Interviews

 

 

«WIR WAGTEN!»

 

Die beiden Sozialarbeiter Bruno Hanimann und Otto Erni haben massgeblich zur Gründung der Stiftung Phönix beigetragen. Als Pioniere erlebten sie eine Zeit voller Abenteuer, teilweise auch Widerstände, wie sie bei einem gemeinsamen Treffen feststellen.

 

von Sabine Windlin

 

Gründungsväter, Geburtshelfer, Wegbereiter, Steigbügelhalter … Wie lautet die von Ihnen bevorzugte Bezeichnung bezüglich Ihrer Rolle bei der Gründung der Stiftung Phönix ?

 

Otto Erni: Wegbereiter gefällt mir, denn bis zur Gründung der Stiftung war es tatsächlich ein langer Weg. Es gibt eine Vorgeschichte. Ich arbeitete ab 1969 als Sozialarbeiter beim Sozialmedizinischen
Dienst (SMD) des Kantons Zug und war Stellenleiter der «Alkohol- und Nervenfürsorge». Wir waren ein Amt der Kantonalen Sanitätsdirektion. Alle zwei Wochen boten wir eine ärztliche Sprechstunde für Leute an, die in der Klinik Oberwil oder in der Konkordatsklinik Littenheid behandelt wurden. Ein Psychiater hat die Patienten nachbehandelt und die nötigen Medikamente verschrieben. Meine Aufgabe bestand darin, diese Menschen im Alltag zu begleiten und zu unterstützen. Relativ bald wurde mir bewusst, dass es im Kanton Zug Anschlusslösungen für stationär behandelte Patienten brauchte, um deren Nachbetreuung sicherzustellen.


Bruno Hanimann: Ich hatte ab 1975 eine Anstellung als Sozialarbeiter in der Klinik Oberwil, dem damaligen «Franziskusheim». Ich war der erste und über viele Jahre hinweg einzige Sozialarbeiter in der Klinik. Dass es im Kanton Zug an sozialpsychiatrischen Anschlussangeboten fehlte, fiel auch mir bald auf. Ich erinnere mich an ein längeres Telefon mit einer Sozialarbeiterin der reformierten Kirchgemeinde Zug. Sie betreute eine Frau, die mangels alternativer Angebote immer wieder in die Klinik eingewiesen – man kann auch sagen – abgeschoben wurde, obwohl sie dort eigentlich überversorgt war. So erging es damals vielen Menschen.

 

Man sprach von der sogenannten Drehtür-Psychiatrie.


Otto Erni: Genau. Nach kurzem Krankenhausaufenthalt, bei dem sich die Symptome unter dem Einfluss der Medikamente schnell besserten, wurden die Patienten entlassen. Bei fehlender Nachsorge durch ambulante Dienste war mit einer baldigen erneuten Aufnahme des Erkrankten in eine psychiatrische Klinik zu rechnen. Den Patienten fehlte die Unterstützung für die Gestaltung des Alltags. Weder die Direktbetroffenen noch ihr Umfeld wussten, wie man mit dem Leiden umgehen könnte.


Bruno Hanimann: Der Mangel an ambulanten Alternativen führte dazu, dass sich die Krankheitssymptome chronifizierten und die Patienten stationär betreut wurden. Man stelle sich vor: Etwa die Hälfte der Patienten der Klinik waren damals sogenannte Langzeitpatienten. Finanzierbar war das nur, weil die Trägerschaft der Klink bei der Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Brüder lag und die Ordensleute praktisch für Gottes Lohn arbeiteten. Wir hatten damals sehr niedrige Tagestaxen. Die Krankenkassen übernahmen die Kosten aber nur zu einem kleinen Teil und leisteten bloss einen sogenannten «Ermessensbeitrag». Dies brachte so manchen Patienten zusätzlich in eine missliche finanzielle Lage. Ich erinnere mich: Ein Urner Bauer, der wegen einer schizophrenen Erkrankung immer wieder in die Klinik eingeliefert wurde, musste jeweils eine Kuh verkaufen, damit er die Klinik-Rechnung begleichen konnte.


Sie beide pflegten also lange vor der Stiftungsgründung den Kontakt miteinander ?


Bruno Hanimann: Ja, Otto kam regelmässig mit dem Zuger Amtsblatt zu uns in die Klinik. Gemeinsam schauten wir im Stellenteil nach geeigneten Arbeitsplätzen für die psychisch kranken Menschen.


