Portraits

 

 

ICH LIEBE MEINE PROTHESE

 

Neu anfangen zu müssen – damit kennt sich Stefan Poth aus. Nach einem schweren Unfall verlor er 2013 ein Bein. Der 54-jährige Zuger Headhunter hat es geschafft, nicht an diesem Schicksalsschlag zu verzweifeln.

 

von Sabine Windlin

 

Der Tag, an dem das Lebensdrehbuch von Stefan Poth eine neue Wendung nimmt, ist frühlingshaft warm, sonnig und verheisst nur Gutes. Der richtige Moment, um endlich wieder einmal die alte Harley Davidson aus der Garage zu nehmen und mit dem Freund aus Deutschland die Töff-Saison 2013 zu eröffnen. Die Tour, ganz klassisch, führt über den Brünig ins Städtchen Interlaken und – nach einer gemütlichen Mittagspause auf dem Schallenbergpass - wieder zurück Richtung Innerschweiz. Im luzernischen Inwil stoppt Poth am Lichtsignal der Dorfkernkreuzung, die auf Rot zeigt. Er ist  - wie immer –  korrekt und konzentriert unterwegs. Als die Ampel auf Grün schaltet, fährt er los. Im gleichen Augenblick biegt aus der Kolonne gegenüber ein Auto links ab und knallt ungebremst in Poth.  Dieser bleibt nach einer sauberen Hechtrolle mit einem zertrümmerten linken Bein auf dem Asphalt liegen. Er hätte Vortritt gehabt.


Zu Bewusstsein gelangt Stefan Poth erst wieder auf der Intensivstation des Kantonspitals Luzern, nachdem er notfallmässig operiert worden ist. Was genau sich am Unfallort zugetragen hat, realisiert er in diesem Moment nicht. Sein Körper hängt an unzähligen Schläuchen und Apparaturen. Der mehrmals gebrochene Oberschenkel liegt in dickem Verbandsmaterial und ist von einem externen Fixateur umgeben. Der untere Teil des Beines – das registriert und sieht Patient Poth sehr wohl – fehlt. Doch er gerät nicht in Panik, denn er steht unter Morphium. Als er langsam wieder zu sich kommt, hört er sich an, was ihm die Ärzte zu berichten haben: Man sei gezwungen gewesen, eine «Knie-Exartikulation» vorzunehmen. Mit anderen Worten: ihm wurde am Kniegelenk der Unterschenkel amputiert, der nur noch an den Nerven hing.

Fünf Wochen bleibt Stefan Poth im Kantonsspital Luzern und lässt acht Folgeoperationen mit Vollnarkose über sich ergehen. Dabei wird unter anderem das abgestorbene Gewebe abgetragen und Haut vom rechten Oberschenkel transplantiert, die um den rechten Kniestumpf gelegt wird. Von den Strapazen, aber auch vom vielen Rumliegen ist Stefan Poth mittlerweile derart geschwächt, dass er kaum mehr Energie hat, sich auch nur für die kleinste Aktivität zu motivieren. Während Tagen disloziert er praktisch nur noch vom Bett in den Rollstuhl und umgekehrt. Zudem sieht er, wie seine Muskulatur schrumpft. In Sorge, bei längerer Inaktivität kräftemässig noch stärker abzubauen und bald nur noch ein Häuflein Elend zu sein, möchte er endlich mit der Reha und dem Aufbautraining starten. Aber dafür muss er zuerst vom Morphium wegkommen. Der Entzug ist happig und katapultiert ihn auf den Boden der Tatsachen, in die Welt seiner neuen Realität. «Erst jetzt wurde mir richtig bewusst, dass ich ein Beinamputierter bin und für immer bleiben werde. Das war hart.»


Der Wechsel vom Akutspital in die aargauische Rehaklinik stellt die nächste Zäsur dar. Nach der fünfwöchigen Rundumversorgung in Luzern ist Stefan Poth im Aargau viel stärker auf sich selbst gestellt und muss sich organisieren. Er absolviert ein umfangreiches Therapieprogramm, besucht die Gehschule und geht täglich in den Kraftraum. Immerhin: Der Muskelaufbau vollzieht sich in rasantem Tempo. Weil er immer noch relativ viele Medikamente einnimmt, kann er sozusagen über seine Schmerzgrenzen hinweg trainieren; zwei Stunden pro Tag auf höchstem Niveau. Doch bis die Wunde optimal verheilt ist, kann er sich nur im Rollstuhl fortbewegen und stellt fest: In diesem Gefährt ist die Welt voller Tücken und Hürden und – was fast noch schlimmer ist: im Rollstuhl sitzend wird er von vielen Leuten nicht für voll genommen. Man kommuniziert ja nicht mehr auf Augenhöhe. Sechs Monate nach dem Unfall und zurück in seinem Haus in Hagendorn kann Stefan Poth endlich die in Aussicht gestellte Prothese in Empfang nehmen.


