Interviews

 

 

«DIE BöSARTIGSTEN KRITIKEN KAMEN VON FRAUEN»

 

Die Regisseurin Meret Matter, Tochter von Mani Matter, war schon als Kind wild und frei. Heute verspürt sie manchmal Lust, ihre hartnäckigsten Kritikerinnen aus dem Theater zu sperren.

 

von Sabine Windlin

 

NZZ am Sonntag: Frau Matter, Sie sitzen hier mit Ihrer Schwester auf dem väterlichen Rad. Wo befinden wir uns?
Das war 1969 in Cambridge, wo wir ein Jahr wohnten. Ich war drei Jahre alt. Mein Vater arbeitete an der dortigen Universität an seiner Professur.


Erinnern Sie sich an diese Zeit?
Ich war zu klein, aber ich weiss, dass dieses Jahr in England für meine Eltern nicht einfach war. Man fand damals heraus, dass mein Bruder unter einer schweren Hörbehinderung und dem POS-Syndrom litt. Meine Mutter musste mit ihm wöchentlich nach London zu Spezialärzten. In dieser Zeit kümmerte sich dann Mani um mich und meine jüngere Schwester. Hier bringt er uns in den Kindergarten.


Welches Bild bleibt vom 1972 tödlich verunglückten Vater?
Er hat extrem viel gearbeitet und pflegte intensiv seine Freundschaften. Viele spannende Menschen gingen bei uns zu Hause ein und aus, es gab immer angeregte Diskussionen. Ich war ein unbeschwertes, wildes und freies Kind. Aber mit dem Tod meines Vaters hat sich einiges geändert.


War für Sie als Siebenjährige der Tod begreifbar?
Nein. Das gab mir eine Art Schutz. An der Verfassung meiner Mutter merkte ich aber, wie schlimm die Situation war. Sie nahm sich sehr zusammen und tat alles, damit wir uns entfalten konnten. Sie liess uns Instrumente spielen, nahm uns mit ins Theater. Für meinen Bruder, der sich schwer mit Worten, dafür umso besser mit Zeichnungen ausdrücken konnte, holte sie kiloweise Papier in der Papierfabrik. Erst als ich 36 Jahre alt war - so alt, wie mein Vater zum Zeitpunkt des tödlichen Autounfalls -, holte mich die Vergangenheit ein: Ich realisierte, wie jung er gestorben war.


Ein Schicksal kann auch Positives zu Tage fördern.
Na ja, das sagt man so. Ich wurde, weil meine Mutter fortan viel arbeitete und sich in der Politik engagierte, sehr selbständig. Ich war wohl ein anstrengender Teenager, der bewusst aneckte und auf Autonomie und Unabhängigkeit pochte. Ich verkehrte in den autonomen Kreisen und machte nur, was ich wollte. Ich wollte anders sein als die andern.


No future?
Im Gegenteil! Ich sah unzählige Möglichkeiten, meine Träume umzusetzen: Ich war zum Beispiel massgeblich daran beteiligt, dass wir innerhalb der Gemeinde Jugendräume erhielten. Ich wusste auch früh, dass ich zum Theater wollte. Mit 17 Jahren verliess ich das Gymnasium und meldete mich für die Schauspielschule an. Mit 23 Jahren gründete ich mit Grazia Pergoletti den Club 111, dessen Theaterproduktionen wir in der Reithalle während fünfzehn Jahren zeigten.


Die Reithalle stand in den achtziger Jahren im Ruf einer von Anarchie und Chaos geprägten Drogenhölle. Fühlten Sie sich wohl dort?
Es gab schon Drogen und kreatives Chaos, aber auch enormen Freiraum und die Möglichkeit, in einem selbstbestimmten Kollektiv zu arbeiten. Eine prägende und anstrengende Zeit. Um zusätzlich zum Ticketverkauf Einnahmen zu generieren, betrieben wir nach den Theatervorstellungen eine Disco. Auf der Bühne thematisierten wir uns alles, was uns beschäftigte.


Und das kam an beim Publikum?
Wir haben uns ein neues, buntes Theaterpublikum erspielt. Manchmal rannten uns die Leute regelrecht die Bude ein. Dann fingen wir an, auch Nachtvorstellungen zu spielen. Wir adaptierten das Fernseh-Genre aufs Theater und machten serielles Theater mit Live-Musikern. Von der Presse wurde das «Genre-Persiflagen» genannt. Es war sehr boulevardesk, bissig und selbstironisch, gleichzeitig aber auch politisch engagiert.


Der Erfolg in der freien Szene führte zu Regieaufträgen am Schauspielhaus Zürich, dem Luzerner Theater und jüngst dem Schauspiel Hannover. Steigt da auch der Erfolgsdruck?
Natürlich. Wenn man ein grosses Haus füllen muss, steigt der Druck.


