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ZUG IN BEWEGUNG

 

Das Bewusstsein um die Selbstverständlichkeit menschlicher Bewegungsabläufe setzt meist erst ein, wenn wir mit einer Einschränkung konfrontiert sind; sei es durch Krankheit, Unfall, Alter oder Behinderung. Sigrid Hensel, Gretel Koller, Stefan Poth und Melchior Hartmann sind diesbezüglich speziell gefordert.

 

Die Therapieleitung der Klinik Adelheid hat uns vorgewarnt. Die Patientin in Zimmer 506 sei mit einem derart unerschütterlichen Optimismus ausgestattet, dass es auf Besucher schon fast irritierendwirken könne. «Schön, dass Sie da sind. Ich freue mich. Heute wird ein guter Tag!», empfängt uns Sigrid Hensel, 77 Jahre alt. «Ich habe hervorragend geschlafen, keine Schmerzen. Und schauen Sie sich mal diese Aussicht auf den Ägerisee an. Fantastisch!» Sigrid Hensel tritt auf den Balkon und atmet tief durch.


Vor genau vier Wochen hat sie sich einer sogenannten Spondylodese unterzogen, einer Stabilisationsoperation der Lendenwirbelsäule. Fünfeinhalb Stunden lag sie in der Klinik St. Anna in Luzern unter dem Messer und liess sich von zwei Chirurgen sechs Wirbel versteifen. Dazu wurden mehrere Schrauben in die Wirbelkörper eingebracht und die Bandscheiben durch Titankäfige ersetzt. Die eingeengten Nerven mussten an mehreren Stellen freigelegt werden, damit sie ihre Funktion wieder uneingeschränkt aufnehmen konnten. Der Eingriff liess sich nicht vermeiden. Was war passiert? Die Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern waren bei Sigrid Hensel aufgebraucht, die Zwischenwirbelgelenke abgenutzt und der Nervenkanal über mehrere Bewegungssegmente zu eng gestellt. Dies hatte zur Folge, dass für Sigrid Hensel die Schmerzen am Rücken, beim Gesäss und in den Beinen in der Folge immer stärker und irgendwann so unerträglich wurden, dass sie kaum mehr gehen konnte. Zwanzig Meter zu Fuss lagen noch drin, dann musste die gepflegte Rentnerin Forfait geben.


«Eigentlich hätten mich diese Probleme mit der Wirbelsäule gar nicht plagen dürfen», kommentiert sie leicht zerknirscht, knipst dann aber sofort wieder ihr Lächeln an. Denn sie pflege einen gesunden Lebensstil, mache Wassergymnastik, Pilates und gehe regelmässig wandern. In früheren Jahren standen auch noch Tennis, Ballett und Reitsport auf dem Programm. Die Ursache ortete der Arzt denn auch nicht bei einem Fehlverhalten, sondern ganz profan bei Alterungs- und Verschleisserscheinungen. Tja, was kann man dagegen schon ausrichten?


Sigrid Hensel erobert sich während ihres vierwöchigen Aufenthalts in der Klink Adelheid ihre Beweglichkeit zurück und präsentiert uns ihren Therapieplan. Dieser ist individuell auf ihre Krankengeschichte ausgerichtet, wird jeden Tag neu zusammengestellt, und Sigrid Hensel – keine Frage! – hält sich eisern daran: Physiotherapie, Ergotherapie, medizinische Trainingstherapie. Aufmerksam lauscht sie den Anweisungen des Personals und ist hoch konzentriert bei der Sache. Denn die Übungen möchte sie später auch alleine zu Hause trainieren. Sie absolviert Trainingseinheiten im Liegen, Stehen und Sitzen, mit und ohne Geräte. Wo ein Wille, lautet ihr altbewährtes Motto, da ein Weg. Ziel ist der Kraftaufbau und die Wiedererlangung der Stabilität, Mobilität und Balance. Schuhe binden, Hose anziehen, Fussnägel schneiden, duschen, kochen, haushalten – all das will wieder gelernt sein. Befinden sich Gegenstände ausser Reichweite, nimmt Sigrid Hensel eine lange Greifzange zu Hilfe, denn intensives Recken und Strecken liegen so kurz nach der Operation nicht drin. Kleine Fortschritte in den Bewegungsabläufen haben sich aber bereits eingestellt: Das Treppensteigen, berichtet sie, funktioniere mittlerweile gut. Und bei den Entspannungsübungen döse sie sogar ein. Recht so! Das ist Sinn und Zweck der Sache.


