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CHARME DES WAHNSINNS

 

Amt für Medienkritik

 

von Sabine Windlin

 

Manchmal sind sie informativ, häufig aber selbstgefällig und sterbenslangweilig. In den so genannten Editorials der Schweizer Presse quälen die Chefredakteure ihre Leserschaft am Heftanfang mit netten Häppchen zur Wochenaktualität, verkünden neuste Leserzahlen und bedanken sich artig für die langjährige Treue. Oft werden hier auch die Journalisten aus dem eigenen Haus gewürdigt, wenn diese einen Interviewtermin bei Lolita Morena bekommen oder sich zum Lunch mit Udo Jürgens getroffen haben.

 

Nicht so bei «Taxi», dem Schweizer Strassenmagazin, das niemand kennt und liest. Da haben Nettigkeiten und Promis keinen Platz. Die 46 jährige Chefredakteurin – hauptberuflich als DJ aktiv – haute grad kürzlich in ihrem Grusswort wieder dergestalt auf den Putz, dass es für an dieser Stelle an Gentillessen gewohnte Leserin ein Schock war. Die Taxi-Frau thematisierte den gnadenlosen Konkurrenzkampf der Strassenmagazine, die in Bern, Basel, Zug, Zürich zunehmend und zusehends präsent sind. Dass die Verkäufer der grossen, farbigen «Surprise» (Auflage 23 000) und des kleinen, unscheinbareren «Taxi» (Auflage 8000) keine innige Liebe verbindet, ist bekannt. Doch neuerdings werden letztere an Leib und Leben bedroht. Ja, man hat richtig gelesen: Manche Verkäufer erledigen ihren Job unter Todesgefahr. Da sei neulich ein «Taxi»-Verkäufer vor einer Migrosfiliale von einem «Surprise»-Verkäufer auf Übelste beschimpft und schliesslich mit einem Messer bedroht worden, ist zu erfahren. Natürlich machte sich der «Taxi»-Verkäufer sofort aus dem Staub, während ihm der andere nachrief, dass er ihn in einer Gasse absteche, falls er noch ein einziges Mal vor dieser Migros stehe.

 

Während die rüden Umgangsformen einzelner Strassenverkäufer kurz nach dem Vorfall zum Traktandum bei der Zürcher Stadtpolizei wurden,  mit dem Ziel, die Wogen zu glätten, bleibt der publizistische Umgangston bei «Taxi» nach wie vor verschärft. Manchmal hat man den Eindruck, die Heftmacher- und Innen schreiben sich richtig gehend in Rage, wollten demnächst einen Volksaufstand initiieren oder gar einen Generalstreik.

 

Beispiel: Gegen die Kürzungen der Volkszahnklinik («Sollen arme Menschen mit verfaulten Zähnen rumlaufen?») wird genauso lauthals protestiert wie – nicht ganz unerwartet - gegen die Parteiprogramme sämtlicher Bundesratsparteien («Ich frage mich, wie wenig Hirn diese Leute haben?»). Normalverdiener stehen ganz generell unter«Abzocker»-Verdacht und als «asozial» gelten Bürger prinzipiell dann, wenn sie einer bezahlten Arbeit nachgehen («Die Fixierung auf Geld macht krank!»). Eine Verbal-Attacke ritt man unlängst gegen «Eigenheimfuzzis» und «Botox-Trinen», die keine Ahnung hätten, wie es sich mit wenig Geld lebt. Schliesslich wurde die ganze Landesregierung («Da ist nur Desinteresse und Hickhack») diskreditiert.


Man kann jetzt sagen, diese Wortwahl sei grenzwertig und selbst eines Strassenmagazins unwürdig. Man kann aber auch sagen, «Taxi» verhalte sich antizyklisch und setzt einen Kontrapunkt zum medial vorherrschenden Marktradikalismus. Da meldet sich eine kleine Gruppe unverdrossener Querdenker in geradezu erfrischend tabuloser Weise monatlich zu Wort. «Taxi» ist ein Experiment, dass sich den Charme des Wahnsinns leistet und – da derb polemisch - das Zeug zur echten Szenezeitschrift hat. Wenn Sie sich also mal wieder einmal richtig fertig machen lassen wollen, kaufen Sie «Taxi».