Werden Sie mit der Erfahrung sicherer?
Es gibt keine Sicherheit im Theater. Dafür bekam ich in der Vergangenheit von Kritikern zu viel aufs Dach. Meine Inszenierung von Brechts «Der gute Mensch von Sezuan» am Schauspielhaus Zürich wurde von den Kritikern zum Teil heftig kritisiert. Damit muss ich leben. Was mich ärgert, ist, wenn die Kritiker unterschlagen, dass das Stück dem Publikum gefallen hat. «Der gute Mensch von Sezuan» war - nach Marthalers «Hotel Angst» - einer der grössten Publikumserfolge und füllte 31-mal den Pfauen.


Volle Ränge sind Ihnen wichtiger als eine gute Kritik in der Zeitung?
Am allerwichtigsten ist für mich die Zusammenarbeit mit den Schauspielern und dem ganzen Team. Das war toll am Schauspielhaus. Ich wurde von Anfang an voll akzeptiert und ernst genommen, obwohl die Leute dort auch mit internationalen Grössen arbeiten. Erst wenn das Arbeitsklima nicht mehr stimmt, dann leide ich. Nicht wegen einer negativen Kritik.


Trotzdem: Wenn jemand schreibt, ein Stück von Ihnen sei «ideenfrei», «verkrampft», «bieder und zäh», steckt man das doch nicht einfach so weg.
Nein, aber auch eine Kritikermeinung ist nur eine Meinung unter vielen: Daneben gibt es die Meinung des Publikums, die Meinung des Ensembles, die Meinung der Intendanz. Die bösartigsten Kritiken, die ich jeweils erhielt, kamen übrigens von Frauen.


Tatsächlich?
Ja, ich versuche es mit Humor zu nehmen. Ich mag mein T-Shirt mit der Aufschrift «I love Barbara Villiger Heilig» [NZZ-Kritikerin, Anm. d. Red]. Es ist ein Abschiedsgeschenk der Schauspielhaus-Crew von Christoph Marthaler und Stefanie Carp.


Ist Ironie auf dem Theater eine verbreitete Tugend?
Viel zu reden gab die Attacke eines deutschen Schauspielers, der den «FAZ»-Chefkritiker während einer Vorstellung übel beschimpft hatte und ihm dann den Notizblock entriss.


Was sagen Sie zu solchen Ausfällen?
Der Journalist der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ist in der ganzen Theaterszene berüchtigt, zum Teil verhasst. Natürlich ist es nicht in Ordnung, dass er vom Schauspieler während der Vorstellung beleidigt wurde. Aber man muss auch sehen: Es gibt für Theaterschaffende manchmal fast keine Möglichkeit, sich gegen schriftliche Verrisse von Kritikern zu wehren. Mit Berichterstattung haben manche Zeitungsartikel schlicht nichts mehr zu tun, nur noch mit Beleidigung und Böswilligkeit. Ich hatte auch schon Lust, eine Kritikerin einfach nicht mehr ins Theater zu lassen, weil ich schon wusste, die hasst meinen Stil.


Damit würden Sie sich selber disqualifizieren.
Vielleicht, aber was bringt es denn, wenn eine Kritikerin während fünf Jahren meine Stücke bespricht und meine Arbeit einfach nicht mag? Ganz ehrlich: Wem soll denn diese Kritik etwas bringen? Eine Literaturkritikerin soll ja auch nicht Bücher eines Schriftstellers beurteilen, wenn ihr erstens dessen Stil komplett missfällt und sie das zweitens schon zum vornherein weiss.


Theaterberufe sind in der Regel nicht sehr kinderkompatibel. Wie haben Sie das gemacht?
Mein Mann, bildender Künstler und Bühnenbildner, teilte mit mir die Betreuung unserer Tochter von Anfang an und tut dies bis heute. Wenn ich längere Zeit im Ausland bin, schaut er. Wenn er weg muss, revanchiere ich mich. Ich habe ihm viel zu verdanken. Ohne ihn wäre meine Arbeit als Regisseurin undenkbar.

 

ENDE INTERVIEW

 

Meret Matter wurde 1965 als Tochter von Chansonnier Mani Matter und seiner Frau Joy in Bern geboren. Nach einer Schauspielausbildung war sie Mitbegründerin des Club 111, mit dem sie seitdem zu den festen Grössen in der freien Schweizer Theaterszene gehört. Der Erfolg in der freien Szene führte zu Regieaufträgen an den grossen Schweizer Bühnen. Am Schauspielhaus Zürich inszenierte sie während der Intendanz Marthaler «Romeo und Julia auf dem Dorfe», «Der gute Mensch von Sezuan» und «Wilhelm Tell». Diesen Frühling hatte Matters Stück «Die heilige Johanna der Schlachthöfe» am Schauspiel Hannover Premiere. Meret Matter lebt mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter in Bern und in Frankreich.