Auf dem Klinikkorridor absolviert Sigrid Hensel kurz vor Mittag noch einen 6-minütigen Gehtest und freut sich mit der Therapeutin über das gute Resultat. 340 Meter hat sie in der vorgegebenen Zeit zurückgelegt und dabei Sauerstoff- und Pulswerte erzielt, die absolut zufriedenstellend sind, besser als vor einer Woche; angesichts der verengten Herzkranzgefässe und der Niereninsuffizienz, unter der sie leidet, keine Selbstverständlichkeit. Als sich Patientin Hensel für einen Moment etwas schwindlig fühlt, gönnt sie sich eine Verschnaufpause, ruht sich am Geländer aus und setzt dann das Training in kleinen Schritten und mit winzigen Schweisstropfen auf der Stirn fort. «Ich will doch mit meinen Kolleginnen bald wieder den Seeweg entlang spazieren, in der Kirche als Lektorin vor den Gottesdienstbesuchern stehen und Auto fahren können», erklärt sie ihren Tatendrang. Zurück im Zimmer zeigt sie auf Fotos ihrer Tochter und der beiden Enkel. «Die wollen mit mir noch ganz viel unternehmen. Das motiviert!» Nach insgesamt 16 grösseren und kleineren Operationen im Laufe der letzten zwanzig Jahre sei sie nun «komplett durchsaniert wie ein altes Auto» und zuversichtlich, ihren Bewegungsdrang bald wieder ausleben zu können. Ach ja: im Ägerisee schwimmen will Sigrid Hensel auch baldmöglichst wieder. «Mein Schwimmgurt wartet schon auf mich!»

 

Ausdauer, Zuversicht und viel Disziplin – das  sind, nebst fachkundiger Unterstützung von Profis  aus Medizin, Therapie und Pflege, die Ingredienzen, ohne die keine Reha erfolgreich ist. Das weiss auch Stefan Poth. Der 54-jährige Inhaber und Geschäftsführer einer Personalvermittlungs- und Headhunterfirma verunglückt im April 2013 schwer mit  seiner Harley Davidson. Zusammen mit einem Motorradkollegen aus Deutschland fährt er am ersten schönen Frühlingstag über den Brünig nach Interlaken und via Ballenberg retour Richtung Innerschweiz. Im luzernischen Inwil stoppt Poth am Lichtsignal der Dorfkernkreuzung und fährt, als die  Ampel auf Grün wechselt, langsam los. Im gleichen  Augenblick biegt aus der stehenden Kolonne gegenüber ein Auto links ab und knallt ungebremst in Poth, der Vortritt hat. Dieser bleibt nach einer sauberen Hechtrolle mit einem zertrümmerten linken Bein, aber ohne weitere Prellungen, auf dem Asphalt liegen.

 

Zu Bewusstsein gelangt Stefan Poth erst wieder auf der Intensivstation des Kantonspitals Luzern, nachdem er notfallmässig operiert worden ist. Was genau sich auf seiner Motorradtour zugetragen hat, realisiert er in diesem Moment nicht. Sein Körper hängt an unzähligen Schläuchen und Apparaturen. Der mehrmals gebrochene Oberschenkel liegt in dickem Verbandsmaterial und ist von einem externen Fixateur umgeben. Der untere Teil des Beines – das registriert und sieht Patient Poth sehr wohl – fehlt. Doch er gerät nicht in Panik, denn ersteht unter Morphium. Als er langsam wieder zu sich kommt, hört er sich an, was ihm die Ärzte zu berichten haben: Man sei gezwungen gewesen, eine «Knie-Ex-artikulation» vorzunehmen. Mit anderen Worten: ihm wurde am Kniegelenk der Unterschenkel ampu-tiert, der nur noch an den Nerven hing.

