Interviews

 

 

«MUSIK WAR FüR UNS WIE FüR ANDERE ESSEN»

 

Ihr Lehrer prophezeite ihr eine düstere Zukunft. Bis sie den Tanz entdeckte, fühlte sie sich heimatlos. Die Flamencotänzerin Nina Corti über ihre Jugend in Zollikon bei Zürich und den Charme spanischer Männer.

 

von Sabine Windlin

 

NZZ am Sonntag: Sie sitzen vergnügt mit Ihren Eltern und den beiden Brüdern auf dem Sofa. Wo und wann entstand das Bild?
Nina Corti: 1961 in unserer Zürcher Stadtwohnung an der Rotbuchstrasse. Dort wuchs ich auf, bis ich zehn Jahre alt war. Dann zogen wir um nach Zollikon in ein Einfamilienhaus, Gott sein Dank.


Gott sei Dank?
Mein Vater war erster Solobratschist im Zürcher Tonhalleorchester. Er unterrichtete seine Schüler zu Hause und durfte nur zu bestimmten Zeiten Musik machen. Oberhalb von uns wohnte die Hausmeisterin, unten die Tochter der Hausmeisterin. Das war keine gute Situation. Im eigenen Haus mit Garten war es dann besser.


Ihre Mutter war gelernte Modedesignerin, übte aber den Beruf nicht aus.
Ja, sie war voll für uns Kinder da und setzte sich dafür ein, dass wir uns künstlerisch entfalten konnten. Schon im Vorschulalter durfte ich Tanz-, später Klavierunterricht besuchen. Sie förderte alle meine handwerklichen Talente. Später entwarf ich meine eigenen Tanzkostüme. In unserem Haus hörte man von morgens bis abends Musik. Die Musik war für unsere Familie, was für andere Leute Essen und Schlafen. Unser Vater nahm mich schon als Vierjährige mit ins Opernhaus, wo ich im Orchestergraben auf einem Stühlchen sitzen durfte.


Musische Talente und Kreativität zählten im damaligen Schulsystem nicht besonders.
Ja, ich hatte es schwierig. Ein Musikerkind, meinte mein Lehrer, kommt sowieso nur in die Realschule. Ich bestand dann trotzdem die Sek- Prüfung.


Fühlten Sie sich manchmal als Aussenseiterin?
Klar. In Zollikon konnten sich jene Kinder brüsten, deren Eltern mit zwei grossen Autos herumfuhren und deren Vater Arzt oder Hochschulprofessor war. Mein Tresor war die Musik und der Tanz. Aber damit konnte man nicht angeben. Mit sechzehn Jahren besuchte ich die Töchterschule, gewann an Selbstvertrauen und entdeckte den spanischen Tanz. Es war, als hätte ich diesen Tanz schon immer gekannt. Von diesem Tag an gab es für mich nur noch Flamenco. Ich klopfte unentwegt unter Tischen, Stühlen und meiner Bettkante meinen neu entdeckten, heiss geliebten Rhythmus.


War klar, dass Sie den Tanz zum Beruf machen wollten?
Noch nicht. Am Anfang war es nur eine private Leidenschaft, ich machte parallel dazu eine Lehre als Goldschmiedin. In der Freizeit gab ich aber jede freie Minute für den Flamenco her.


Realisierten Sie, dass Sie mehr Talent hatten als die anderen?
Ja, das merkte ich. Ich gewann dann auch ein Stipendium der Stadt Zürich und konnte einen Teil der Aufenthalte in Sevilla und Madrid damit bestreiten und bei den besten Lehrern in den Unterricht.


Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt?
Das war im Theater Stok in Zürich. Ich tanzte mit Juan, einem südamerikanischen Tänzer. Die Leute waren hin und weg. Ich improvisierte und fühlte mich total in meinem Element.


In der Schweiz brillierten Sie. Wie aber war es in Spanien? Konnten Sie da mithalten?
Natürlich nicht! Aber ich war gewillt, so viel zu lernen, bis mein Können mit meinen Vorstellungen dieser Art Tanz in Einklang war.


Gab man Ihnen nie zu verstehen, dass Sie als Schweizerin den Flamenco nicht wie eine andalusische Zigeunerin im Blut haben?
Dazu gab es keinen Anlass. Ich suchte nie diese spezielle Qualität einer Zigeunerin zu kopieren. Meine eigenen Wurzeln waren zu ausgeprägt und liessen sich wunderbar mit dem Flamenco vereinen. Aus der ersten Privatstunde bei Ciro wurden dann zwei, weil mein Lehrer und ich tanzend im Studio schlicht die Zeit vergassen. Solche Momente waren Hinweise dafür, dass meine Richtung stimmte. Bald traf ich die Stars der Szene und bat meinen Mann, eine erste Tournee zu organisieren. Die erste Produktion hatte bereits Erfolg, und wir beschlossen, das Ganze auf professionellem Niveau zu intensivieren.


Sie haben den Flamenco neu interpretiert, verändert und aktualisiert, tanzten in abgewetzten Jeans, zu Jazz, Pop, Kammermusik und sogar sinfonischer Orchestermusik. Bei den Traditionalisten kam Ihre Experimentierlust nicht so gut an.
Von den Traditionalisten gab es schon Kritik, deren Hüter sich aber mehrheitlich als Nichtspanier entpuppten. Das Publikum hat mich aber immer geliebt. Die Idee, mein Jeans- Outfit in eine Produktion zu integrieren kam, weil wir in Madrid auf der Strasse oft spontan zu singen, zu tanzen und klatschen anfingen. Da trug ich eben Jeans und keinen Rüschchen- Rock. Der Tanz in den Hosen gibt mir ein anderes Gefühl, und ich kann damit eine männliche Seite ausleben.