Die Bewältigung des Alltags mit seinem neuen Körperersatzstück wird zur nächsten Bewährungsprobe. Bewegungen, die früher automatisch vonstattengingen, kommen nun einem Kraftakt gleich. Tätigkeiten, an die er zuvor keinen Gedanken verschwendet hat, müssen neu detailliert vorbereitet und einstudiert sein. Aufstehen, duschen, Kleider anziehen: Stefan Poth braucht für diese Selbstverständlichkeiten plötzlich so verdammt viel Zeit. Und ständig überlegt er sich: Wann und wo ziehe ich idealerweise die Prothese an und aus? Wo lege ich sie hin? Und sind die Krücken, die ich zum Überbrücken brauche, in Reichweite oder muss ich die nun mühsam auf einem Bein balancierend suchen? Hinzu kommt: Er wohnt mit seiner Frau und mit Sohn und Tochter in einem ehemaligen Fabrikgebäude, das sich, stilvoll saniert, über mehrere Etagen erstreckt. Da heisst es: Treppe rauf und wieder runter. «Der Kraftakt zwischen dem Aufstehen zu Hause in Hagendorn und der Ankunft im Büro in Zug war anfangs so gross, dass ich nudelfertig war, bevor ich im Geschäft überhaupt den ersten Kunden empfing», so Poth.


Beim Stichwort Prothese gerät der sechs Jahre nach dem Unfall extrem agil wirkende Mann ins Schwärmen. Das hängt damit zusammen, dass er – nach einem ersten konventionellen Modell – heute ein Exemplar trägt, das speziell für Kriegsopfer der US-Armee konzipiert wurde: die «Genium X3»-Prothese. Sie verfügt über Schwingungssensoren und ermöglicht optimiertes physiologisches Gehen. Das heisst: nicht der Träger muss seinen Bewegungsablauf der Prothese anpassen, sondern umgekehrt. Das Mikroprozessor-gesteuerte Stück aus Titan und Edelstahl ist wasserdicht und stossfest, trotzt Staub, Sand und Feuchtigkeit und reagiert intelligent und unmittelbar auf wechselnde Geschwindigkeiten und unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten.


Warum das für Stefan Poth so wichtig ist? Neben seinen Mandaten als Headhunter managt er seit kurzem auch noch die Startup-Firma «Funkenfeuer». In seiner Rolle als Coach für Resilienz und Entschleunigung organisiert er diverse Retreats, Reisen und Expeditionen in abenteuerliche Gegenden, unter anderem nach Norwegen und Tansania. Dabei ist er schon mal in wilder Natur, unwegsamem Gelände, in Wäldern und Wüsten unterwegs. «Ich liebe meine Prothese!», schwärmt er. «Sie bedeutet für mich Mobilität und Lebensqualität!»  Kommentare der Invalidenversicherung, die solche Prothesen nicht finanziert, er verfüge mit der Genium X3 über eine Luxusprothese, kontert er trocken: «Luxus wäre, zwei Beine zu haben.»


Stefan Poth ist und bleibt ein Gehbehinderter. Laufsportarten sind praktisch ausgeschlossen. Der ehemalige Tennisspieler des TC Hünenberg hat es jedoch unter die Top Ten der Schweizer Rollstuhl-Tennisspieler geschafft. An den diesjährigen Schweizermeisterschaften klassierte er sich sogar unter die besten vier. Auf die Frage, wie er es geschafft hat, sein Leben so positiv zu meistern, antwortet er: «In der Akzeptanz der Situation liegt der Schlüssel zum Erfolg. Ich kann mich als Opfer sehen oder das Beste aus meiner Situation machen. Ich habe mich für das Zweite entschieden!»


Dann verabschiedet er sich mit Handschlag und läuft Schritt für Schritt die grosse Treppe der ehemaligen Orris-Fettfabrik empor, wo sich Poths Beratungsfirma und sein Start-up befindet. Er hat schon recht: Diese «Genium X3» erinnert designmässig stark an die Ästhetik des US-Science-Fiction-Films «RoboCop». Das Teil sieht aus wie eine Art Wunderwaffe, futuristisch und ziemlich cool.