Archiv

 

 

LEHRKRäFTE IM LERNEIFER

 

Kaum eine Berufsgruppe bildet sich so häufig und so intensiv weiter wie die Lehrerschaft. Zum Ärger der Eltern auch während der Schulzeit.

 

von Sabine Windlin

 

Es ist ein seltsames Kürzel, das für eine Beschäftigung steht, mit der Lehrer jährlich mehrere Tage, im Laufe ihrer Karriere sogar Wochen verbringen: «Schilw». Die Abkürzung steht für Schulinterne Weiterbildung, und die ist nicht unumstritten: bei den Lehrkräften der Volksschule, weil sie in corpore zu Weiterbildungsveranstaltungen verknurrt werden, von deren Nutzen sie nicht restlos überzeugt sind; bei berufstätigen Eltern, weil deswegen immer mal wieder die Schule ausfällt.

 

Im Kanton Bern können die Gemeinden schulfrei für so genannte Kollegiumstage anberaumen und schulinterne Weiterbildung für einzelne Stufen oder Gruppen bestimmter Fachlehrpersonen als obligatorisch erklären. In den Kantonen Graubünden, Zürich und Appenzell Innerrhoden kann die Schulpflege schulinterne Weiterbildungen für ein ganzes Schulteam anordnen, wobei diese bis zur Hälfte während der Unterrichtszeit stattfinden darf. In Baselland- und Baselstadt lassen sich Lehrer vor Ostern alljährlich im so genannten «Drei-Tage-Block» weiterbilden, was den Schulkindern drei Freitage beschert. In Winterthur wurde die Fortbildung der Lehrerschaft in den Jahren 2008 und 2010 zum Thema «Umgang mit Vielfalt» und «Integrative Förderung» so ausgiebig betrieben, dass die Schulkinder je eine zusätzliche Ferienwoche hatten. «Doch aus Sicht der Eltern», so Heinz Bäbler von Schule und Elternhaus, «gehören Weiterbildungskurse eindeutig in die Schulferien.»


Die gegenwärtige Situation ist für fast alle Involvierten, allerdings aus unterschiedlichen Gründen unbefriedigend. Berufstätige Eltern regen sich über Lehrer auf, die statt, im Schulzimmer zu unterrichten, im Konferenzsaal sitzen. Lehrer kritisieren Schulleitungen, von denen sie zur Anhörung von Vorträgen praxisferner  Bildungskoryphäen genötigt werden, mit Inhalten, die man eh schon kenne.  Schulleitungen weisen den Vorwurf an die Gemeinden bzw. Kantone weiter, die ständig neue Reformen in Gang setzten, die ohne zusätzliche Weiterbildung von der Lehrerschaft gar nicht umzusetzen seien. In Winterthur, so rechtfertigt sich das zuständige Schulamt, habe man sich  lediglich an die Vorgaben des neuen kantonalen Volksschulgesetzes gehalten, das den Gemeinden die Möglichkeit einräumt, für die Weiterbildung der Lehrerschaft pro Jahr zusätzlich fünf unterrichtsfreie Tage für die Schüler festzulegen.

 

Auch in anderen Gemeinden geht praktisch jede (vermeintliche) Änderung im Bildungswesen – sei sie inhaltlicher oder struktureller Natur –  mit einer automatisch angeordneten Weiterbildung einher. Die Frage «Mundart oder Hochdeutsch im Kindergarten»? war kaum gestellt, schon waren die Anbieter mit entsprechenden Kursen zur Stelle. Die Pädagogischen Hochschulen bieten so genannte «Holkurse» an, die – im Rahmen des «Kontingents schulinterner Weiterbildungshalbtage» – auch während der Unterrichtszeit stattfinden können. Für das Schuljahr 2010/2011 sind in der Innerschweiz über 170 Kurse aufgeführt, darunter auch solche, die keinen direkten Zusammenhang mit der Steigerung der Unterrichtsqualität erkennen lassen wie etwa  «Kommunikation mit dem inneren Team» und «Kräftemanagement im Spannungsfeld Beruf-Privatleben». In Baselland  wurden vergangenen Jahres vor Ostern im Rahmen des Projekts FQS (Förderndes Qualitätsevaluationssystem) rund 100 Lehrpersonen des Kindergartens und der Primarschule zu einer eineinhalbtätigen, vom Kanton finanzierten Weiterbildung zum Thema «Elternfeedback» verpflichtet.

 

Ob schulhausinterne, stufenspezifische, fachübergreifende oder themenzentrierte Weiterbildung; so richtig wohl scheint es den Gemeinden mit den anberaumten Zwangsferien nicht zu sein, weshalb  etwa im Kanton Schwyz darauf geachtet wird, die Kurse am Freitag durchzuführen, damit die Eltern daraus wenigstens ein verlängertes Wochenende machen können. Die Erziehungsdirektion Bern empfiehlt, da die Blockzeiten grundsätzlich einzuhalten sind, die schulfreien Halbtage auf den Nachmittag zu legen und die Eltern rechtzeitig zu informieren. In Genf, Baselstadt und anderen städtisch geprägten Regionen, stellen Gemeinden, während die Lehrer konferieren, immerhin eine Betreuung für die Kinder sicher.