Otto Erni: Viele von unseren Klinikpatienten waren arbeitslos oder wurden vom Arbeitgeber entlassen, weil man sie aufgrund ihrer Erkrankung im Betrieb nicht (mehr) brauchen konnte. Manche standen auch ohne Wohnung da, weil ihnen der Mietvertrag gekündigt worden war. Eine unhaltbare Situation: Die Krankheit verschlechterte oft auch die soziale Situation. Bruno besuchte mich regelmässig im SMD. Etwa alle zwei Wochen machten wir gemeinsam Kaffeepause und tauschten uns aus. Uns beiden schwebte vor, eine WG zu gründen, in der psychisch Kranke gemeinsam wohnen und bei Bedarf professionell betreut werden. Wir wollten die psychisch Kranken in die Gesellschaft rückintegrieren und waren der Ansicht, dass nebst körperlichen, neurologischen und psychischen Aspekten auch dem sozialen Umfeld eine Bedeutung zukommen müsste und die Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen sollte.

 

Schon bald wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, die sich regelmässig traf.


Bruno Hanimann: Und da wir beide nicht aus Zug waren, galt es zunächst, in der Region ein Beziehungsnetz zu knüpfen. Wir mussten Leute finden, die das Herz auf dem rechten Fleck hatten und nicht «Dienst nach Vorschrift» leisteten, sondern etwas bewegen und etwas Neues auf die Beine stellen wollten. Wir schauten uns diverse sozialpsychiatrische Institutionen und Wohnheime an, etwa in Uster, Heiden und Luzern. Solothurn beeindruckte uns ganz besonders, denn dort wurden von der Klinik selber 14 Wohngemeinschaften betrieben. Manchmal luden wir zu den Besichtigungen auch die Oberwiler Klinikärzte ein.


Otto Erni: Engen Kontakt pflegten wir damals auch zu Theo Sauner, dem Berufsberater der IV-Regionalstelle Luzern. Bei ihm stiess unsere Idee auf Zuspruch, und er nahm schon früh Einsitz in unserer Arbeitsgruppe.


Bruno Hanimann: Rückblickend waren wir schon ein wenig verrückt.


Wieso denn das ?


Bruno Hanimann: Der Zeitgeist tickte völlig anders. Mein Arbeitgeber, das Franziskusheim, stand damals in Verhandlungen mit anderen Kantonen der Zentralschweiz mit dem Ziel, das stationäre Angebot zu verdoppeln. Mit unserem Engagement wurden diese stationären Ausbaupläne tangiert bzw. hinterfragt.


Wie reagierte man in der Klinik auf Ihre Ansichten und Standpunkte ?


Bruno Hanimann: Chefarzt Dr. Fässler war nicht erfreut und sagte mir das auch. Er bestellte mich in sein Büro und machte deutlich, dass er meine Aktivitäten nicht gutheissen würde. Auch beim Rest der Ärzte kam mein Engagement nicht sonderlich gut an. Man befürchtete wohl, dass die Sozialpsychiatrie der Klinik Betten streitig machen und zur Konkurrenz heranwachsen könnte. Der Chefarzt stellte mich vor die Wahl: Entweder ich engagierte mich nicht mehr in der Sozialpsychiatrie oder ich müsste meine Stelle in der Klinik kündigen. Ich vertrat den Standpunkt, dass unsere Klinik an Image nur gewinnen könne, wenn wir im ambulanten Bereich fortschrittlicher würden. Dies überzeugte den Chefarzt schliesslich und ich konnte mich weiter für die Sozialpsychiatrie engagieren. Er wollte fortan immer auf dem neusten Stand sein, was in der Arbeitsgruppe lief. Übrigens: Die Ordensbrüder des Franziskusheims zeigten sich für die Sozialpsychiatrie von Anfang an offen und unterstützten uns, wo sie nur konnten. Nicht zuletzt dank ihnen kam der Stein ins Rollen.


Otto Erni: Mein Chef, Regierungsrat Thomas Fraefel, liess mir freie Hand und war bezüglich Sozialpsychiatrie weniger skeptisch. Ich glaube, er erkannte ziemlich schnell, dass Handlungsbedarf bestand. Allerdings war es nicht so einfach. Denn es war weder Geld noch eine geeignete Liegenschaft da, und beides brauchten wir, um unsere Ideen umsetzen zu können. Einmal hätten wir sogar die Möglichkeit gehabt, ein Einfamilienhaus in Baar für ein sozialpsychiatrisches Wohnheim zu kaufen, das sogenannte «Konkordiahaus». Wir schmiedeten bereits Pläne, wie wir Wohnen und Arbeiten unter einem Dach organisieren wollten. Da schnappte uns ein anderer Bewerber die Liegenschaft vor der Nase weg.

