Essays

 

 

IM SUMPF DER SPRACHE

 

Die Fachterminologie im Bildungswesen ist oft so abstrakt und abgehoben, dass niemand mehr weiss, was gemeint ist. Manche gesteltze Formulierungen sind unverdaulich.

 

von Sabine Windlin

 

Nur Banausen glauben, der Lehrplan 21 – das derzeitige Grossprojekt der deutschsprachigen Kantone – vereinheitliche Ziele und Inhalte der Volksschule. Bildungsexperten belehren uns eines Besseren: «Er bietet Grundlage für Koordination und Entwicklung förderdiagnostischer (sic!) Instrumente sowie für die Bereitstellung zeitgemässer Formen der Dokumentation des individuellen Könnens.» Warum einfach, wenn es kompliziert auch geht?

Aufgeblasen wie ein bretonisches Hochzeitsbaiser kommen auch andere Inhalte aus dem Bildungswesen daher. Die Informationen wirken, als würden sie über einen Graben gereicht. Hier der Absender, weit weg der Empfänger, dazwischen ein unverdauliches Konglomerat von aneinandergereihten Substantiven, die irgendwie wichtig und irgendwie wohlwollend klingen, aber wenig sinnvoll sind.


Im Bereich Sekundar- und Mittelschulen ist schweizweit «die Erarbeitung von Massnahmen zur Erreichung des Verlagerungsziels» im Gange. Das Schweizerische Bildungsmonitoring bezweckt die «systematische und auf Dauer angelegte Beschaffung und Aufarbeitung von Informationen über ein Bildungssystem und dessen Umfeld zwecks Rechenschaftslegung». Die Schweizerische Berufsbildung fordert «die Entwicklung von umsetzbaren und nachhaltig wirksamen Massnahmen zur Verbesserung des Übergangs in die Berufswelt sowie die Implementierung der Schnittstelle zwischen Akteuren der Schule und Wirtschaft». Vielleicht verbergen sich hinter diesen Wortsümpfen lauter hervorragende Ideen – wer weiss? Umso tragischer ist es, wenn sie kryptisch bleiben.


Einverstanden, das Bildungswesen ist komplexer geworden, die Schulsysteme sind vielfältiger, die Lehrmethoden variantenreicher, die Strukturen durchlässiger. Aber muss deshalb auch die Sprache gespreizt sein? Steckt hinter diesen obskuren Formulierungen Absicht, Unfähigkeit, oder entsprechen sie ganz einfach dem heutigen Trend? Es mag noch angehen, dass aus Lehrern Lehrpersonen, aus Klassen Regelklassen werden, aber daraus das Wortungetüm «Regelklassenlehrpersonen» – ein gängiger Begriff – zu konstruieren, geht eindeutig zu weit. Von Lehrlingen und Lehrbetrieben war einmal anschaulich die Rede sowie von Gymnasien, Sekundar- und Kantonsschulen. Bildungsfachleute, die etwas auf sich halten, sprechen jedoch heute landauf, landab von «abgebenden und aufnehmenden Systemen». Eine Formulierung ohne Leben, distanziert, neutral, kalt.


Ausgerechnet in einem Sektor, in dem der Mensch, das Kind im Zentrum steht, tönt es abstrakt und abgehoben. Dabei hätten das die Lehrer gar nicht nötig. Ihr Alltag im Klassenzimmer ist anspruchsvoll genug. Der gesellschaftspolitisch definierte Auftrag, Kinder gleichzeitig zu unterrichten, zu erziehen und zu integrieren, sie zu fordern, zu fördern, zu stützten, zu bewerten und zu begleiten, ist ein Kunststück, das wir zu würdigen wissen; auch ohne geblähte Sprache. Was früher Projektwoche hiess, wird heute als «Wahlangebot integrativer Begabungsförderung» verkauft, in dessen Rahmen Viertklässler Ateliers zum Thema «körperlich-kinästhetische Intelligenz» besuchen. Fragt man die Kinder, was sie gemacht hätten, löst sich das Rätsel wie von selbst: gesungen, gehüpft, getanzt. Klingt das zu einfach? Zu kindlich? Zu fröhlich?

Staunend lesen Väter und Mütter in Elternbriefen, dass wieder einmal der Unterricht ausfällt, weil sich die Lehrerschaft in der «Erweiterung und Vertiefung der Methodenkompetenz von Lernenden bezüglich Unterrichtsentwicklung im Rahmen des kantonalen Qualitätsmanagements» weiterbildet. Nicht dass man zu faul wäre, beim Schulamt nachzufragen, was damit gemeint sei. Aber die Bereitschaft, für die zwei schulfreien Tage einen Babysitter aufzubieten, hält sich in Grenzen, wenn nicht einmal klar ist, was die Lehrer eigentlich treiben. Und überhaupt: Verstehen das fremdsprachige Eltern? Oder wird ein solcher Text auch ins Serbische und Albanische übersetzt?