 

Fünf Wochen bleibt Stefan Poth im Kantonsspital Luzern und muss acht Folgeoperationen mit Vollnarkose über sich ergehen lassen. Dabei wird unter anderem das abgestorbene Ge-webe abgetragen und Haut vom rechten Oberschenkel transplantiert, die um den rechten Kniestumpf gelegt wird. Von den Strapazen, aber auch vom vielen Rumliegen ist Stefan Poth mittlerweile derart geschwächt, dass er kaum mehr Energie hat, sich auch nur für die kleinste Aktivität zu motivieren. Während Tagen disloziert er praktisch nur noch vom Bett in den Rollstuhl und umgekehrt. Zudem sieht er, wie seine Muskulatur schrumpft. In Sorge, bei längerer Inaktivität kräftemässig noch stärker abzubauen und bald nur noch ein Häuflein Elend zu sein, möchte er endlich mit der Reha und dem Aufbautraining starten. Aber dafür muss er erst mal vom Morphium wegkommen. Der Entzug ist happig und katapultiert ihn zum ersten Mal auf den Boden der Tatsachen, in die Welt seiner neuen Realität. «Erst jetzt wurde mir richtig bewusst, dass ich ein Beinamputierter bin und für immer bleiben werde. Das war hart.»

 

Der Wechsel vom Akutspital in die aargauische Rehaklinik stellt die nächste Zäsur dar. Nach
der fünfwöchigen Rundumversorgung in Luzern ist Stefan Poth im Aargau viel stärker auf sich selbst gestellt und muss sich organisieren. Er absolviert ein umfangreiches Therapiepro-gramm, besucht die Gehschule und geht täglich in den Kraftraum. Immerhin: Der Muskelaufbau vollzieht sich in rasantem Tempo. Weil er immer noch relativ viele Medikamente einnimmt, kann er sozusagen über seine Schmerzgrenzen hinweg trainieren; zwei Stunden pro Tag auf höchstem Niveau. Doch bis die Wunde optimal verheilt ist, kann er sich nur im Rollstuhl fortbewegen und stellt fest: Die Welt ist für Gehbehinderte voller Tücken und Hürden und – was fast noch schlimmer ist: im Rollstuhl sitzend wird er von vielen Leuten nicht für voll genommen. Man kommuniziert ja nicht mehr auf Augenhöhe. Sechs Monate nach dem Unfall und zurück in seinem Haus in Hagendorn kann Stefan Poth endlich die  in Aus-sicht gestellte Prothese in Empfang nehmen.

 

Die Bewältigung des Alltags mit seinem neuen Körperersatzstück wird zur nächsten Bewäh-rungsprobe. Bewegungen, die früher automatisch vonstattengingen, kommen nun plötzlich einem Kraftakt gleich. Tätigkeiten, an die er zuvor keinen Gedanken verschwendet hat, müssen neu detailliert vorbereitet und einstudiert sein. Aufstehen, duschen, Kleider anziehen: Stefan Poth braucht für diese Selbstverständlichkeiten plötzlich so verdammt viel Zeit. Und ständig überlegt er sich: Wann und wo ziehe ich idealerweise die Prothese an und aus? Wo lege ich sie hin? Und sind die Krücken, die ich zum Überbrücken brauche, in Reichweite oder muss ich die nun mühsam auf einem Bein balancierend suchen? Hinzu kommt: Er wohnt mit seiner Frau und Sohn und Tochter in einem ehemaligen Fabrikgebäude, das sich,  stilvoll saniert, über mehrere Etagen erstreckt. Da heisst es: Treppe rauf und wieder runter. «Der Kraftakt zwischen dem Aufstehen zu Hause in Hagendorn und der Ankunft im Büro in Zug war anfangs so gross, dass ich nudelfertig war, bevor ich im Geschäft überhaupt den ersten Kunden empfing», so Poth.