 

Während die Notwendigkeit für Veranstaltungen im Hinblick auf die Einführung neuer Fächer wie Frühenglisch oder Frühfranzösisch  oder neuer Lehrmittel völlig unbestritten ist, ist dies bei Veranstaltungen à la «Eigenverantwortliches Lernen» und «Partizipatives Unterrichten» nicht unbedingt der Fall. Diese Veranstaltungen werden von den Schulleitungen dann meistens unter dem Titel «Qualitätssicherung» oder als Offensive in «Good-Pratice» abgebucht, selbst wenn sie letztlich wenig konkrete Hilfestellung für den realen Alltag im Schulzimmer bieten. Hinzu kommt der Irrglaube, dass jedem Problem, dass sich der Schule stellt – Mobbing, Gewalt, Drogen, gute Stimmung, funktionierende Kommunikation –  mit einem Kurs oder einer einberufenen Konferenz beizukommen wäre.

 

Dass Lehrer tatsächlich ausgeprägt lernwillig sind, bestätigt eine Erhebung des Bundesamts für Statistik über Weiterbildungsaktivitäten der Erwerbstätigen. Während insgesamt rund 45 % aller Erwerbstätigen angeben, an einer Weiterbildung teilzunehmen, sind es bei den Lehrkräften 77%.  Auch Joe Bucheli von der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern bestätigt das Bild von einer ausgesprochen lerneifrigen Lehrerschaft: «Wenn die PHZ im Frühling ihr Weiterbildungsprogramm veröffentlicht, ist ein Run darauf. Viele Kurse sind schnell ausgebucht, manche sogar überbucht.» Und Pius Egli, Geschäftsführer des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbandes betont: «Die meisten Lehrer machen mehr, als sie müssten.» Ein Grossteil, so Egli, bilde sich auch während den Schulferien weiter, etwa in den Kursen des Vereins «Schule und Weiterbildung Schweiz» swch, einer der wichtigsten privaten Akteure auf dem Markt. Beliebt sind diese Kurse freilich auch, weil die Kantone sich gemäss swch «sehr grosszügig» an den Kosten beteiligten. Ob unter dem Motto «Singend unterwegs» zu rumänischen Klöstern gereist, oder unter dem Titel «Entspannung ist lernbar» unter kundiger Leitung Stress abgebaut wird; die meisten Kantone übernehmen 50 bis 80 % der Kurskosten, bis zu einem Maximalbetrag von 1000 Franken, sogar 100 %.

 

Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten in der Privatwirtschaft sind mit den meisten staatlich organisieren und finanzierten Weiterbildungskursen für Lehrer keinerlei Auflagen – etwa für den Verbleib im System – verbunden; es sei denn, es handle sich um kostspielige Zusatzqualifikationen, die auf Ebene eines bolognakompatiblen Nachdiploms erworben wurden. In vielen Deutschschweizer Kantonen gilt zudem als Voraussetzung für eine Kostenbeteiligung an Kursen lediglich, dass der Inhalt  «in Zusammenhang mit der Stoffvermittlung» stehen muss oder «einem Bedürfnis innerhalb des Schulsystems entspricht».

 

Dass dieses Kriterium mitunter sehr grossszügig interpretiert wird, bestätigen auch die Lehrkräfte selber. Eine Primarlehrerein aus dem zugerischen Steinhausen vertiefte ihre Kenntnisse im Rahmen einer Lehrerfortbildung in Photoshop-Programm. Als sie sich vergewisserte, ob auch diese Kosten vollumfänglich vom Kanton übernommen würden, bejahten die Zuständigen. Die Schüler, so die Begründung, würden insofern mitprofitieren, als die Lehrerin dank des Kurses nun auch Fotos von Schulreisen digital bearbeiten könne.

 

 

Interview mit Prof. Dr. Stephan Gerhard Huber, Leiter des Instituts für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ) Zug

 

Kaum eine Berufsgruppe besucht so viele Weiterbildungsveranstaltungen wie die der Lehrer. Bereitet das Grundstudium nicht ausreichend auf den Alltag im Schulzimmer vor?
Es ist ein Fehler, zu glauben, dass man sich mit dem Abschluss einer Ausbildung für alle Anforderungen, die das spätere Berufsleben an einen stellt, qualifiziert. Wenn man angehende Lehrer bereits im Studium mit allem konfrontieren würde, was später auf sie zukommen kann, würde man sie regelrecht überfordern Der Schulalltag ist anspruchsvoll und zum Wohl der Kinder und Jugendlichen muss man ständig an sich arbeiten.

 

Sie haben die «Wirksamkeit von Lehrerweiterbildung» wissenschaftlich untersucht. Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit Weiterbildungskurse etwas bringen?
Sie müssen erstens fachlich fundiert sein, sich zweitens an der Praxis orientieren und drittens methodisch so aufgearbeitet sein, dass man das Gelernte anwenden kann, also vom «Wissen» zum «Handeln» gelangt. Man handelt in beruflichen Anforderungssituationen nicht zwingend anders, nur weil man einen Kurs besucht hat. Neben der Vermittlung von Theorie und Erfahrungen aus der Praxis fördern auch die Reflexion und das Ausprobieren sowie Rückmeldungen im Alltag den Transfer und dadurch die Qualität und Nachhaltigkeit.

