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AMBIVALENTES MUTTERGLüCK

 

Noch nie wollten Mütter so gut sein. Und kaum je fühlten sie sich so schlecht.

 

von Sabine Windlin

 

Gross ist das Feld von gesundheitlichen Problemen, das sich eröffnen kann, sobald die erste Euphorie über den positiven Schwangerschaftstest verklungen ist: Blutarmut, Atembeschwerden, Hämorrhoiden, Hohlwarzen, Krampfadern, Scheideninfektionen, Sodbrennen, Nierenbeckenentzündung, Venenthrombosen, Ischiasschmerzen, Toxoplasmose. Seriöse Ratgeber klären über alle möglichen Leiden auf, von denen wir noch nie zuvor gehört haben. Gleichzeitig sollen wir uns um eine positive, ausgeglichene Gemütslage bemühen. Denn das Baby bekommt alles mit: Freude und Zuversicht, aber auch Depressionen, Angstzustände, Unsicherheit und natürlich Stress.

 

Dieser Wohlfühl-Druck treibt Mütter ins Schwangerschaftsyoga, ins Schwangerschaftsschwimmen, ins Aquafit und autogene Training. Wer vor der Niederkunft keinen mehrwöchigen Geburtsvorbereitungskurs oder wenigstens ein paar Lektionen in Babypflege besucht, gilt als verantwortungslos. Und wenn Väter es vorziehen, dem Kreisssaal während der Geburt fern zu bleiben, werden sie von den Hebammen zusammengestaucht: Der Macho setzt sich nicht mit seiner neuen Rolle als Vater auseinander!

 

Unsere Mütter und Grossmütter hatten viel zu tun und weder Zeit noch Musse, während der Schwangerschaft Nabelschau zu betreiben. Ihre Einstellung zur Schwangerschaft war eher unsentimental, was nicht heisst, dass sie sich nicht aufs Baby freuten. Mit den körperlichen Begleiterscheinungen der Schwangerschaft waren sie vertrauter und machten deswegen nicht so viel Aufhebens darum. Sie wurden auf Grund ihrer blossen Geschlechtszugehörigkeit mehr oder wenig freudig Mutter und konnten ihre Mutterschaft dadurch beiläufig und distanziert erleben. Nach vier, fünf oder sechs Kindern hielt sich die Aufregung über die bevorstehende Niederkunft verständlicherweise in Grenzen. Und wie man Babys grosszieht, lernten die Mehrfachmütter by doing.


Ganz anders nehmen sich dagegen zeitgenössische Gepflogenheiten aus. Im Zuge der neuen Mütterlichkeit grassiert eine umfangreiche Selbsterfahrungsmentalität, die Mütter auf die absurdesten Ideen bringt. Vom Schwangerenbauch wird ein Gipsabdruck genommen. Die Schwangerschaft gilt als eine der «wunderbarsten» Zeiten, in der sich Mütter kraftvoll, schön, stark, üppig und majestätisch fühlen. Andere wiederum ertragen diese Phase nur schwer und leiden unter den verschiedensten körperlichen Symptomen und seelischen Missstimmungen, auf die der Partner richtig reagieren muss. Der Übergang vom Paar zum Elternpaar vollzieht sich unter Staunen und starken Gefühlen.

 

Das Gebären scheint im 21. Jahrhundert um ein Vielfaches komplizierter und gefährlicher zu sein als noch vor fünfzig Jahren. Zu hören ist von der unerfreulich verlaufenden Krankenhausgeburt, bei der die Gebärende sich von Ärzten entmündigt und gedemütigt fühlt, bis hin zur euphorisch erlebten Hausgeburt im alternativen Umkreis. Minutiöse und intensive Selbstbeobachtungen zelebrieren das Gebären als eine Feier weiblicher Potenz.


«Normale» Geburten scheint es praktisch nicht mehr zu geben. Die deutsche Psychologin Regine Schneider berichtet in ihrem Buch «Oh Baby» von Müttern, die von ihrer ersten Entbindung enttäuscht waren, weil sie so unkompliziert verlief: «Das Kind kam so schnell, dass ich gar nicht richtig hinfühlen konnte. Ich habe direkt nach der Geburt gesagt, das muss ich noch mal haben. Ich war so überrascht, ich fühlte mich richtig um das Geburtserlebnis betrogen.»