Ihre beiden Kinder, die Sie mit Anfang dreissig bekamen, blockierten Sie nie im tänzerischen Fortkommen?
Ich nahm unseren ersten Sohn immer überallhin mit. Ob ich trainierte, unterrichtete, probte oder auf Tournee ging. Für ihn, aber auch für mich war das nicht einfach. Das Dilemma, Mutter und Tänzerin zugleich zu sein, war für mich manchmal fast nicht lösbar. Der Tanz forderte die hundertprozentige Aufmerksamkeit, das Kind jedoch auch. Als dann der zweite Bub zur Welt kam, organisierten wir uns anders und brachten die beiden vermehrt zu den Grosseltern, wo sie eine Art zweites Zuhause hatten. Die Behörden liessen uns in Sachen Kinderbetreuung völlig im Stich.


Erzählen Sie.
Ich erhielt in Spanien keine Bewilligung für ein ausländisches Kindermädchen. Der Beamte meinte, dass ich ohnehin besser zu Hause bleiben und kochen sollte, anstatt als Künstlerin durch die Lande zu ziehen. Dabei konnte jeder, der wollte, sehen, wie seriös wir arbeiteten. Durch einen Schweizer Botschafter, der meine Konzerte besuchte, bekamen wir glücklicherweise auf etwas unkonventionellerem Wege Hilfe. Eine Portugiesin kam zu uns und hütete während unserer Abwesenheit die Kinder.


Haben Menschen, die Flamenco tanzen, mehr Temperament als andere?
Verführung, Sinnlichkeit, Humor, Erotik, aber auch Trauer, Schmerz und Protest - die ganze Palette menschlicher Empfindungen - muss ja von innen kommen. Und wenn da nichts ist, kann auch nichts gegen aussen artikuliert werden. Flamenco ist nichts Schöngeistiges oder Abgehobenes. Er kommt mitten aus dem Bauch, aus dem Leben.


Alle Impulse sind gegen den Boden gerichtet.
Ich liebe diese Erdverbundenheit. Das Stampfen. Wunderbar. Auch in klassischen Werken, interpretiert mit einem Fuss-Staccato oder Kastagnetten-Wirbel, das sind herrliche Kontraste.


Flamencotänzern haftet das Image von Machos an. Sind sie's?
(lacht) Nein. Sie leben bloss ihre Männlichkeit lustvoll aus. Damit sind sie ein Spiegelbild der Männer in der Gesellschaft. Das hat in meinen Augen aber nichts mit diesem eher negativ belasteten Image zu tun. Für Südländer zählt nicht das Morgen, sondern das Heute. Das macht sie auf eine gewisse Art sexy. Viele Spanier, die ich kenne, sind mit sehr wenig zufrieden. Singen, klatschen, musizieren und tanzen gehört bei ihnen zum Lebens- Repertoire. Sie tragen ihren Charme unverkrampft an die Öffentlichkeit und begeben sich mit Freude auf das Terrain des Flirts.


Wie erleben Sie das Älterwerden als Tänzerin?
Bis jetzt habe ich keine Probleme. Mein Körper ist immer noch kräftig, allerdings muss ich ihn mehr dehnen als früher. Ich trainiere mehr denn je und stehe mit diversen neuen Produktionen auf der Bühne. Ich verspüre gar keine Lust, zu reduzieren - jetzt, wo die Kinder gross sind.


Sie haben den Flamenco verändert. Hat der Flamenco auch Sie verändert?
Die Auseinandersetzung mit Flamenco half mir in jeder Lebenslage über scheinbar unlösbare Probleme hinweg und gab mir auch Halt in schweren Zeiten, wie etwa der Trennung von meinem Mann. Von einem Tag auf den anderen galt es, die gesamte Büroarbeit zu erlernen, Produktionen alleine zu realisieren, zu verhandeln und selber mit Auto, Anhänger und Tanzboden zu den Tourneeorten zu fahren. Heute gibt mir diese Selbständigkeit viel Sicherheit.


Sie nageln den Bretterboden eigenhändig mit dem Hammer zusammen?
Zu Beginn meiner Karriere war das eine Selbstverständlichkeit. Heute erledigen das aber Bühnentechniker.

 

ENDE INTERVIEW


Nina Corti, 1954 in Zürich geboren, gehört weltweit zu den besten und gefragtesten Flamencotänzerinnen und wird ihrer künstlerischen Fulminanz wegen von den Feuilletons auch gerne als «Königin des Flamencos» bezeichnet. Nach ihrer Tanzausbildung in Madrid und Sevilla machte sie sich einen Namen als experimentierfreudige und provokative Interpretin der spanischen Tanzkunst, was von eingefleischten Traditionalisten nicht nur goutiert wurde. Als gefragte Dozentin im In- und Ausland gibt die grossgewachsene Tänzerin heute ihr Wissen auch an den Nachwuchs weiter und setzt sich für die Anliegen der freien Tanzszene ein. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und pflegt neben dem Tanzen auch mit Leidenschaft das Hobbygärtnern.