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«DAS AUGE SIEHT MIT DER SEELE»

 

Die Fotos von ihren aufwachsenden Kindern machten die Schweizer Künstlerin Annelies Strba berühmt. Warum, weiss sie bis heute nicht. Sie wollte eigentlich nur knipsen - wie andere Mütter auch.

 

von Sabine Windlin

 

NZZ am Sonntag: Frau Strba, was sehen wir auf dem Foto?
Annelies Strba: Meinen Vater Wladimir, meine Geschwister Peter, Sonja und Myrta und ich im Baarer Wald bei Zug, wo ich aufgewachsen bin. Das Bild entstand 1951, als ich vier Jahre alt war.


Gefällt es Ihnen?
Sehr. Man sieht darauf, wie viel Wert meine Mutter auf schöne Kleidung legte. Sie nähte für uns Mädchen von Kopf bis Fuss alles selber. Wir hatten ja nie viel Geld. Der Baumstamm steht auch symbolisch für Stammbaum, auf den ich aufgrund meines fremdländischen Familiennamens häufig angesprochen werde.


Wie wuchsen Sie auf?
Mein Vater war Feinmechaniker in der Landis & Gyr, wie zuvor mein Grossvater, der aus der Vojvodina immigrierte. Meine Mutter arbeitete als Sekretärin bei Landis & Gyr. Bei uns ereignete sich nichts Aussergewöhnliches, vieles war immer gleich. Ich hatte eine sehr nahe Beziehung zu meinem Vater. Oft wartete ich am Fenster, bis er von der Fabrik nach Hause kam, oder lief ihm entgegen, damit ich mit ihm auf dem Velo heimfahren konnte. Das war für mich Glück. Als Kind wusste ich schon: Ich heirate einmal einen Künstler und habe mit ihm zehn Kinder.


Statt zehn haben Sie mit dem Schmuckgestalter Bernhard Schobinger zwei Töchter und einen Sohn.
Für mich war Familie schon immer wichtig. Darunter stellte ich mir eine enge Verbundenheit und Vertrautheit vor. Enge auch im Sinne von physischer Enge, wo alle im gleichen Zimmer schlafen und wohnen.


Wann hatten Sie das erste Mal einen Fotoapparat in der Hand?
Als ich vierzehn war, machte ich meine ersten Bilder. Mit einer billigen Kamera, die meine Eltern zu Hause hatten. Ich ging als Teenager nicht gerne in den Ausgang, sondern fotografierte lieber: die verschneiten Bäume, Strassen, Mauern. Meine Mutter entschied dann, dass ich eine KV-Lehre machen müsse. Erst als ich protestierte und heulte, durfte ich die Lehre abbrechen und eine Ausbildung als Fotografin machen.


Woher die Leidenschaft, den Familienalltag festzuhalten?
Das kam ganz automatisch, als ich selber Mutter wurde. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Schliesslich war ich den ganzen Tag um meine drei Kinder. Wenn die abends schliefen, schlich ich manchmal ins Zimmer und drückte ab. Ich fotografierte immer mehr und entwickelte immer weniger. Ich kam gar nicht dazu, die Fotos zu ordnen, geschweige denn ein Album zu machen, so viel knipste ich. Konzeptlos, ziellos.


Kein künstlerischer Ehrgeiz hat Sie beseelt?
Die Fotografie und die Arbeit im Labor waren für mich eine Möglichkeit, den Alltag als Mutter zu bewältigen und dem Geheimnis Kind nah zu sein. Darin liegt kein Ehrgeiz, keine Eitelkeit, eher Demut.


Ihre frühen Familienfotos zeigen einen unangepassten und ungezähmten, um nicht zu sagen chaotischen Alltag. Ungemachte Betten, ungewaschenes Geschirr, Puppen und Teddys zwischen Kinderkörpern und Kleiderbergen gehören zum typischen Strba-Foto.
Ich liebe das Nest, den Schlupfwinkel der häuslich-familiären Intimität. Die Unordnung gehörte irgendwie dazu, da ich meistens überfordert war mit dem Haushalt und den Kindern. In der Kunstgalerie meines Mannes empfingen wir zudem immer viele Gäste, und ich half bei der Organisation von Ausstellungen und Vernissagen mit. Trotz der vielen Arbeit hatten wir immer wenig Geld und führten einen Existenzkampf.


Auch Ihre Fotos verweigern sich dem Komfort.
Die Interpretation überlasse ich andern. Manchmal hat ein Foto auch etwas, was der Aktion der Fotografin entgangen ist, was ohne ihr Wissen entstand, sich auf geheimnisvolle Weise eingeschlichen hat. Zu meinen damaligen Lebensumständen kann ich nur so viel sagen: In der finanziellen Not tat sich eine Spielwiese auf, gross für die Kinder, grosszügig fürs Leben.


Haben sich Ihre Kinder immer gerne fotografieren lassen?
Sie kannten gar nichts anderes. Unterschwellig wurde mir schon vorgeworfen, ich hätte meine Kinder zu Modellzwecken ausgebeutet. Das ist natürlich absurd, zumal ich damals ja noch gar nicht wusste, dass ich die Bilder später einmal ausstellen und verkaufen würde. Als meine Kinder erwachsen wurden, machte ich eine Pause und fotografierte vermehrt meine Enkel. Meine Töchter fanden das gar nicht toll. Sie dachten, sie wären für mich nicht mehr interessant genug. Aber darum ging es nicht. Ich war einfach auf der Suche nach einer anderen Form und habe dann Ende neunziger Jahre in der Videokamera mein neues Medium gefunden. Diese Video-Ära begann dann mit meinem Film «Max», in welchem sich Sonja und Linda in der Küche performen. Das war für mich der Anfang der inszenierten Kunst.


