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GANZ OHR FüR DIE LIGNE DE COEUR

 

Auf der «ligne de coeur» offenbaren die Anrufer Abend für Abend ihre Sorgen und Nöte. Die Sendung von Radio Suisse Romande hat grossen Erfolg. Jeder zweite Hörer schaltet sie ein.

 

von Sabine Windlin

 

Es sind die unverkennbaren, heiteren Akkordeonklänge des Lausanner Chansonniers François Ve, die uns abendlich, von Montag bis Freitag, zwischen 22 Uhr und Mitternacht einstimmen auf das Elend und die Nöte unserer Westschweizer Kompatrioten. Die Hörer und Hörerinnen der Sendung «ligne de coeur» spitzen dann die Ohren und warten auf das besonnene «Bonsoir!» des Moderators Etienne Fernagut, eines klugen, schlanken Manns von 60 Jahren.

 

In der Intimität der Nacht und der Anonymität des Mediums vertrauen sich ihm die Romands an, mit allem, was sie bedrückt: David, 33, adoptiert, möchte seine biologische Mutter kennenlernen, ihr danke sagen und erzählen, dass er selber Vater wird. Fabienne, 37, bringt ihren Mann nicht vom Alkohol los. Er schlägt sie. Sie hält es nicht mehr aus. Vincent, 42, hat ein Strafverfahren am Hals, weil er den Hauswart geohrfeigt und dessen Freundin belästigt hat.

Ist das nicht peinlich? Nein. Verantwortlich dafür ist Fernagut, der sich langsam, konzentriert und engagiert auf die Zuhörer einlässt und alle Vorurteile Lügen straft: Ein Sorgentelefon übers Radio kann geistig anregend und unterhaltsam sein. Dazu tragen auch die Anrufer mit ihren grossen und kleinen Problemen bei: Computersucht und Impotenz, Taschengeld und Bisexualität, Flugangst und Seitensprünge, Selbstmord und Haarausfall, Einsamkeit und Platzangst, Ordnungswahn und Tierquälerei, Arbeitslosigkeit und Übergewicht, Eifersucht und Todesstrafe, Depressionen, Aids und Inzest. Kein Problem, das nicht schon diskutiert worden wäre auf der rettenden Nummer 021 653 70 70.


Fernagut ist kein Experte der Psychologie, Pädagogik oder Juristerei und spielt sich nicht als solcher auf. Der eigenwillige Medienmann mit französischem Pass - ein ehemaliger Skirennfahrer und leidenschaftlicher Alpinist, nebenbei auch aktiv als Regisseur, Autor und Schauspieler - ist Autodidakt und mit der Begabung gesegnet, mit ratsuchenden Leuten auf unaufdringliche, diskret-interessierte Weise in ein Gespräch zu kommen. Sein eigenes Leben - er verlor eine Tochter - ist ihm Lehre und Voraussetzung genug, sich in Menschen hineinzufühlen, deren Leben zu irgendeinem Zeitpunkt aus irgendeinem Grund aus dem Ruder gelaufen ist. Immer hält er die Balance zwischen echter Anteilnahme und professioneller Distanz, stillem Feinsinn und robustem Humor, wenn fleissige Samenspender, überforderte Mütter und frustrierte Freier berichten, was ihnen widerfahren ist. Nur ein Gefühl ist dem seit 2002 vor dem Mikrofon sitzenden Moderator ein Tabu: Mitleid.


«Ligne de coeur» kennt in der Westschweiz jedes Kind. Der Marktanteil beträgt über 52 Prozent. Das heisst: Jeder zweite Hörer aus dem RSR-Sendegebiet schaltet zum Sendezeitpunkt der «ligne de coeur» das Radio ein. Das sind durchschnittlich gut 100 000 Personen. Und ganz wie Roger Schawinskis legendäre Einstiegsfrage beim Sonntalk auf Radio 24 («Herr XY, wer sind Sie?») beginnen Fernaguts Gespräche immer mit dem standardisierten: «Comment allez-vous?»