Bereits auf Kindergartenebene kann es nicht umständlich genug klingen: «Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass bei wiederholtem Nichtkooperieren bezüglich Kindergartenregeln gewisse Umsetzungen realisiert werden, die im Einzelfall zur Anwendung kommen», stand wortwörtlich in einem Brief an die Erziehungsberechtigten. Kinder, die unentwegt stören, war dann auf Anfrage zu erfahren, würden vor die Tür gestellt.


Es muss am steten Ringen um exzessive Optimierung im Schulalltag liegen, dass in den gestelzten Formulierungen allem Engagement zum Trotz zwei Tonlagen dominieren: jene der Unbeholfenheit und jene der Verkrampftheit. Anders lässt sich nicht erklären, wie der Schweizerische Lehrerverband im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen von Pädagogen auf Minderjährige deklarierte, dass «das Gebot des unbedingten Respekts vor der menschlichen Würde die zentrale Maxime im Schulalltag sei» – gerade so, als ginge es um eine Neuauflage der Europäischen Menschenrechtskonvention.


Immer häufiger stammen die seelenlosen Begriffe aus der Finanzbranche. Da wie dort geht es um Nachhaltigkeit, Wirksamkeit, Standards, Portfolio, Management und – unvermeidbar – Evaluation beziehungsweise Evaluierung, das unangefochtene Zauberwort im Bildungsjargon. Auf Teufel komm raus wird evaluiert: buchstäblich alles, was den Bildungsmenschen in die Finger gerät, von der «Rahmenstundentafel mit Bandbreiten» über «Deutsch als Interkulturalität» bis zu den «Gelingensbedingungen im Hochschulbereich». Dabei ist praktisch alles entweder kooperativ, integrativ, partizipativ oder – der neuste Hit – separativ. Es wird von «primitive skills» gesprochen, wenn Grundkenntnisse gemeint sind, von «Equity», wenn es um gleiche Chancen geht, und wenn eine Mutter fragt, wie ihr achtjähriger Sohn in der Klasse mitkommt, hakt die Lehrerin nach: «Meinen Sie jetzt die Lernzielüberprüfung in formativer oder in summativer Hinsicht?»

Das Problem ist, dass irgendwann irgendwer die unglücklichen Begriffe kreiert hat und diese nun von Angestellten aus Verwaltung und Schule nachgebetet werden, statt dass jemand aufsteht und ruft: «Stopp! Jetzt reden wir Klartext, jetzt möchten wir einmal verstanden werden.» Das würde etwa heissen: nicht «Bereitschaft zur Ausübung von Kompetenz», sondern Freude am Lernen, nicht «Steigerung der Selbstlernanteile und Selbstlernzeiten», sondern mehr Selbständigkeit, nicht «flächendeckender Einsatz von standardisierten Standortbestimmungen», sondern Bestandesaufnahme für alle.


Je länger, je mehr wird der Wunsch nach Entschlackung nämlich auch von den Lehrern selber geäussert – wenn sie nicht mehr wissen, was eigentlich gemeint ist, wenn es heisst, sie sollten «situativ» sowohl «leistungsdifferenzierte Lernangebote» wie auch «binnendifferenzierten Unterricht» gestalten. Dass sich im Laufe der Jahre zur Fachkompetenz die Sozialkompetenz gesellte, ist nachvollziehbar. Seit geraumer Zeit sehen wir uns aber auch mit der Methodenkompetenz, der Lernkompetenz und der Sachkompetenz konfrontiert, die unweigerlich in die «Validierung der Gesamtkompetenz» nach den Grundsätzen von «best practice» münden.

 

Andererseits spenden die Begriffe auch Vertrautheit, denn sie tauchen an Vorträgen, Kursen und Sitzungen immer wieder auf – und umhüllen die Pädagogen wie ein warmes Bad.

 

Der Informationsbeauftragter der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz Urs Jecker über notwendige Übersetzungsarbeit im Bildungswesen von schlechtem in gutes Deutsch.


Man nehme ein x-beliebiges Dokument zur Hand, das mit Bildung zu tun hat. Spätestens im dritten Satz geht es los: «Auswertung der Synergieeffekte in der Umsetzungsphase», «Abstimmung der Anwendung im Wahlpflichtbereich». Schule tönt oft so kompliziert. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen?
Es wäre nicht gut, wenn das mir als Informationsbeauftragtem nicht auffallen würde. Die abstrakte Sprache ist aber in vielen Bereichen der Geisteswissenschaften gegenwärtig. Es handelt sich also nicht um ein bildungsspezifisches Problem. Es ist aber tatsächlich so, dass im Bereich der Schule für viele Dinge, die man früher mit einem «einfachen» Ausdruck bezeichnete, heute hochkomplexe Begriffe verwendet werden. Dadurch werden Inhalte vernebelt.


