahlten TV-Sendung «Zischtigs-Club» fiebert Quillet mit «wie bei einem Fussballmatch». Er verehrt die Tote wie eine Märtyrerin.


1998 beginnt Quillet, sich intensiv mit der für die Zeugen Jehovas evidenten «Blutfrage» zu befassen. Abend für Abend schliesst er sich in sein Büro ein, wälzt medizinische Fachwerke zum Thema Blut, nimmt Kontakt mit Ärzten, Biologen und Anästhesisten auf. In einem fünfzehnseitigen Brief an das Jehovas-Büro in Thun wirft Quillet die kritische Frage auf, weshalb Bluttransfusionen verboten, Organtransplantationen - früher als «Kannibalismus» gebrandmarkt - aber erlaubt seien. Mit anderen Worten: weshalb eine religiöse Gemeinschaft ihren Mitgliedern Verhaltenskodexe aufzwingt, die tödlich enden können.


In diesem Schreiben analysiert er die biochemischen Prozesse im menschlichen Körper mit Leukozyten und Globulinen detailliert. Der Thuner Hauptsitz der Zeugen Jehovas würgt es die kritische Analyse ihres treuen Mitglieds ab und verhängt kurzerhand ein Redeverbot. Begründung: Roger Quillet provoziere eine «Spaltung» und untergrabe damit «die Einheit der Versammlung». Die Sachfragen bleiben unbeantwortet.


Die Blutdoktrin gibt Quillet - der sein Geld mittlerweile als Veranstalter von Film-Openairs verdient - die Motivation zum definitiven Ausstieg. «An diesen Widersprüchen wäre ich sonst psychisch zu Grunde gegangen.» Gemeinsam mit seiner Frau entscheidet sich Quillet für den Bruch - auch der Tochter zuliebe. «Ich möchte nicht, dass sie sich auf der Schulreise beim Cervelatbräteln hintersinnen muss, weil sie nicht weiss, ob die Wurst Plasma enthält.»
Am 15. Januar 1999 wird Roger Quillet der Gemeinschaftsentzug telefonisch mitgeteilt - ein Tag, der ihm in guter Erinnerung bleiben wird. «Seither bin ich», sagt er, «ein gefallener, aber befreiter Engel.»

 

Roger Quillet nahm sich sechs Monate nach Erscheinen des Artikels das Leben.

Sektenpolitik in der Schweiz - «Der Staat ist gefordert»

Wer in der Schweiz in die Fänge von Sekten oder fundamentalistischer Psychogruppen gerät, kann auf Hilfe zählen. Zahlreiche private und kirchliche Institutionen informieren und beraten. Was allerdings bis heute fehlt, ist eine gesamtschweizerische, konfessionell unabhängige Informations- und Beratungsstelle, die sich dem Sektenproblem annimmt. Die Schweiz kennt im Gegensatz zu Deutschland und Österreich keinen Sektenberater. Es fehlt auch ein Bundesamt, dass sich intensiv und kontinuierlich mit Sekten befasst. Man könnte damit angeblich die verfassungsmässig garantierte Glaubens- und Religionsfreiheit gefährden.
Spätestens seit dem Sonnentempler-Drama von 1994 häufen sich Medienbeiträge über aufwühlende Erlebnisberichte von Betroffenen. Immer wieder wird das fehlende Engagement auf Bundesebene kritisiert.
Im vergangenen Sommer hat deshalb die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats in einem Sektenbericht den Bundesrat aufgefordert, eine Sektenpolitik zu formulieren und eine offizielle Beratungsstelle zu schaffen. Weiter fordert sie Informationskampagnen, um über die Gefahr von Sekten aufzuklären. «Der Staat ist gefordert», heisst es unmissverständlich. Religion sei keine Privatangelegenheit mehr, wenn Menschen psychisch manipuliert, in eine Abhängigkeit gedrängt oder gar geistig entmündigt würden.
Es sei nicht einzusehen, weshalb der Staat mit grossem finanziellem Aufwand gegen die Abhängigkeit von Drogen kämpfe, jedoch nichts gegen psychische Vereinnahmung und Abhängigkeiten unternehme.
Die Schweiz ist neben Grossbritannien und den Niederlanden das Land, in dem proportional zur Bevölkerung am meisten religiö- se Bewegungen aktiv sind. Die Schätzungen über die Zahl der Gruppierungen variieren zwischen 300 und 800.
Ob die Empfehlungen an den Bundesrat fruchten, wird sich im Herbst zeigen. Bis dahin hat die Landesregierung Zeit, zu den Vorschlägen Stellung zu nehmen. Während dieser Frist ist zu prüfen, wie sehr der Staat in der Sektenproblematik intervenieren soll.
Auch Sektenspezialist Georg Schmid, Leiter der evangelischen Informationsstelle «Kirchen-Sekten-Religionen» fordert ein verstärktes staatliches Engagement: «Denn es gibt Doppelspurigkeiten, die viel Geld kosten.» Ein Beispiel: In der Schweiz existieren vier verschiedene Sekten-Dokumentationsstellen: eine am religionwissenschaftlichen Institut der Uni Freiburg, je eine weitere führen die Basler Organisation Inforel sowie die Infosekta in Zürich. Und schliesslich betreut Georg Schmid eine eigene Doku.
Scientology-Buchladen.