Sehen Sie sich selber in Ihren Töchtern?
Das ist so. Wenn ich Ihre Bewegungen filme, dann filme ich einen Teil von mir selber. Und wenn ich jetzt meine Enkelinnen Shereen und Nyima filme, ist das wiederum ein Teil meiner eigenen Geschichte.


Mit fremden Menschen funktioniert das nicht?
Schwierig wird es für mich, Menschen zu fotografieren, die ich nicht kenne, zu denen ich keine Beziehung habe. Es gibt eine innere Barriere, die ich gegenüber fremden «Objekten» habe. Darum lehne ich auch meistens ab, wenn mich Leute fragen, ob ich sie porträtieren würde.


Wie funktioniert der Strba-Clan?
Nicht immer reibungslos, da ambivalent. Durch meine Arbeit überschneidet sich Familiäres und Berufliches. Es gibt einerseits eine tiefe Verbundenheit und ein übergreifendes künstlerisches Interesse, anderseits wieder ein grosses Bedürfnis nach Distanz, da jeder und jede seine/ihre eigenen Projekte verfolgt. Es ist jedenfalls schön, dass meine Töchter auch heute noch für mich posieren. Dafür kümmere ich mich auch ab und zu um deren Kinder oder hole sie von der Krippe ab.


Ist es Ihnen in Richterswil nie langweilig?
Nein, ich wohne sehr gerne hier und bin am liebsten zu Hause. Wenn ich weg gehe, dann meistens nach Amden, wo ich noch ein Atelier habe. Ich bin ein richtiges Landei.


Na ja, Sie haben längere Reisen nach Tokio, Kobe und Hiroshima unternommen, und Ihre Fotos hängen in den besten Galerien von London, Berlin, Paris und New York.
Das stimmt. Aber auf allen meinen Reisen kam ich mir anfangs recht verloren vor. Erst als ich unterwegs via Kamera zu meinen inneren Bildern fand, fühlte ich mich wohl und habe ich die Horizonterweiterung als Bereicherung empfunden.


Die Kamera war Ihre Vermittlerin zur fremden Welt?
Ja, indem ich fast ununterbrochen abdrückte, trat ich in Zwiesprache mit dem Leben.
«Wenn ich den Auslöser drücke, schliesse ich die Augen», haben Sie einmal gesagt.
Ja, ich vertraue beim Abdrücken auf eine Blindheit, die sich dem Zufall überlässt. Egal, ob ich ein Haus, einen Baum oder einen Menschen fotografiere, es ist für mich ein sinnliches, ja fast ein spirituelles Erlebnis. Das Auge sieht mit der Seele.


Wann kam für Sie der künstlerische Durchbruch?
Die Einzelausstellung, die ich 1990 in der Kunsthalle Zürich machen konnte, hat meinen Bekanntheitsgrad gesteigert. Von diesem Zeitpunkt an verkauften sich meine Bilder auch bei ausländischen Museen und Sammlern immer besser. Für meine Präsenz als Künstlerin ist vor allem die Tatsache entscheidend, dass ich im festen Programm von fünf europäischen Galerien vertreten bin.


Was war eigentlich los, als der Londoner Galerist Fred Mann aufgrund eines Ihrer Fotos verhaftet wurde?
Das ist eine komplizierte Geschichte, die sich vor drei Jahren ereignete. Irgendeine kleine, unbekannte Zeitung wollte ihren Skandal und schickte einen Reporter los. Der hatte es in der Galerie auf ein Farbfoto abgesehen, das meine zwölfjährige Tochter in der Badewanne zeigt, nackt natürlich. Die Redaktion schaltete dann Scotland Yard ein, worauf der Galerist verhaftet wurde. Es war ein Riesentheater.


Londoner Anwälte hatten zu entscheiden: Is it kiddyporn or art? Kunst oder Pornografie?
Es war völlig verrückt! Am Schluss kam nichts dabei heraus, aber alle durften sich aufregen. Irgendwie war dieses Thema gerade im Trend. Zuvor hatte auch die Saatchi Gallery Probleme mit Bildern von nackten Kindern.


Aber Ihr Foto wurde ja zuvor in zahlreichen anderen Galerien gezeigt und hatte keinerlei Anstoss erregt.
Darum ist die ganze Geschichte so lächerlich. Das Ganze war ein Sturm im Wasserglas. Als ich kurz darauf in Amden mit Freunden beim Weihnachtsessen ass, klingelte plötzlich das Telefon. Scotland Yard war dran und liess ausrichten: Das Verfahren wurde eingestellt.

 

ENDE INTERVIEW

Annelies Strba wurde 1947 in Zug geboren und wohnt heute in einem verwunschenen alten Haus am Zürichsee. Mit 14 Jahren machte sie ihre ersten Fotografien, später wollte sie ohne weiterführende Absichten ihre Kinder aufnehmen: schlafend im Bett, träumend auf dem Stuhl, verkleidet in der Küche. Aus den Kinderbildern wurden Kunstwerke, aus dem Familienleben eine Fotosession, aus der Mutter eine internationale Berühmtheit. Ihre Positionierung als «Familienfotografin» greift jedoch zu kurz. Ihr Werk, darunter Landschafts- und Architekturbilder vorweg aus Osteuropa und Japan, ist reicher und entwickelte sich durch die Anwendung modernster Computertechnik stets weiter. Seit Ende der neunziger Jahre arbeitet Strba mit Video. Die aus Filmaufnahmen kreierten, farbenfrohen digitalen Standbilder brachten ihr das Renommee einer «Lichtmalerin» ein. Am 24. Mai eröffnet das Museum Rudolfinum in Prag eine umfangreiche Einzelausstellung von Annelies Strba.