 

Das muss  für Sie frustrierend gewesen sein.


Otto Erni: Ja, aber wir liessen uns nicht entmutigen, machten einen zweiten Anlauf und reichten bei der Sanitätsdirektion ein Konzept für Sozialpsychiatrie ein. In der Folge stellte sich heraus, dass man dort gar nicht wusste, was mit dem Begriff gemeint war. Unglaublich!


Bruno Hanimann: Ehrlicherweise muss man sagen, dass wir ja anfangs auch keine grosse Ahnung hatten. In unserer Ausbildung zum Sozialarbeiter war die Sozialpsychiatrie noch kein Thema. Also mussten wir uns in die Materie einlesen. Wir konsultierten Literatur aus Amerika, wo man seit den 1930er Jahren bereits damit beschäftigt war, neue Formen der Psychiatrie zu erproben. Je länger je mehr zeichnete sich ab, dass für die Umsetzung unserer Ideen eine Stiftung gegründet werden musste.

 

Wie gingen Sie vor ?


Bruno Hanimann: Wir kontaktierten per Brief alle Ärzte und Anwälte, die wir kannten, und baten diese, uns bei der Bereitstellung des Stiftungskapitals zu helfen. Nötig waren 10‘000 Franken. Parallel dazu führten wir noch einen weiteren Kampf: Beim Bundesamt für Sozialversicherungen und bei der IV war die psychische Behinderung gar nicht existent bzw. kein Anspruchsgrund, um eine Versicherungsleistung zu beziehen. Auch hier bestand also Handlungsbedarf.


Otto Erni: Nachdem die Finanzierung der Stiftung gesichert war, mussten die Leute für den Stiftungsrat gefunden werden. Auch hier liessen wir unser mittlerweile gutes Kontaktnetz spielen und fanden innert kürzester Zeit 12 Personen, die mit uns den Stiftungsrat bildeten: Urs Hess, Leiter der Zuwebe; Gottfried Marty, Personalchef der Verzinkerei Zug; Rosmarie Huber, Psychiaterin in der Klinik Meisenberg; Armin Frei, Gemeinderat in Baar, eine Vertreterin der Klinik Littenheid; Anton Baumeler, Treuhänder; Dr. Raffaelle Falconi, Ärztin in der Klinik Meisenberg; Mario Stampanoni, Bauführer; Dorli Heimgartner, Geschäftsfrau und Kantonsrätin; Tino Jorio, juristischer Sekretär bei der Sanitätsdirektion, Theo Sauner, IV-Berufsberater, und auch Dr. Fässler, Chefarzt Klinik Oberwil, war mit im Boot. Mit diesem prominent und breit abgestützten Stiftungsrat waren die Voraussetzungen geschaffen, um in der Öffentlichkeit den Goodwill und das Vertrauen für Projekte in der Sozialpsychiatrie zu gewinnen.


Wurden Sie von den Medizinern als Leute vom Fach anerkannt ?


Otto Erni: Ja, die Diskussionen im Stiftungsrat fanden auf Augenhöhe statt. Unsere Meinung hatte Gewicht. Sehr intensiv setzten wir Sozialarbeiter uns damals mit dem Buch «Irren ist menschlich» von Klaus Dörner auseinander.

 

Das klingt nach einem Bestseller und Standardwerk.


Otto Erni: Richtig. Dörner, 1933 geboren, war einer der bekanntesten deutschen Sozialpsychiater. Mit seinem Buch hat er die moderne Versorgung psychisch kranker Menschen in den deutschsprachigen Ländern geprägt wie kein anderer. Dörner legte dar, dass es auf die Haltung ankommt, wie wir Menschen uns psychischen Beeinträchtigungen und Krankheiten annähern. Entscheidend an dem Paradigmenwechsel, der auch durch dieses Lehrbuch eingeläutet wurde, ist der veränderte Blickwinkel auf die Beziehung zwischen Betroffenen und professionellen Helfern in Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie und Pflege. So heisst es im Vorwort zu der Frage, warum der Titel «Irren ist menschlich» gewählt wurde: «Er soll uns daran erinnern, dass die Psychiatrie ein Ort ist, wo der Mensch besonders menschlich ist; wo die Widersprüchlichkeit des Menschen oft nicht auflösbar ist.»