Hat diese Entwicklung mit der Akademisierung der Lehrer zu tun?
Bis zu einem gewissen Grad ja. Denn mit der Tertiarisierung der Ausbildung – also dem Ende der Seminarien – erfuhr die Bildungsforschung eine enorme Aufwertung. Es findet eine Verwissenschaftlichung der Bildung statt, und es wird mit einer Fachsprache operiert. Innerhalb dieser Fachsprache verständigt man sich mit Codes, die zunehmend in den Alltag überschwappen.


Welche Rolle spielt dabei die Bildungsverwaltung?
Die Verwaltung ist diesbezüglich ebenfalls sehr produktiv, ein veritabler Schmelztiegel für Wortkreationen, die oft zu einer Scheinverständlichkeit führen. Die Bildungsbürokraten reden dann zum Beispiel von «Förderung der Schlüsselkompetenzen der Kinder». Diese Formulierungen sind scheinbar verständlich, aber jeder meint damit etwas anderes. Der eine bezieht sich auf das Schuhbinden, der andere auf das Gender-Mainstreaming. Der Rückzug in die sprachliche Abstraktion ist in vollem Gange, und man fragt sich oft absolut zu Recht: Was heisst das alles noch?


Auch die pädagogischen Hochschulen leisten ihren Beitrag zum Kauderwelsch, etwa indem sie Projekte zur «Entwicklung der Diagnosekompetenz bei Studierenden im Laufe ihrer Ausbildung» erforschen lassen. Bei diesem Titel wird mir schwindlig.
Mir auch, aber nicht nur wegen des Titels. Sondern weil es hier ein Rätsel zu lösen gilt: Was meint der Begriff Diagnosekompetenz genau?


Vielleicht möchten Pädagogen ja von der Öffentlichkeit gar nicht verstanden werden. Oder redet man auch innerhalb der Branche aneinander vorbei?
Die Lehrer möchten schon verstanden werden, aber sie übernehmen – manchmal sehr unkritisch – diese Begriffe, weil sie denken, dass das von ihnen erwartet wird. Sie hinterfragen zu wenig und passen sich sprachlich dem Zeitgeist an, beugen sich dem Gruppendruck. Viele Lehrer wagen es nicht, hinzustehen und zu sagen, was sie zum Beispiel ganz konkret unter Kompetenz verstehen. Denn eine konkrete Aussage macht sie angreifbar, eine nebulöse nicht.


Oder leiden die Lehrer an einem Minderwertigkeitskomplex und fühlen sich wichtiger, wenn sie pseudokluge Begriffe verwenden?
Ich glaube nicht, dass dies auf die Lehrpersonen zutrifft. Die sind oft geerdet. Sie stehen vor einer Klasse und müssen mit Kindern und Eltern ja auch so sprechen, dass sie verstanden werden.


Genau dies ist häufig nicht der Fall. Meine Tochter, eine Erstklässlerin, bringt ein Übungsblatt nach Hause, auf dem sie Äpfel und Birnen zusammenzählen muss. Es trägt den Titel: «Anzahlerfassung: Koordination des ordinalen und kardinalen Aspekts».
Das ist ein extremes Beispiel. Ich weiss nicht, wie so etwas auf ein Arbeitsblatt kommt. Ich beobachte aber, dass gerade solche Zielformulierungen ab und zu auch gedankenlos verwendet werden.


Kann die unheilvolle Entwicklung noch gestoppt werden, oder ist es zu spät?
Als Informationsbeauftragter leiste ich viel Übersetzungsarbeit, von Deutsch ins Deutsche; sofern es die Leute zulassen. Das ist aber sehr oft nicht der Fall, weil es eine Angst vor Vereinfachung gibt. Vereinfachung steht dann für Popularisierung und diese für Banalisierung. Gerade in der Bildungsforschung ist diese Haltung verbreitet. Es heisst dann, Simplifizierung sei Sache der SVP. Damit machen es sich die Leute aber zu einfach. Ich gebe jedoch nicht auf und versuche darzulegen, dass es wichtig ist, verstanden zu werden. Angestellte einer Hochschule stehen meiner Meinung nach ohnehin in der Pflicht, ihre Arbeit klar zu kommunizieren. Immerhin arbeiten sie im Auftrag und mit dem Geld der Öffentlichkeit.

 

http://www.nzz.ch/nachrichten/hintergrund/wissenschaft/im_sumpf_der_sprache_1.4731662.html