Portraits

 

 

IHR WORT HATTE GEWICHT

 

Ohne die Zuger Wohltäterin gäbe es die renommierte Zuger Reha-Klinik nicht.

 

von Sabine Windlin

 

Schon klar: So berühmt wie Johanna Spyris Romanfigur und so omnipräsent wie das gleichnamige deutsche Model mit Nachname Klum ist die Mitte des 19. Jahrhunderts in Zug geborene Heidi Schwerzmann nicht. Aber die Mäzenin geniesst in der Innerschweiz grosses Ansehen; und das nicht nur, weil sie die Gattin des amerikanischen Industriellen George Page war, sondern weil sie einen bemerkenswerten Gestaltungswillen an den Tag legte. Das Spannende an Adelheid Page, wie sie sich später nannte, ist auch die Tatsache, dass sie drei Leben hatte.

 

Das erste Leben von Heidi beginnt am 20. August 1853. An diesem Tag wird sie als fünfte Tochter von Agatha und Karl Schwerzmann in Zug geboren. Ihr Vater stirbt, als sie vier Jahre alt ist. Im Kloster Maria Opferung besucht sie die Mädchenschule, dann wechselt sie an die höhere Töchterschule nach Vevey. Heidi entspricht nicht dem Klischee der unauffälligen und braven Bürgerstochter. Das ändert sich auch nicht, als sie zur Frau heranwächst. Statt für Handarbeit und Kochrezepte interessiert sie sich für Kunst, Kultur, Philosophie und Fremdsprachen.

 

Das zweite Leben von Heidi Schwermann beginnt im Februar 1875. Da lernt sie an einem Fasnachtsball den amerikanischen Industriellen George Page kennen. Page, 17 Jahre älter, ist fasziniert von der hübschen 22-Jährigen. Sie tritt souverän und selbstbewusst auf, spricht Englisch und hat Witz. George Page hatte in Cham nach amerikanischem Vorbild eine gigantische Kondensmilch-Fabrik aufgebaut, die Anglo-Swiss Milk Company. Er hält schnell um Heidis Hand an. Die Ehe katapultiert Adelheid Page auf einen Schlag in die Welt der internationalen Verbindungen und Kontakte. Ihr Mann ist voller Respekt und Bewunderung für sie. Ihr Wort hat Gewicht.

 

Dank Adelheid werden in Cham zwei repräsentative Firmenvillen im Country-Stil gebaut. Dank ihr erhält die Fabrik ein repräsentatives Verwaltungsgebäude und einen fabrikeigenen Kindergarten. Dank ihr wird für die Belegschaft ein für das Personal kostenloser Kranken- und Unfallfonds eingerichtet. Adelheid agiert weitsichtig und betätigt sich wohltätig, da wo Bedarf ist. Als 1899 ihr Mann stirbt, übernimmt sie – die Entscheidungsfreudige - die Leitung des Unternehmens und bereitet es 1905 für die Fusion mit der Firma Nestlé vor.

 

Das dritte Leben von Adelheid Page beginnt schliesslich im Sommer 1909, als sie mit Todesschmerzen in ihrem Schlafzimmer liegt und knapp dem Tod entgeht. Die Ärzte haben die Hoffnung schon aufgegeben, da bringt die 56-Jährige in einem Testament ihren letzten Willen zu Papier: die Gründung einer Stiftung zwecks Realisierung einer Heilstätte für Tuberkulosekranke auf 850 Meter über Meer im zugerischen Unterägeri. Dank einer Not¬operation am Blinddarm überlebt Adelheid. Wieder zu Kräften gekommen, treibt sie das Projekt zielstrebig voran und übergibt den fertigen Bau 1912 betriebsbereit als Geschenk in die Hände der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons Zug (GGZ).

 

Aus dem Sanatorium für Tuberkulosekranke entwickelte sich ein schweizweit renommiertes Reha-Zentrum. Es trägt bis heute den Namen Klinik Adelheid und als stolze Trägerin fungiert noch immer die GGZ. Die Institution sorgt dafür, dass das eindrucksvolle und in der Region Zug prägende Wirken dieser ungewöhnlichen Frau in Erinnerung bleibt. Selbiges tun die Adelheid-Page-Strasse in Cham (ZG) und die Adelheid-Street in Dixon / Illinois, Heimatort von George Page. Am 15. September 1925 verlor der Kanton Zug seine grösste Wohltäterin. Damit fand ein an Engagement, Eigensinn, Mut und beeindruckenden Erfolgen reiches Leben seinen Abschluss.