Warum kann eine komplikationsfreie Geburt nicht einfach als positives Ereignis betrachtet werden? Woher kommt dieser Drang, alles zu verkomplizieren? Weint das Kind, wenn es die Mutter im Kindergarten abgibt, bricht es er ihr das Herz. Springt es ihr abends, wenn sie es abholt, nicht sofort in die Arme, ist sie bitter enttäuscht.


Die Mutterschaft ist überall dort kompliziert geworden, wo es um die Bindung von Mutter und Kind geht. Die Mutter darf nicht mehr selber entscheiden, wie lange sie stillen will. Es gilt: je länger, desto besser. Flaschenmilch ist verpönt und nur akzeptiert, wenn die Mutter nicht anders kann. Gleichzeitig lernen wir von diplomierten Stillberaterinnen schon im Wochenbett Massagetechniken zur Vorbeugung eines möglichen Milchstaus und werden angehalten, Brust und Hände vor jedem Ansetzen zu sterilisieren. Wartet der Arbeitgeber nach dreimonatigem Urlaub auf unseren Einsatz, quälen wir uns mit Brustpumpen und hetzen den Partner mit eingefrorener Milch in die Kinderkrippe. Wir springen zum Doktor wegen Windeldermatitis, Soor und Bindehautentzündung und erscheinen wöchentlich brav bei der Mütterberatungsstelle, selbst wenn alles problemlos läuft. Nimmt ein Baby nicht jede Woche gleich viel an Gewicht zu, schlagen die Mütterberaterinnen Alarm. Ist ein Kind erkältet, wird es von der Krippenleiterin in Quarantäne geschickt, als hätte es die Pest.


Um 1900, aber auch in den Siebziger- und auch Achtzigerjahren wurde nicht häufig gestillt. Frau konnte nicht, hiess es. Konnte sie nicht, oder wollte sie nicht? Bei den Frauen der gehobenen Schichten grassierte die Angst vor der entstellenden Wirkung des Stillens auf den Busen, und noch waren die Mütter unberührt von psychologischen Erkenntnissen, die ihnen deswegen ein schlechtes Gewissen bereitet hätten. Wenn Mütter trotzdem lange stillten, dann vorab weil sie hofften, dadurch nicht allzu schnell wieder schwanger zu werden. Selbst wenn ein grosser Teil der Kinderpflege an bezahlte Kräfte delegiert wurde, konnten sich die Frauen damals als gute Mütter fühlen. Sie interessierten sich für ihre Kinder, aber es wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, mit ihnen zu spielen. (Heute sitzen im Sandkasten meist ebenso viele Mütter wie Kinder.) Die Beschäftigung mit den Kindern lief neben der aufwändigen Hausarbeit.


Heute ist es umgekehrt. Die Beschäftigung mit den Kindern steht im Vordergrund, während die auf ein Minimum reduzierte Hausarbeit nebenher läuft. Oder kennt jemand eine junge, berufstätige Mutter, die einen ganzen Tag der Woche dem Haushalt widmet? Fix eingebaut ist hingegen der «Kindertag», bei dem das Wohl des Kindes im Zentrum steht. Wir baden, backen, malen, spazieren, singen, sändeln, tanzen, rennen, basteln, schaukeln, beten, kneten, lesen, radeln, blödeln und glauben fest daran: Wir allein sind verantwortlich für die seelische Gesundheit und das Wohlergehen des Kindes.


Doch das Leben der Mütter wäre einfacher, wenn die Frauen weniger darauf versessen wären, «gute Mütter» zu sein. «Vielleicht sind Mütter gar nicht so ungeheuer wichtig für ihre Kinder, wie man sie glauben macht und wie sie selbst glauben möchten», schreibt die Sozialpsychologin Herrad Schenk in ihrem stark beachteten Sachbuch «Wie viel Mutter braucht der Mensch?». «Vielleicht sind Kinder sehr viel robuster, viel weniger zerbrechlich und beeinflussbar.» Warum akzeptieren so viele Frauen den Mythos, dass die Entwicklung ihres Kindes vorwiegend von ihnen abhängt? Warum gelingt es ihnen nicht, sich von dieser Mutter-Ideologie frei zu machen? Womöglich enthielte diese Einsicht eine tiefe Kränkung.