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«ERFOLG KITZELT DAS EGO»

 

Als Knabe mimte Dani Levy den traurigen Clown, als Schauspieler war er so populär, dass es fast lästig wurde. Heute macht es ihm nichts aus, wenn die Kollegen erfolgreicher sind.

 

von Sabine Windlin

 

NZZ am Sonntag: Der kleine Junge rechts unten, der sich so keck in Pose wirft, müssen Sie sein.
Dani Levy: Ich finde es auch peinlich, aber so ist es. Ich bin hier zwölf Jahre alt, im Progymnasium. Man sieht es auf dem Foto: Ich war kleiner als das kleinste Mädchen. Ich habe das aber mit meiner frechen Schnauze wettgemacht.


Ihre Karriere startete beim Zirkus. Wie kam es dazu?
Ich war schon immer fasziniert von der Buntheit dieser Welt. Als Achtjähriger habe ich im Kinderzimmer mit meiner Schwester Zirkusvorstellungen gemacht. Dann war eines Tages in der «Basler Zeitung» diese Anzeige: «Kinder gesucht für neu zu gründenden Jugendzirkus». Da hab ich mich gemeldet. Ich wurde genommen und als weisser Clown eingeteilt. Sie wissen schon: der ernste, traurige, der immer auf den Deckel bekommt.


Zirkus ist Schwerstarbeit.
Das Training war hart. In den Sommerferien gingen wir sechs Wochen auf Tournee. Wir sind jeden Abend aufgetreten und mussten dann in düsteren Luftschutzkellern übernachten. Wir lernten, was es heisst, ein grosses Zirkuszelt aufzubauen, wenn der ganze Platz unter Regen steht, oder vor nur wenigen Zuschauern zu spielen. Ich war voll in der Pubertät, aber für die meisten Mädchen war ich einfach zu klein. Die Grösseren haben immer rumgeknutscht, das fand ich blöd.


Waren Sie eifersüchtig?
Und wie.


Konventionell war Ihre Studienwahl: Germanistik.
Ja, Deutsch, Geschichte und Psychologie. Nach drei Monaten habe ich das Studium abgebrochen. Ich verdiente mein Leben als Aushilfslehrer in Basel. Als sich bei den Schulleitungen herumsprach, dass ich mich mit Schwererziehbaren verstehe, wurden mir immer schwierigere Klassen zugeteilt. Ich war der Mann der unkonventionellen Strategien.


Aber Sie wollten nicht Lehrer bleiben?
Nein, ich wollte zum Theater. Mit zwanzig konnte ich am Basler Theater eine Hospitanz machen. Ich holte Kaffee, sass bei den Proben und bekam mit, wie Theater entstand. Eines Tages begegnete ich im Lift ein paar jungen Leuten, die zu einem Casting für ein Jugendstück gingen, da ging ich einfach mit. Ich musste vorsprechen, wurde ausgewählt und stand Monate später auf der Bühne.


Waren Sie vom Drang beseelt, berühmt zu werden?
Nicht unbedingt, aber wenn man als Jugendlicher Erfolg hat, kitzelt das das Ego. Die Stücke waren ein Riesenerfolg, bewegten die Leute. Nach den Vorstellungen bestand ein grosser Redebedarf, denn es ging um Liebe und Sexualität. Nach dieser intensiven Zeit verreiste ich mit Freunden für ein paar Monate in die USA. Wir gondelten kiffend im Auto rum, als das Auto liegen blieb, reisten wir per Autostopp weiter. Wir schliefen draussen, assen Resten in Restaurants. Ich glaube, ich brauchte das, als Kontrast zu der Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin.


Ihr Vater war Arzt.
Er arbeitete am Kantonsspital und hatte ein Beamtengehalt. Meine Mutter war die klassische Arztgattin. Das Jüdische hat zu unserem Alltag gehört, aber orthodox waren wir nicht. Wir lebten nicht koscher und hielten keinen Sabbath. Aber ich war im jüdischen Jugendbund und ging in jüdische Ferienlager. Eigentlich hatte ich eine sehr glückliche Kindheit.


1980 brachen Sie nach Berlin auf. Was sagten Ihre Eltern dazu?
Für meine Mutter war es schon seltsam, dass ich nach Berlin zog; in die Stadt, in der sie aufgewachsen war und aus der sie 1939 als Zehnjährige mit ihrer Familie vor den Nazis fliehen musste. Ich habe erst verspätet realisiert, was dieser Schritt für meine Mutter bedeutet haben muss. Aber ich lebte im Jetzt, nicht in der Vergangenheit und schon gar nicht in der Vergangenheit meiner Mutter. Ich war am Ziel meiner Träume: Ich konnte bei der freien Theatergruppe «Rote Grütze» mitspielen. Ich fühlte mich diesen Leuten extrem verbunden, denn sie machten Theater mit Leib und Seele, warfen Theaterregeln über den Haufen und foutierten sich um die gängige Bühnenästhetik. Es waren meine Idole.