 

Beim Stichwort Prothese gerät der heute extrem agil und fit wirkende Mann ins Schwärmen. Das hängt damit zusammen, dass er – nach einem ersten konventionellen Modell – heute ein Exemplar trägt, das speziell für Kriegsopfer der US-Armee konzipiert wurde: die «Genium X3»-Prothese. Sie verfügt über Schwingungssensoren und ermöglicht optimiertes physiologi-sches Gehen. Das heisst: nicht der Träger muss seinen Bewegungsablauf der Prothese anpas-sen, sondern umgekehrt. Das Mikroprozessor-gesteuerte Stück aus Titan und Edelstahl ist wasserdicht und stossfest, trotzt Staub, Sand und Feuchtigkeit und reagiert intelligent und unmittelbar auf wechselnde Geschwindigkeiten und unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten.

 

Warum das für Stefan Poth so wichtig ist? Neben seinen Mandaten als Headhunter managt er seit kurzem auch noch die Startup-Firma «Funkenfeuer». In seiner Rolle als Coach für Resilienz und Entschleunigung organisiert er diverse Retreats, Reisen und Expeditionen in abenteuerliche Gegenden, unter anderem nach Norwegen und Tansania. Dabei ist er schon mal in wilder Natur, unwegsamem Gelände, in Wäldern und Wüsten unterwegs. «Ich liebe meine Prothese!», schwärmt er. «Sie bedeutet für mich Mobilität und Lebensqualität!» Kommentare der Invalidenversicherung, die solche Prothesen nicht finanziert, er verfüge mit der Genium X3 über eine Luxusprothese, kontert er trocken: «Luxus wäre, zwei Beine zu haben.»

 

Stefan Poth ist und bleibt ein Gehbehinderter. Laufsportarten sind praktisch ausgeschlossen. Der ehemalige Tennisspieler des TC Hünenberg hat es jedoch unter die Top Ten der Schweizer Rollstuhl-Tennisspieler geschafft. An den diesjährigen Schweizermeisterschaften klassierte er sich sogar unter die besten vier. Auf die Frage, wie er es geschafft hat, sein Leben so positiv zu meistern, antwortet er: «In der Akzeptanz der Situation liegt der Schlüssel zum Erfolg. Will heissen: Ich kann mich als Opfer sehen oder das Beste aus meiner Situation machen. Ich habe mich für das Zweite entschieden!» Dann verabschiedet er sich mit Handschlag und marschiert die Metalltreppe zu seinem Büro hoch. Er hat schon recht: Seine «Genium X3» erinnert designmässig stark an die Ästhetik des US-Science-Fiction-Films «Robocob». Das Teil sieht aus wie eine Art Wunderwaffe, futuristisch und ziemlich cool.

 

In gemächlicherem Tempo ist der zehnjährige Melchior Hartmann unterwegs. Seine Mutter Carla hat ihn soeben aus dem Autositz gehoben, aufrecht vor sich hin positioniert und führt ihn nun mit einem leichten Schieben langsam Richtung Eingang der Kinderphysiotherapie im Göbli-Quartier. Melchiors Unterschenkel stecken in zwei farbigen, speziell  für ihn angefer-tigten Orthesen, seine Füsse in dazu  passenden Turnschuhen, die etwas klobig aussehen, aber den nötigen Halt bieten. Langsam setzt er einen Fuss vor den anderen, stets nah an der Mutter, die hinter ihm geht und ihm unter die Arme greift, bis der Praxiseingang erreicht ist. Hier wartet auch schon Physiotherapeutin Trix, die Melchior fast seit seiner Geburt kennt und seither regelmässig für Therapiestunden empfängt.