 

Ermutigte Sie das Buch in Ihren Bestrebungen, die Situation von psychisch erkrankten Menschen zu verbessern ?


Otto Erni: Das Buch war eine Art Offenbarung für uns. In Teamsitzungen des SMD diskutierten wir die Ideen und Thesen von Dörner Kapitel für Kapitel. Wir waren überzeugt, dass es Alternativen zur «Psychi» braucht, auch für Menschen, die an einer chronischen Erkrankung leiden.


Erinnern Sie sich an den Abend des 22. Novembers 1977, als die Stiftung Phönix im Hotel Guggital gegründet wurde ?


Otto Erni: Hier lässt mich leider mein Erinnerungsvermögen im Stich.


Bruno Hanimann: Mir geht es genauso.


Wie sah es damals mit PR- und Öffentlichkeitsarbeit aus ?


Bruno Hanimann: Da waren wir sehr aktiv! Ein wichtiger Ansprechpartner für uns wurde im Laufe der Zeit die Vereinigung «Pro Mente Sana», die 1978 gegründet worden war. Sie realisierte eine Ausstellung, um die Öffentlichkeit über Sozialpsychiatrie aufzuklären. Diese Ausstellung konnte ich in die Klinik nach Oberwil holen, wir zeigten sie in der Tiefgarage der Personalhäuser. Dank dieser Veranstaltung wurde uns 1982 wieder ein Haus angeboten, und zwar am Rosenweg in Baar. Diesmal klappte es, und wir konnten eine WG planen. Allerdings fehlten uns noch die Patienten.


Aber das Bedürfnis nach solchen Plätzen war doch da !


Bruno Hanimann: Das schon. Aber die Kandidaten mussten zuerst in einer Trainingsgruppe auf das gemeinsame Leben in dieser WG vorbereitet werden. Bis es so weit war, zogen zwei Angestellte der Klinik Oberwil in das Haus. Als die Trainingsgruppe schliesslich parat war, zogen drei Leute in die externe WG ein: eine junge Frau, ein Mann um die vierzig und ein Mitfünfziger, der in der Klinik bereits seit 14 Jahren als Langzeitpatient betreut wurde. Dieser Mann strahlte beim Einzug und meinte sichtlich berührt: «Bruno, jetzt fange ich noch einmal ein neues Leben an!» Gemeinsam mit den Klienten gingen wir in der IKEA Möbel einkaufen.

 

Daran erinnern Sie sich noch ?


Bruno Hanimann: Oh ja, daran erinnere ich mich sogar noch sehr gut. Betten, Stühle, Tische, Geschirr, Vorhänge, alles musste organisiert werden. Das Einkaufen machte uns richtig Spass. Aber dann mussten die Möbel zusammengebaut werden. Tino Jorio, der Jurist, der uns in rechtlichen Fragen beriet, stand mit zwei linken Händen vor den Schränken und gab sein Bestes. Was haben wir gelacht!


Man würde nicht glauben, dass Psychiatriearbeit auch Spass machen kann.


Bruno Hanimann: Wir waren Feuer und Flamme für dieses Projekt! Da war auch viel Gratisarbeit im Spiel. Ich erinnere mich noch an eine weitere PR-Aktion: Der Kanton Zug organisierte am Tag der Behinderten im Jahre 1991 eine Veranstaltung. Doch das Thema der psychischen Behinderung wurde im Programm in keiner Art und Weise berücksichtigt. Wir protestierten und forderten ein Recht auf Mitgestaltung ein. Ich fragte einen Kollegen, der Pantomime war, ob er das Thema der psychisch Behinderten in irgendeiner Form aufgreifen könne. Auf dem Zuger Landsgemeindeplatz machte er schliesslich eine Performance mit einem endlos anmutenden, halb durchsichtigen Stoff. Mit diesem Requisit stellte er dar, dass psychisch Kranke oft mehrere und diffuse Wirklichkeiten
erleben: die reale Welt und eine von Gedanken, Wahrnehmungen und Gefühlen geprägte Wirklichkeit. Ein sehr wichtiges Instrument im Bereich PR war natürlich auch der Phönix-Brief, den die Stiftung unter Phönix-Präsident Rudolf Jäckli lancierte und der seither regelmässig herauskommt.


Mit welchem Blick schauen Sie heute auf ihr «Kind», die Stiftung Phönix ?