Trotzdem nahmen Sie die Rolle als Kochlehrling Peperoni in der TV-Serie «Motel» an.
Ich brauchte Geld. Ich fuhr für jede Folge mit meinem VW-Käfer von Berlin nach Egerkingen. Übernachtet habe ich im Auto oder im Garten des Motels. So sparte ich das Geld, das ich für die Spesen erhielt. Wir hatten jeweils vier Tage Zeit, um eine 25-minütige Folge zu drehen, dann wurde sie ausgestrahlt, am Sonntagabend nach den Nachrichten. «Motel» war als erste Schweizer Fast-Food-Serie Trendsetter. Damals, 1984, gab es noch nicht mal die «Lindenstrasse».


Sie waren ein kleiner TV-Star.
«Motel» hatte hohe Einschaltquoten, und eine Fernsehserie macht einen extrem populär. Ich konnte nirgends hingehen, ohne dass ich angesprochen wurde. Ich war froh, dass ich in Berlin lebte. In der Schweiz hätte ich es nicht ausgehalten.


Schauspielerisch war die Rolle nicht besonders anspruchsvoll.
Spielen ist immer anspruchsvoll, vor allem wenn die Texte nicht wirklich gut sind wie bei «Motel» manchmal. Ich bin orientierungslos durch Szenen getappt. Die «Peperoni»-Rolle war wichtig, weil ich später für die Regiearbeit wusste, wie man sich als Schauspieler fühlt. Ich war wachsam und hab genau zugeschaut. Ich wusste, dass ich irgendwann selber Regie führen würde - wir schrieben ja schon sei Jahren an einem Drehbuch mit dem Titel «Du mich auch», der mein Erstlingsfilm werden sollte.


Es war ein Überraschungserfolg, lief sogar in Cannes.
Ja, «Du mich auch» faszinierte Kritiker und Publikum durch die naive, fast kindliche Unprofessionalität. Er hatte etwas Improvisiertes. Ich bin ja ein Autodidakt, war nie an einer Filmschule. Ich folge dem Prinzip Learning by Doing - das hat sich bis heute nicht geändert.


Bringen Sie denn alles unter einen Hut - Film, Theater, Familie?
Ich finde es anspruchsvoll. Seit sieben Wochen bin ich in Basel am Proben für das Stück «Freie Sicht aufs Mittelmeer», und meine Frau ist mit unserer Tochter allein in Berlin. Doch auch wenn beide zu Hause sind, ist es schwierig, den Alltag zu meistern. Jeder hat Ansprüche, will Freiheiten.


Was ist schwieriger: ein guter Ehemann zu sein oder ein guter Vater?
Wahrscheinlich ist es schwieriger, ein guter Ehemann zu sein, denn die Beziehung zwischen Mann und Frau ist komplex. Mit einem Kind ist es nur anstrengend. Man braucht dicke Nerven, aber kompliziert ist es nicht.


Im November kommt Ihr Film «Zucker» ins Kino. Etwas zum Lachen?
Ja, «Zucker» ist eine klassische jüdische Gesellschaftskomödie.


War es delikat, eine jüdische Komödie zu machen?
Es war ein harter Kampf, aber er hat sich gelohnt. Die Fernsehanstalten hatten anfangs Angst, sich die Finger zu verbrennen. Jetzt aber sind die beteiligten Sendeanstalten und auch die jüdische Gemeinde Berlin vom Resultat begeistert. In Amerika und Frankreich gehören Komödien mit jüdischem Humor oder jüdischen Figuren fest ins Programm. Aber für Deutschland ist es, so viel ich weiss, die erste jüdische Komödie seit Hitler. Es ist höchste Zeit, das deutsch-jüdische Verhältnis ist immer noch angespannt.


Für Schweizer Filmschaffende sind die Karriereaussichten prekär. Aus Ihnen ist ein einflussreicher Akteur geworden. Spüren Sie Missgunst?
Nein. Ich bin ja Teil der Produktionsfirma X-Filme. Diese Firma haben wir gegründet, um eben genau nicht neidvoll, konkurrenzierend und isoliert gegeneinander zu arbeiten. Die Stärke unserer Firma ist, dass wir uns kritisch begleiten und ermutigen, um so gemeinsam ein Stück Filmlandschaft zu gestalten. Das funktioniert sehr gut. Innerhalb unserer Firma bin ich der erfolgloseste Macher. Meine Partner Tom Tykwer, der «Lola rennt» gemacht hat, und Wolfgang Becker, der «Good Bye, Lenin» gemacht hat, sind international bekannt. Von daher müsste eher ich sie beneiden.

 

ENDE INTERVIEW

 

Dani Levy, geboren 1957, wuchs in Basel auf und kam als Clown des Jugendzirkus «Basilisk» erstmals mit dem Showgeschäft in Berührung. Er war Schauspieler am Basler Theater, ging später nach Berlin und etablierte sich dort als Regisseur. Dem Schweizer Publikum wurde er durch seine Rolle als «Peperoni» in der TV-Serie Motel bekannt. 1994 gehörte Dani Levy zu den Mitbegründern der deutschen Produktionsfirma X-Filme («Lola rennt», «Good Bye, Lenin»). Levys Filme («Du mich auch», «RobbyKallePaul», «I Was on Mars», «Without Me», «Meschugge», «Väter») wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im November läuft Levys neuster Film «Zucker», eine jüdische Familienkomödie, im Kino an. Am 17. September hatte in Basel sein Strassenstück «Freie Sicht aufs Mittelmeer» Premiere.