Kolumnen

 

 

ÜBERFLüSSIGE SäTZE

 

Amt für Experten

 

von Sabine Windlin

 

«Die suizidfreie Gesellschaft wird es nie geben.» Das ist einer von vielen törichten Sätzen, mit denen Experten unerfreulichen gesellschaftlichen Tatsachen und Tendenzen eine Sprache geben wollen. Die Geschäftsführerin der Schweizerischen Vereinigung für Suizidprävention liess sich unlängst mit diesem Satz in den Medien vernehmen. Anlass bot eine Stellungnahme des Bundesrates zu Massnahmen gegen Selbsttötung.

 

Nicht dass der Gedanke der Expertin falsch wäre. Er ist nur vollkommen überflüssig, denn es gibt niemanden, der ihn bestreitet. Den Freitod gibt es, seit es Menschen gibt, und dies in allen Kulturen und Ecken der Welt. Suizidstatistiken hingegen existieren erst seit dem 20. Jahrhundert. Und diese besagen: jährlich bringen sich in der Schweiz etwa 1000 Männer und 400 Frauen um. In den Suizidraten spiegeln sich  konjunkturelle Schwankungen: In Rezessionsphasen steigen die Raten an, in Prosperitätszeiten sinken sie.

 

Schliesslich leben wir nicht in einer Gesellschaft, die uns gelegentlich Grund gibt, sich das Leben zu nehmen. Viel mehr bieten sich ständig tausend Gründe der Verzweiflung, die einen Freitod in Betracht ziehen oder sogar nahe legen lassen: Liebeskummer, Überschuldung, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Depressionen, Wohnungsnot, Mobbing, Burnout, Einsamkeit. Gerade einer mit dem Thema betrauten Fachperson müsste dies bewusst sein. Umso erstaunlicher ist und bleibt ihre  Aussage: «Die suizidfreie Gesellschaft wird es nie geben.»

 

«Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, in hundertprozentiger Sicherheit zu leben.» Dies sagte kurz nach der Tsunami-Katastrophe der deutsche Bestseller-Autor Frank Schätzing in einem Interview. Und wiederum stellt man fest: Ein überflüssiger Gedanke, denn es gibt keinen, der ihn denkt. Darum muss auch niemand dazu aufgefordert werden, sich von ihm zu verabschieden. Wir leben nicht nur in keiner hundertprozentigen Sicherheit, wir leben in hundertprozentiger Unsicherheit. Das weiss jeder, dem sein Leben und das seiner Lieben lieb ist. Unfälle, Überfälle, unheilbare Krankheiten, Naturkatastrophen führen uns  die Gefahren des täglichen Lebens vor Augen. «Das Leben an sich ist Risiko», ist man geneigt zu konkludieren, hält inne, sinniert, stockt, schweigt und realisiert: Ein überflüssiger Gedanke.

 

P.S. Kurz nach dem holländischen und dem französischen Nein zur EU-Verfassung meinten die Herren Regierungschef der beiden Länder, sie würden den Ausgang der Abstimmung akzeptieren. Welch grosszügige Geste und - angesichts der Tatsache, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt – welch überflüssiger Satz.