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DER LINKE MAHNER VOM ROSENBERG

 

Er spricht vielen aus dem Herzen und ist doch ein Aussenseiter: HSG Professor Peter Ulrich verkündet das Ende der neoliberalen Euphorie. Einmal mehr.

 

von Sabine Windlin

 

Sie liegen noch in der Luft, die Donnerwörter: «Abzocker», «skrupellose Selbstbereicherer», «eindimensional denkende Geldsäcke». Sie stammen vom Wirtschaftsethiker Peter Ulrich, der Anfang Jahr öffentlich die exorbitanten Pensionsbezüge der früheren AI3B-Konzernleiter Percy Barnevik und Göran Lindahl verurteilt hat. Danach wurde Ulrich selber getadelt - vom Rektorat der HSG. Der Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik möge künftig die Tonalität etwas entschärfen und mit solchen Statements gegenüber Journalisten zurückhaltender sein.

 

Seither schweigt der Professor in der Öffentlichkeit, doch meldet er sich schriftlich zu Wort. Dieser Tage erschien Peter Ulrichs neues Buch «Der entzauberte Markt - eine wirtschaftsethische Orientierung», und manche Wirtschaftsführer stöhnen auf. Schon wieder meldet sich der Moralist vom Dienst zu Wort.

 

«Aufklärer!»‚ interveniert Ulrich und rückt seinen Holzstuhl ans Holztischchen seines winzigen Büros auf dem Sankt Galler Rosenberg, wo sich sein Institut befindet. Der Mann, der einmal mehr «eine tiefgreifende Neuorientierung in unserem Wirtschaftsdenken» fordert, gegen die «einseitige Steigerung des Konsumwohlstands» wettert und die «zunehmende Alltagshektik» verurteilt, freut sich immer, wenn er Journlisten empfangen darf. In Sankt Gallen ist er eine Randexistenz. Er ringt um Anerkennung.

 

75 Quadratmeter gross ist sein Mini-Institut, einquartiert in einem über hundert Jahre alten Backstein-Riegelhaus. An den Mauern ranken Efeu und wilde Rosen. Die Büros im zweiten Stock sind bescheiden, bis zur Decke vollgestopft mit Bundesordnern und Plastikmäppchen. Das Sekretariat steht in der Küche, der Kühlschrank im Treppenhaus. Und wenn Ulrich ein Fenster schliesst, klappern die Scheiben. Es sieht hier aus wie in einer WG, und so ist auch die Stimmung: familiär. Ständig stehen sich Professor, Assistent und Teilzeitsekretärin im schmalen Gang im Weg. «Wir leiden unter akutem Platzmangel», entschuldigt sich der Professor und fügt trocken an: «Die Raumverhältnisse spiegeln den Stellenwert meines Fachs.»

 

Wirtschaftsethik. Das Fach, sagt der HSG-Rektor Peter Gomez, habe man ganz bewusst geschaffen, und Peter Ulrich sei ein wichtiges Element «der universitären Diversität". Bei der Studentenschaft ist der hagere Ordinarius mit der sanften Stimme äusserst beliebt. «Seine Veranstaltungen sind ein wohltuender Ausbruch aus dem vordringlich ökonomischen HSG-Denken», lobt Florian Hotz, Präsident der Studentenschaft. 500 Zuhörer begrüsst Ulrich im Audimax, wenn er eine Wirtschaft fordert, die im Dienst des Menschen steht und nicht umgekehrt.

 

Doch der Zuspruch der HSG-Professorenschaft für den linken Aussenseiter ist gering. Er schwankt zwischen wohlwollend gleichgültig und skeptisch ablehnend. Viele Kollegen Ulrichs, die namentlich nicht dazu stehen, finden, dass er zwar viel von Ethik, aber wenig von Wirtschaft verstehe. Sein ökonomisches Fundament, monieren einige, sei schmal. Volkswirtschaftsprofessor Franz Jäger schätzt die gesellschaftspolitische Sensibilität Ulrichs, meint aber: «Wer Systemkritik übt, muss sich auch intensiv um eine seriöse Analyse der Fakten bemühen.» Zivilcourage attestiert er dem Kollegen nicht: «Er schiesst seine Pfeile, wie ich auch, aus gesicherter Stelle.»

 

Die Journunalisten bitten Ulrich  immer wieder um ein Statement, weil er oft genau das sagt, was sie hören wollen. Ulrich gab zwischen Februar und April 2001, als die «Abszocker»-Geschichte in den Medien Wogen schlug, in der Schweiz über zehn Interviews in Presse und Radio. Aber wenn man ihn fragt, was er in all den Jahren konkret erreicht hat in den Konzernköpfen der Schweizer Wirtschaft, schweigt er lange und meint dann: «Ich verstehe mich als einer, der Fragen stellt. Ich leiste einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung.» Richtig fröhlich klingt das nicht.

 

Dazu passt, dass sich Ulrich selber als «Hofnarr der Kaderschmiede HSG» bezeichnet, dem nichts anderes übrig bleibt, als den Repräsentanten angeblich lebensdienlicher Wirtschaftskonzepte mit unbequemen Fragen auf die Füsse zu treten. «Marktgesetze sind keine Naturgesetze. Das Geschehen kann durch menschliches Handeln beeinflusst werden», gibt er sich überzeugt. Wenn sich die Entlassung von 300 Mitarbeitern lohne, stimme etwas nicht an den Rahmenbedingungen.

