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BASTELN UND BETEN

 

 

von Sabine Windlin

 

Was ist denn heute wieder los? fragte ich Betty und ihren Mann, als diese zum dritten Mal hintereinander abends völlig gestresst aus dem Haus eilten. «Erstkommunionsvorbereitung», lautete die Antwort gereizt. Erst auf mein Nachhaken hin wurde klar, zu welchem Anlass die Pfarrei Santo Spirito die Eltern angehender Erstkommunikanten auf 20.15 Uhr in den Pfarreisaal einberufen hat: Zum gemeinsamen Bastelabend zwecks Herstellung eines Kreuzes aus Tonerde. Mitbringen: Küchenmesser (ohne Wellenschliff), Putzlappen (möglichst alt), Bleistift und Schere, Stecknadeln, ein Wahlholz und «natürlich viel Freude am Gestalten eines einzigartigen Andenkens für Ihr Kind.»

 

Klar doch fiebern Eltern mit, wenn ihre Sprössling durch den Empfang des Leibes und Blutes Christi zu vollwertigen Bürgern des Gottesvolkes werden. Aber müssen sie dazu tagelange und abendfüllende Veranstaltungen besuchen? Die Antwort ist: ja. Während früher die wichtigsten Infos (Kleidung, Messebeginn) für den weissen Sonntag schriftlich vom Dorfpfarrer mitgeteilt wurden, nehmen sich die Gepflogenheiten heute anders aus. Ganze Heere von Katecheten, Seelsorgern und Theologen sind im Hinblick auf den kommenden weissen Sonntag vom 15. April 2007 mit entsprechenden Instruktionen betraut und bereiten die katholischen Zweit- oder Drittklässler (heuer über 24’000) generalstabsmässig auf ihre erste Hostie vor.

 

Es gibt Gesangs-, Instrumental- und Fürbittenproben, Fusswaschungen, Nachmittage mit Taufgelübde-Erneuerungen, Besuche in der Hostienbäckerei, Versöhnungs- und Familienbussfeiern. An eigens dafür geschaffenen Tauschbörsen wird die Garderobe ausgewählt, in Kerzenkursen nach passenden Motiven (Weinrebe, Weinranke, Ähre) gesucht. Und dies nicht etwa kurz vor dem Hauptereignis, oh Nein. Die Vorbereitungen starten – wie eine kleine Umfrage ergab – bereits ein halbes Jahr vorher diktieren die familiäre Agenda: Ganze Mittwochnachmittage gehen drauf, Samstagmorgen oder Wochenenden. In Zürich verreisen die Gotteskinder in ein Lager und opfern eine Woche Schulferien, um mehr über die biblischen Ursprünge dieses Sakraments und die damit einhergehende Bedeutung des Konzils von Trient (1545 – 1563) zu erfahren.


Damit das ganze nicht zu trocken wird, steht die Veranstaltungen meist unter einem pädagogisch umsetzbaren Motto: «Mit Jesus wachsen und blühen», «Wunder der Verwandlung», «Vom Dunkel zum Licht», «Fest des Lebens» oder «Das Mahl der Liebe.» Manche Pfarrämter verstehen die erstmalige Teilnahme junger Christen an der Eucharistiefeier durchaus wörtlich (lat. communio = Gemeinschaft) und bieten nebst den lieben Brüdern und Schwestern auch Eltern, Gottis und Göttis für die Aktivitäten auf.

 

Wir selber empfingen das geweihte Brot noch ganz unbedarft und hatte keinen Schimmer, warum und vor allem wie denn Jesus Christus als Sohn Gottes in die geweihte Oblate hineinkam. Hauptsache das Wetter war gut, das Krönchen sass richtig, die Blasmusik verpasste ihren Einsatz nicht und die obligate Armbanduhr tickte richtig.
PS: Sollten Sie ebenfalls ein Aufgebot zum Basteln erhalten haben, beachten Sie bitte folgendes: Bei der Platzierung des Kerzenmotivs im unteren Teil genug Abstand lassen, damit noch Platz bleibt für die Tüllmaschette.