 

Melchior kam mit einer Zerebralparese zur Welt und ist aufgrund eines Gendefekts sowohl körperlich wie geistig stark behindert. Ohne Begleitung oder technische Hilfsmittel könnte er weder stehen noch gehen. Und doch ist er immer irgendwie in Bewegung und scheint die Herausforderung, welche die Physiotherapie für ihn bereithält, zu geniessen. Sie kommt für ihn, der zwangsläufig viel sitzt und liegt, einer willkommenen Abwechslung gleich. «Die Ärzte haben mir, seit die Diagnose klar war, immer viel davon erzählt, was Melchior alles nicht kann und nie können wird. In den Therapiestunden, aber auch für uns als Familie liegt der Fokus darauf, welche Kapazitäten mein Sohn punkto Beweglichkeit mitbringt», sagt seine Mutter. Melchior kann aufrecht und mit einer ungemeinen Ausdauer sitzend auf dem Boden spielen. Er kann sich aus der Rückenlage alleine in die Sitzposition hochbringen. Und wie erst haben seine Eltern und beiden Brüder gestaunt, als sie bemerkten, wie es Melchior im Alter von sieben Jahren erstmals schaffte, sich mit Hilfe seiner Gesäss- und Beinmuskulatur sitzend vom Kinderzimmer ins Wohnzimmer zu schieben! Mit dieser ihm eigenen Fortbewegungsmethode ist Melchior gut und gerne im Stande, Erkundungstouren von mehreren Hundert Metern pro Tag zurückzulegen. Im Wohnheim, wo er tageweise betreut wird, steht ihm zusätzlich ein sogenannter «Innowalk» zur Verfügung: ein richtungsweisender Steh- und Bewegungstrainer, mit dem die passiv eingeleitete Bewegung in aufrechter Position zu einer reaktiven Ausgleichsbewegung führt.

 

Während gesunde Menschen im Alltag auf sämtliche körpereigenen Funktionen zum Auf-richten und für die Fortbewegung automatisch und unbewusst zugreifen können, sind Men-schen mit einer angeborenen zerebralen Behinderung beziehungsweise der Schädigung des Zentralen Nervensystems stark limitiert. Ihnen stehen die angeborenen Bewegungsmuster zum Greifen und Hantieren, zum Umdrehen und Aufstehen, Gehen und Laufen nur eingeschränkt zur Verfügung. Denn bei ihnen kann das Gehirn seine Funktion als Schaltzentrale, welche die Befehle an den Bewegungsapparat sendet, nicht richtig ausüben. Melchiors Muskeln sind ausserdem nur schwach ausgebildet. Und das Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung funktioniert bei ihm nicht wie bei Menschen ohne Behinderung.

 

Das Ziel von Melchiors Physiotherapie besteht nicht darin, dereinst intakte Bewegungsabläu-fe zu erlangen, sondern elementare Bewegungsmuster zumindest in Teilbereichen zugänglich zu machen. Das regelmässige Training soll auch helfen, drohenden Körperhaltungsschäden vorzubeugen und dafür zu sorgen, dass sich Fehlstellungen und -belastungen an Beinen, Füs-sen und Armen nicht akzentuieren. Während der 45-minütigen Einheit werden Melchiors Gliedmassen intensiv massiert und durchgeknetet. Dies fördert auch die Durchblutung. Die Therapeutin kennt Melchiors Bewegungsapparat genau und beobachtet, wie er sich aus für ihn miss-lichen Lagen «befreit». Dabei orientiert sie sich an der sogenannten Vojta-Therapie, einer Behandlungsmethode, die bei Störungen des zentralen Nervensystems, aber auch bei MS-Patienten zur Anwendung gelangt. Sie wurde vom tschechischen Kinderneurologen Vaclav Vojta in den 1960er Jahren entwickelt. Aus Bauch-, Rücken- und Seitenlage heraus werden durch den Druck auf bestimmte Triggerpunkte gezielt Reflexe ausgelöst. «Die Physiotherapie tut ihm gut», fasst Carla Cerletti zusammen. «Aber konkrete Erwartungen, wie Melchior sich punkto Bewegung und Koordination langfristig weiterentwickelt, haben wir nicht. Wir freuen uns einfach, wenn wir sehen, dass er kleine Fortschritte macht.»