 


Ulrich und sein fünfköpfiges Team kämpfen ständig ums wirtschaftliche Überleben. Während andere Institute auf dem Gebiet Versicherung oder Informatik durch den engen Konakt zu Firmen problemlos Aufträge akquirieren, fehlt es den Ethikern ständig an Geld. Mit ihren Studien, Vorträgen und Gutachten holen Ulrich und seine Leute durchschnittlich 140'000 Franken pro Jahr herein. Das mit 43 Personen dotierte Institut für Technologiemanagement  erwirtschaftet mit Forschungsaufträgen das Fünffache.

 

Zwar preist das Ethikinstitut seit kurzen mit der Werbebroschüre «Corporate Itegrity» seine Beratungsmandate an, doch die Nachfrage hält sich erwartungemäss in Grenzen. Welches Unternehmen will schon über Leistungsgerechtigkeit und Wertekonsens, über Glaubwürdigkeit und Integrität als nachhaltige Erfolgsphilosophie diskutieren? «Die wenigsten», gibt Ulrich die Antwort gleich selber und gesteht, dass bei aller Liebe zum Fach der Frust mitunter gross sei.

 

Seit 15 Jahren existiert nun sein Institut, und noch nie hat der Schweizerische Nationalfnds ein Proejkt finanziert. Ulrich stellt jetzt gar keine ANträge mehr. «Der Aufwand ist zu gross.» Und obwohl jüngere Professorenkollegen in ihre Lehrkonzepte inzwischen wesentliche Gedanken Ulrichs übernehmen, bleibt er im Hochschulbetrieb der Störenfried. Etliche Mühe bekudnete etwa die volkswirtschaftliche Abteilung der HSG beim Habilitationsthema eines Institutsmitarbeiters mit dem Titel «Der Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept?». Gericheitgeit, so die Begründung, sei eigentlich kein ökonomischer Begriff.

 

Freude herrschte, als im Juni 2000 der lichtensteinische Regierungschef Mario Frick eine grössere wirtschaftsethische Studie über die Steuerpolitik im Lände in Auftrag gab. Um ihre Ergebnisse zu präsentieren, durften Ulrich und sein Vizedirektor Ulrich Thielemann sogar beim Fürsten vorsprechen. Beeindruckt nahm er die gründliche, aber unter ethischen Gesichtspunkten nicht sonderhaft schmeichelhafte Analyse zur Kenntnis. Als Monate später ein Parlamentarier wissen wollte, wann die Resultate denn endlich veröffentlicht würden, winkte die Lichtensteiner Regierung ab. Der Inhalt sei «vertraulich».

 

Umsogrosser war die Genugtuung Ulrichs, als er im letzten Dezember in der «Neuen Zürcher Zeitung» den Steuerwettbewerg nochmals aus ethischer Optik beleuchten und erklären drufte, warum das Bankgeheimnis nicht mehr haltbar sei. Dass er sich letzlich doch verschaukelt fühlte, lag am Kommentar, den Gerhard Schwarz, Leiter des Wirtschaftsressorts, auf derselben Seite schrieb. «Wenn sich Wirtschaftsethiker äussern», meinte Schwarz süffisant, «umgibt sie eine Aura der Unangreifbarkeit.» Schwarz tadelte Habermas-Schüler Ulrich wie einen Schuljungen. Er verwechsele Gleichheit und Gerechtigkeit. Wenig sptäer lehnte die «NZZ am Sonntag» die Veröffentlichung des Leserbriefs zum selben Thema «aus Patzgründen» ab.

 

Im Seminarraum 201A beschäftigen sich zwanzig Studenten des sechsten Semesters in einer Ethikvorlesung mit der Frage: «Wirtschaften heisst Werte schaffen - aber welche Wert für wen?» Bevor Ulrich die Leitideen des Moralphilosophen Adam Smith erläutert, schaltet er den Hellraumprojekter an, macht eine Kunstpause und fragt dann: «Wann hat das Leben für Sie einen Sinn?» Ein Typ im T-Shirt hebt die Hand und meint, dass Luxus für ihn nicht sinnstiftend sei. Ulrich strahlt, greift in einen Zeitungsstapel und zitiert mit feierlicher Stimme Hans Magnus Enzensberger. «Der Luxus der Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen.» Davon ist er überzeugt.

 

Ulrichs Buch erscheint bei Herder, einem etablierten deutschen Traditionsverlag. Doch wird es auch Leser finden? «Ich wünsche es ihm», sagt Rudolf Strahm. Der Berner SP-Nationalrat rezensierte Ende der Achtzigerjahre in der «Berner Zeitung» Ulrichs Habilitation «Transformation der ökonomischen Vernunft». Die Lektüre, erinnert er sich, «war eine Qual, aber interessant». Damals sprach Ulrich von «unkritischer Verabsolutierung einer rein ökonomischen Effizienzperspektive».

 

Diesmal habe er sich um «flüssige, leichte Lesbarkeit» bemüht. Für seine Verhältnisse. «Die Legitimationsfrage», erfährt da die Leserin, «entspricht der kantischen Dimension der deontolgischen Ethik.»