Bruno Hanimann: Ich habe mich einmal für die stellvertretende Leitung der Geschäftsführung der
Stiftung interessiert, merkte dann aber, dass das nicht geht. Man kann nicht als Stiftungsgründer neben einer Geschäftsführung agieren, die ihre ei eigenen Vorstellungen umsetzen möchte. Abgesehen davon musste ich feststellen, dass man sich im operativen Bereich mit enorm viel Administration herumschlagen musste: Zahlen, Statistiken, Abrechnungen, Leitbilder, Checklisten usw. wurden immer wichtiger. Unter diesen Rahmenbedingungen hätte mir die direkte Arbeit mit den Betroffenen und ihren Angehörigen gefehlt und ich wäre in dieser Funktion bestimmt nicht glücklich geworden. Also sah ich davon ab. Ich blieb aber bis 2015 im Stiftungsrat und damit dem Thema Sozialpsychiatrie auch noch Jahre nach meiner Pensionierung verbunden. Das Interview, das ich jetzt gebe, setzt einen idealen Schlusspunkt.


Otto Erni: Auch ich verfolge die Aktivitäten der Stiftung seit vier Jahren nur noch aus der Distanz und bin froh, dass die Angebote so professionell und vielschichtig sind. Mit dem Tageszentrum, mehreren Wohnheimen, Möglichkeiten des begleiteten Wohnens und einer psychiatrischen Spitex wurden massgeschneiderte Angebote geschaffen, die von der IV anerkannt sind. Das ist beeindruckend. Grösstmögliche Selbständigkeit und Autonomie, aber auch Mitsprache werden grossgeschrieben, was mich freut. Unsere Aufbauarbeit wurde vor 40 Jahren geleistet. Inzwischen hat sich die Stiftung etabliert, geniesst einen hervorragenden Ruf, verfügt über einen tollen Leistungsausweis und ist aus der sozialpsychiatrischen Versorgung des Kantons Zug nicht mehr wegzudenken. Es ist schön, wenn man sagen kann, man hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.


Bruno Hanimann: Mich freut es besonders, dass unser Zuger Modell später in den Konkordatskantonen Schwyz und Uri Vorbild war für die dortigen gleichnamigen Stiftungen. Auch da waren Otto und ich Geburtshelfer.


Sind sie beide eigentlich wesensverwandt?


Otto Erni: Das würde ich nicht sagen. Bruno war der Anreisser, ich agierte eher im Hintergrund. So haben wir uns ideal ergänzt.


Bruno Hanimann: Uns ging es immer um die Sache, nicht darum, uns zu profilieren. Worauf ich stolz bin: Wir haben etwas gewagt.

 

INTERVIEWENDE

 

Die Gesprächspartner


Bruno Hanimann, Jahrgang 1943, absolvierte nach der Oberstufe eine Lehre zum Hochbauzeichner und besuchte für ein paar Semester das «Abend-Tech», brach dieses jedoch ab, um sich an der «Schule für Soziale Arbeit» in Zürich zum Sozialpädagogen ausbilden zu lassen. Anschliessend nahm er verschiedene Funktionen wahr: so leitete er etwa ein Jugend- und Freizeithaus, machte eine Krankenvertretung in einem Universitätsspital und hatte eine Anstellung in einer Kirchgemeinde, wo er zum ersten Mal mit psychisch Kranken in Kontakt kam. Von 1975 bis 2004 arbeitete er als Sozialarbeiter in der Klinik Oberwil und war massgebend am Aufbau der Sozialpsychiatrie im Kanton Zug beteiligt. Von 1977 bis 2015 war er Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung Phönix. Er wohnt in Baar.


Otto Erni, Jahrgang 1944, besuchte das vom Salettiner-Orden geführte Gymnasium im sankt-gallischen Mörschwil. Als Jugendlicher wollte er Missionar werden und in einer Missionsstation in Angola arbeiten. Er studierte einige Semester Theologie und Philosophie, entschied sich nach einem neunmonatigen Noviziat jedoch für eine andere Laufbahn und liess sich am Heilpädagogischen Institut der Universität Fribourg zum Sozialarbeiter ausbilden. Er arbeitete von 1969 bis 2009 als Sozialarbeiter im Sozialmedizinischen Dienst des Kantons Zug und engagierte sich hier für den Aufbau der Sozialpsychiatrie. Von 1977 bis 2014 war er Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung Phönix. Er wohnt in Walchwil.