 

Zu guter Letzt empfängt mich noch Gretel Koller in ihrer grosszügigen Wohnung im Ried-matt-Quartier in Zug zum Gespräch. Die 88-Jährige ist gerade mit einem Kreuzworträtsel beschäftigt und hat schlicht vergessen, dass Besuch kommt. «Kein Problem! Kommen Sie rein, ich bin flexibel.» Breitwillig gibt sie Auskunft darüber, inwiefern denn das Thema Bewegung für sie eine Herausforderung darstellt. Gretel Koller wurde als Kind mit dem Polio-Virus an-gesteckt und erkrankte an Kinderlähmung. Die Eltern realisierten nicht sofort, was ihr fehlte. Sie war zehn Jahre alt, als sie eines Tages müde und hustend im Bett lag. Eine Grippe mit Fieber, dachten die Eltern, vielleicht auch eine Lungenentzündung. Gretel, war man sich si-cher, wird sich bestimmt schnell erholen. Sie war ja so ein Energiebündel. Doch Gretel wurde nicht gesund, sondern immer schwächer. Als erste Lähmungserscheinungen auftraten, schöpften die Ärzte Verdacht und schickten das Kind zur Abklärung ins kantonale Absonde-rungshaus. Dieses stand damals speziell für «epidemische Erkrankungen gemein gefährlichen Charakters» wie Scharlach, Croup, Diphterie, Tuberkulose und Polio zur Verfü-gung. Man schrieb das Jahr 1941.

 

Am dritten Tag des Aufenthalts im Absonderungshaus war Gretel Koller komplett gelähmt und die Diagnose war klar. Wegen der Ansteckungsgefahr durfte sie keinen Besuch empfangen oder diesem nur durch ein grosses Sichtfenster zuwinken. Dies war umso schlimmer, als die Menzinger Schwestern, die sich um sie hätten kümmern sollen, alles andere als freundlich waren und ihr mitunter sogar die Toilette verwehrten. Der Mutter rieten die Schwestern: «Am besten, Sie pilgern nach Lourdes und beten für Ihr Kind.» Mehr könne man auf Erden für ihre Tochter nicht tun. Tagelang lag Gretel alleine im Bett, ohne Gesellschaft und Aktivität. Als ihre Kinderlähmung nach drei Wochen nicht mehr ansteckend war, holten sie ihre Eltern nach Hause. An die Abschiedsworte der Schwestern kann sich Gretel Koller selbst 78 Jahre später noch genau erinnern. Die hörten sich wie eine Drohung an: Sie werde schon bald ein «Buckeli» bekommen und nie wieder gehen können. Von Empathie, Fein- oder gar Mitgefühl keine Spur.

 

