Portraits

 

 

BETEN FüR GRETEL

 

Die Ordensschwester gaben sie auf und prognostizierten das Schlimmste. Doch Gretel Koller schaffte es, trotz Kinderlähmung ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

 

von Sabine Windlin

 

Gretel Koller empfängt mich in ihrer grosszügigen Wohnung im Riedmatt-Quartier in Zug. Die 88-Jährige ist gerade mit einem Kreuzworträtsel beschäftigt und hat schlicht vergessen, dass Besuch kommt. «Kein Problem! Kommen Sie rein, ich bin flexibel.» Breitwillig gibt sie Auskunft darüber, inwiefern denn das Thema Bewegung für sie eine Herausforderung darstellt. Gretel Koller wurde als Kind mit dem Polio-Virus angesteckt und erkrankte an Kinderlähmung. Die Eltern realisierten nicht sofort, was ihr fehlte. Sie war zehn Jahre alt, als sie eines Tages müde und hustend im Bett lag. Eine Grippe mit Fieber, dachten die Eltern, vielleicht auch eine Lungenentzündung. Gretel, war man sich sicher, wird sich bestimmt schnell erholen. Sie war ja so ein Energiebündel. Doch Gretel wurde nicht gesund, sondern immer schwächer. Als erste Lähmungserscheinungen auftraten, schöpften die Ärzte Verdacht und schickten das Kind zur Abklärung ins kantonale Absonde-rungshaus. Dieses stand damals speziell für «epidemische Erkrankungen gemein gefährlichen Charakters» wie Scharlach, Croup, Diphterie, Tuberkulose und Polio zur Verfügung. Man schrieb das Jahr 1941.


Am dritten Tag des Aufenthalts im Absonderungshaus war Gretel Koller komplett gelähmt und die Diagnose war klar. Wegen der Ansteckungsgefahr durfte sie keinen Besuch empfangen oder diesem nur durch ein grosses Sichtfenster zuwinken. Dies war umso schlimmer, als die Menzinger Schwestern, die sich um sie hätten kümmern sollen, alles andere als freundlich waren und ihr mitunter sogar die Toilette verwehrten. Der Mutter rieten die Schwestern: «Am besten, Sie pilgern nach Lourdes und beten für Ihr Kind.» Mehr könne man auf Erden für ihre Tochter nicht tun. Tagelang lag Gretel alleine im Bett, ohne Gesellschaft und Aktivität. Als ihre Kinderlähmung nach drei Wochen nicht mehr ansteckend war, holten sie ihre Eltern nach Hause. An die Abschiedsworte der Schwestern kann sich Gretel Koller selbst 78 Jahre später noch genau erinnern. Die hörten sich wie eine Drohung an: Sie werde schon bald ein «Buckeli» bekommen und nie wieder gehen können. Von Empathie, Fein- oder gar Mitgefühl keine Spur.


Zum Glück kam es anders: Die Lähmungen am linken Bein und am rechten Arm bildeten sich wieder zurück. Der linke Arm und das rechte Bein hingegen sollten in der Bewegung für immer stark beeinträchtigt bleiben. Und die Kontrolle des Gleichgewichts zwischen gelähmtem Agonist und intaktem Antagonist fiel ihr schwer. Dennoch: Gretel lernte wieder laufen. Ihre Zwillingsschwester brachte ihr sogar das Velofahren bei, und ihr Vater konnte sie als Jugendliche zweimal für eine längere Wanderung motivieren. «Da kam ich aber an den Rand meiner Kräfte. Und immer als Schlusslicht hinterherhumpeln machte auch keine Freude.» Stattdessen erlernte sie in jungen Jahren das Klavierspiel, was trotz Handicap an der linken Hand erstaunlich gut gelang. Und wie sah es mit medizinisch verordneten Therapieprogrammen oder Krankengymnastik aus? Gretel Koller winkt ab. Von wegen! Mit zwölf Jahren durfte sie einmal mit anderen Teenagern für einen längeren Kuraufenthalt nach Bad Ragaz. «Das war es dann auch schon.» Als sie sich im Erwachsenenalter hin und wieder eine Massa-ge gönnte, verweigerte die Krankenkasse die Kostenübernahme.


Gretel Koller heiratete, gründete mit ihrem Mann Werner eine Familie, zog drei Kinder gross und schmiss den Haushalt. «Ich habe versucht, ein ganz normales Familienleben zu führen und wollte weder Schonung noch Mitleid.» Gretel Koller entsprach nicht dem typischen Bild vieler damals an Kinderlähmung Erkrankten. Sie ging weder an Krücken noch Stöcken noch trug sie irgendwelche Beinschienen oder ein Korsett. Über viele Jahre stand sie als kaufmännische Angestellte auch im Erwerbsleben. Leuten, die sie nicht näher kannten, musste sie dann jeweils erklären, woher ihre Bewegungseinschränkungen rührten. Kinderlähmung? Ist diese Krankheit nicht längst ausgerottet? Korrekt ist: Seit den 1950er Jahren sind Impfstoffe gegen Polio verfügbar und die Erkrankungszahlen sind seither stark rückläufig. In der Schweiz sind dank der hohen Durchimpfungsrate seit 1989 keine neuen Fälle mehr vorgekommen. Doch Menschen, die sich insbesondere in den 1930er, 1940er und 1950er Jahren in der Schweiz angesteckt haben, gibt es noch zahlreiche. Und sie leben, wie Gretel Koller, bis heute mit den Spätfolgen der Infektion.


Gretel Koller strahlt viel Zufriedenheit aus und erwähnt im Gespräch immer wieder das grosse Glück, das sie im Leben erfahren durfte: mit ihrem Mann, ihren zwei Söhnen, der Tochter, den Partnern der Kinder und den Enkelkindern. Sie geniesst ihre grosse, helle Wohnung mit der schönen Terrasse am Zuger Stadtrand und den imposanten Weitblick Richtung See und Berge. «Ich habe so viel erlebt in meinem Leben, ich muss keine grossen Sprünge mehr machen. Mein Bewegungsradius ist klein.» Mit zunehmendem Alter sei sie auch vorsichtiger, ängstlicher geworden. Kein Wunder! Innerhalb der letzten fünf Jahre zog sich Gretel Koller mehrere Frakturen zu, brach sich dreimal das Bein und zweimal den Arm. Markante Narben erinnern bis heute daran. Doch mehr noch als die sichtbaren Narben, haben die Stürze «innere Spuren» hinterlassen. «Die Unsicherheit, längere Strecken zu Fuss zurückzulegen, wurde mit der Zeit immer grösser.»


Seit drei Jahren ist Gretel Koller nun auch mit dem Rollstuhl unterwegs, mit Betonung auf «auch». Denn immer wieder steht sie auf, um ein paar Schritte zu gehen oder beispielsweise stehend in ihrer Küche ein feines Essen für sich und ihren Mann zuzubereiten. Gleichzeitig geniesst sie es, dass sie dank ihrem Elektrogefährt per Knopfdruck ohne Risiko von A nach B rollen kann. Na ja. Vorsicht, meint sie lachend, sei trotzdem geboten. «Ich muss aufpassen, dass ich das Tempo noch besser unter Kontrolle habe und beim Abbiegen die Kurve kriege.»