«Ca va», sagt Thomas, 47 Jahre alt, Magaziner. «Ca va vraiment?», hakt Etienne nach, den leisen Seufzer des Anrufers sehr wohl registrierend. «Ja, ja, ausser, dass ich seit sechs Monaten arbeitslos bin», sagt Thomas. Fünfzehn Jahre lang hat er für dieselbe Firma Etiketten auf Weinflaschen geklebt. Jetzt ist er der «Restrukturierung der Unternehmung» zum Opfer gefallen. Beim Wort Restrukturierung stottert Thomas. Jetzt würde er gerne als Hauswart arbeiten, aber dafür, meint er, sei er wohl nicht intelligent genug. Es gibt Tage, da schliesst er sich in der Wohnung ein, spricht mit keinem Menschen und schaut nur noch fern. «Quoi faire?», fragt Thomas und wartet auf die Antwort des Moderators, der um eine solche ringt: hinausgehen, ein Inserat schalten, Freunde informieren und Bekannte um Hilfe bitten. Nur wer aufgibt, hat verloren.


Es sind Fülle und Breite menschlichen Kummers, die manch einen Zuhörer im Gefühl bestärken, dass es ihm im Vergleich zu den Anrufern doch eigentlich ganz passabel, ja vielleicht sogar blendend geht. Was beispielsweise die 71-jährige Marie erzählt, ist schwer zu glauben: Ihr Sohn, gelernter Konditor, ist ausgesteuert und bezieht Sozialhilfe. Er säuft und plündert zur Finanzierung seiner Sumpftouren immer wieder das Sparschwein seiner Mutter. Marie strickt Socken und verkauft diese auf dem Dorfmarkt, damit sie die Telefonrechnung ihres Sohnes bezahlen kann. Etienne fragt: «Sie stricken Socken, um damit die Telefonrechnungen Ihres erwachsenen Sohnes, der Sie bestiehlt, zu bezahlen? Ist das in Ordnung?» Darauf Marie, wie ein Kind um Verzeihung bittend: «Ich kann nur das.»


Der Moderator kennt die Stimmung, in der sich viele Menschen befinden, die ihre Rettung «à l'antenne» suchen und hörbar machen, wie nahe Trauer und Trost mitunter liegen. Manch ein Anrufer meldet sich erneut, wenn es im Leben wieder aufwärts geht, und der Zuhörer erfährt, dass Alexandre, 32, der Taxichauffeur, der pleite ging, jetzt als Pizzakurier sein Geld verdient, und Bernard, 62, der an Depressionen litt, in seinem Enkel den besten Freund gefunden hat. Hartnäckige, die ständig oder mit jedem noch so vorübergehenden Problemchen auf Sendung wollen, werden von der Assistentin Danielle entweder charmant in die Warteschlange oder an eine passende Selbsthilfeorganisation verwiesen oder aber elegant abgeklemmt.


Etienne hört nicht nur, was gesagt wird, er ahnt auch, was nicht gesagt wird. Seine Kommentare entstehen nicht aus der Position des unbeteiligten Beobachters, der sich aus der Banalität menschlicher Probleme herausgehoben hat, sondern in der Konfrontation damit. «Ich will wirklich wissen, wo der Schuh drückt.» Das braucht Interesse, Empathie und viel Geduld. Denn nicht selten, erzählt der Radiomann, stehe am Anfang des Gesprächs gar nicht der Grund des Anrufs, sondern irgendeine Lappalie.


Verfolgt die Misere der Zuhörer den Moderator nicht bis in die Nacht? «Nein», versichert resolut der Profi, der nach getaner Arbeit aufgeräumt das Radiohochhaus verlässt, sich in seinem Stammlokal noch ein Bier genehmigt und die Sorgen anderer Sorgen sein lässt. Nur ein einziges Mal griff er nach der Sendung zum Telefon und rief einen Bauern aus dem Val-d'Anniviers an, der zuvor am Radio von seiner durch die allgemeine Abwanderung bedingten Vereinsamung erzählte. Eine Woche später besuchte Etienne den Bergler im Tal und leistete ihm bei einem Raclette Gesellschaft.