Zum Glück kam es anders: Die Lähmungen am linken Bein und am rechten Arm bildeten sich wieder zurück. Der linke Arm und das rechte Bein hingegen sollten in der Bewegung für immer stark beeinträchtigt bleiben. Und die Kontrolle des Gleichgewichts zwischen gelähmtem Agonist und intaktem Antagonist fiel ihr schwer. Dennoch: Gretel lernte wieder laufen. Ihre Zwillingsschwester brachte ihr sogar das Velofahren bei, und ihr Vater konnte sie als Jugendliche zweimal für eine längere Wanderung motivieren. «Da kam ich aber an den Rand meiner Kräfte. Und immer als Schlusslicht hinterherhumpeln machte auch keine Freude.» Stattdessen erlernte sie in jungen Jahren das Klavierspiel, was trotz Handicap an der linken Hand erstaunlich gut gelang. Und wie sah es mit medizinisch verordneten Therapieprogrammen oder Krankengymnastik aus? Gretel Koller winkt ab. Von wegen! Mit zwölf Jahren durfte sie einmal mit anderen Teenagern für einen längeren Kuraufenthalt nach Bad Ragaz. «Das war es dann auch schon.» Als sie sich im Erwachsenenalter hin und wieder eine Massa-ge gönnte, verweigerte die Krankenkasse die Kostenübernahme.


Gretel Koller heiratete, gründete mit ihrem Mann Werner eine Familie, zog drei Kinder gross und schmiss den Haushalt. «Ich habe versucht, ein ganz normales Familienleben zu führen und wollte weder Schonung noch Mitleid.» Gretel Koller entsprach nicht dem typischen Bild vieler damals an Kinderlähmung Erkrankten. Sie ging weder an Krücken noch Stöcken noch trug sie irgendwelche Beinschienen oder ein Korsett. Über viele Jahre stand sie als kaufmän-nische Angestellte auch im Erwerbsleben. Leuten, die sie nicht näher kannten, musste sie dann jeweils erklären, woher ihre Bewegungseinschränkungen rührten. Kinderlähmung? Ist diese Krankheit nicht längst ausgerottet? Korrekt ist: Seit den 1950er Jahren sind Impfstoffe gegen Polio verfügbar und die Erkrankungszahlen sind seither stark rückläufig. In der Schweiz sind dank der hohen Durchimpfungsrate seit 1989 keine neuen Fälle mehr vorgekommen. Doch Menschen, die sich insbesondere in den 1930er, 1940er und 1950er Jahren in der Schweiz angesteckt haben, gibt es noch zahlreiche. Und sie leben, wie Gretel Koller, bis heute mit den Spätfolgen der Infektion.

 

Gretel Koller strahlt viel Zufriedenheit aus und erwähnt im Gespräch immer wieder das grosse Glück, das sie im Leben erfahren durfte: mit ihrem Mann, ihren zwei Söhnen, der Tochter, den Partnern der Kinder und den Enkelkindern. Sie geniesst ihre grosse, helle Wohnung mit der schönen Terrasse am Zuger Stadtrand und den imposanten Weitblick Richtung See und Berge. «Ich habe so viel erlebt in meinem Leben, ich muss keine grossen Sprünge mehr machen. Mein Bewegungsradius ist klein.» Mit zunehmendem Alter sei sie auch vorsichtiger, ängstlicher geworden. Kein Wunder! Innerhalb der letzten fünf Jahre zog sich Gretel Koller mehrere Frakturen zu, brach sich dreimal das Bein und zweimal den Arm. Markante Narben erinnern bis heute daran. Doch mehr noch als die sichtbaren Narben, haben die Stürze «innere Spuren» hinterlassen. «Die Unsicherheit, längere Strecken zu Fuss zurückzulegen, wurde mit der Zeit immer grösser.»

 

Seit drei Jahren ist Gretel Koller nun auch mit dem Rollstuhl unterwegs, mit Betonung auf «auch». Denn immer wieder steht sie auf, um ein paar Schritte zu gehen oder beispielsweise stehend in ihrer Küche ein feines Essen für sich und ihren Mann zuzubereiten. Gleichzeitig geniesst sie es, dass sie dank ihrem Elektrogefährt per Knopfdruck ohne Risiko von A nach B rollen kann. Na ja. Vorsicht, meint sie lachend, sei trotzdem geboten. «Ich muss aufpassen, dass ich das Tempo noch besser unter Kontrolle habe und beim Abbiegen die Kurve kriege.»