 

Weit verbreitet sind Weiterbildungsveranstaltungen, bei denen sich ganze Schuleineinheiten gemeinsam einem Thema widmen. Von manchen Lehrpersonen wird das als Leerlauf empfunden, etwa wenn zum wiederholten Male über Qualitätssicherung debattiert wird.
Unsere Studien zeigen, dass jene Themen am besten ankommen, die nah am Unterricht der Lehrpersonen sind: Unterrichtsmethodik, Fachdidaktik, Einsatz neuer Medien und Lehrmittel. Schulen in denen aber nicht nur vereinzelt, sondern verbreitet guter Unterricht stattfindet, zeichnen sich jedoch gerade dadurch aus, dass es neben einem guten Arbeitsklima viel Zusammenarbeit unter den Lehrpersonen sowie intensive bedarfsorientierte Weiterbildungen gibt. Es geht nicht nur um «Ich und meine Klasse» sondern auch um «Wir und unsere Schule».

 

Ich zitiere einen langjährigen Lehrer: «Wenn die Qualität der Schule verbessert werden will, müssen sich die Lehrer nicht gemeinsam Vorträge anhören und in Workshops austauschen, sondern muss beim Lehrer direkt interveniert werden. Er sorgt für die Musik und beeinflusst das Wesentliche. Alles andere ist Rauch und Biswind.»
Sicher ist die individuelle Lehrperson von ganz zentraler Bedeutung. Das alleine reicht aber nicht aus. Es braucht wie in jedem anderen Betrieb ein gemeinsames Qualitätsverständnis. Vielleicht ist dies in der Schule sogar besonders wichtig, denn ein Kind hat bekanntlich mehrere Lehrerinnen und Lehrer. Weiterbildung im Schulhaus kann hier einen besonderen Beitrag leisten.

 

In vielen Kursen – vor allem im Bereich Methodik und Didaktik - so die Kritik von Lehrern, werde «alter Wein in neuen Schläuchen» verkauft. Was den Lehrkräften als eine Neuheit wissenschaftlicher Erkenntnisse angepriesen wird, praktizieren sie im Schulzimmer schon längst.
Diesen Vorwurf hören wir auch vereinzelt, denn wir evaluieren am IBB auch die Zufriedenheit der Lehrpersonen bezüglich Weiterbildungsangeboten. Ich plädiere für bedarfsorientierte Weiterbildung mit hoher Qualität. Das heisst: Es muss von den Schulleitungen vor Ort professionell abklärt werden, welcher Bedarf wirklich besteht. Achtung! Ich sage Bedarf, nicht zwingend nur Bedürfnis. Neben dem individuellen Weiterbildungsbedürfnis der einzelnen Lehrperson sollte auch der Kompetenzbedarf gesehen werden, den die jeweilige Schule insgesamt als Organisation hat, um ihren Auftrag der bestmöglichen Förderung aller Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. So kann es durchaus sein, dass das Thema der Weiterbildung oberflächlich betrachtet schon bekannt ist, aber eben nur auf der Ebene des Wissens und noch nicht auf der Ebene des Handelns. Natürlich kann es auch mal sein, dass ein Kurs die Erwartungen nicht erfüllt. Aber unter Erwachsenen unterscheiden sich auch die Erwartungen, und Weiterbildungskurse müssen manchmal einen Kompromiss finden.

 

Gemäss kantonalem Berufsauftrag sind Lehrpersonen in der Schweiz verpflichtet, sich in einem gewissen zeitlichen Umfang weiter zu bilden. Wie sinnvoll ist solch staatlich verordnete Weiterbildung?
Jeder Arbeitgeber kann von seinem Mitarbeitenden verlangen, sich für die Steigerung der Arbeitsqualität weiterzubilden. Natürlich nützt es nichts, nur einen Kurs als besucht abzuhaken, denn das erzeugt noch keine Wirkung im Alltag. Letztlich entscheidet weniger die Quantität als vielmehr die Qualität der Weiterbildung. Entscheidend ist immer, wie wirksam und nachhaltig das ist, was an den Weiterbildungstagen gelernt werden kann.

 

Die meisten Lehrer investieren mehr Zeit in die Weiterbildung, als sie von Gesetztes wegen verpflichtet sind und besuchen sogar in den Ferien Weiterbildungskurse! Warum das?
Wenn man in der Schule arbeitet, ist man ständig mit Herausforderungen konfrontiert. Gelingt etwas nicht, neigt man dazu, es als eigenes Versagen zu interpretieren. Zudem hört und liest man, was alles noch besser gemacht werden könnte. Lehrpersonen, vor allem in der Schweiz, haben ein hohes Berufsethos und den Wunsch, ihre Arbeit zu optimieren. Es gibt aber auch einen gewissen Prozentsatz von Lehrpersonen, der bildet sich kaum weiter.

 

Schlechte Lehrer sind das deshalb nicht.
Das wissen wir nicht.