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GELIEBTER FEIND

 

Nachbarn hat man, ob man will oder nicht. Und meistens nur Ärger mit ihnen. Nun behauptet eine Studie das Gegenteil.

 

von Sabine Windlin

 

Wenn einer beweisen will, wie mutig er ist, spaziert er mit einem Davidstern um den Hals in eine Moschee in Karachi. Wenn ein Velofahrer zeigen will, wie gut trainiert er ist, fährt er eine Bergetappe der Tour de France. Und wenn eine Frau wie ich wissen will, wie nett ihre Nachbarn sind, fragt sie am besten nach einem Knäuel Schnur.


Ich bin eben eingezogen, kenne niemanden und mache diesen Test, um herauszufinden, wer hier sonst noch wohnt im Areal der ehemaligen Kistenfabrik in Zug. Die Siedlung heisst Eschenring: sechzig Mietwohnungen, siebzig Eigentumswohnungen. Ich wohne im zweiten Stock.


Gut die Hälfte der Schweizer Bevölkerung verbindet mit ihren Nachbarn angeblich positive Gefühle, lautet das Ergebnis einer im Auftrag von Pricewaterhouse Coopers soeben erstellten Studie des Markforschungsinstituts Publitest. Noch hege ich zwar überhaupt keine Gefühle für meine Nachbarn, aber das kann sich ja noch ändern. Wenn auch nicht angesichts des halbwüchsigen, halb nackten Albaners, der auf mein Klingeln hin aus dem Türspalt guckt. «Schnur?», fragt er mit einem Verpiss-dich-du-doofe-Kuh-Gesicht, um gleich hinterherzusetzen: «Wir brauchen nie Schnur.»


Die Nachbarin eine Etage höher erscheint mit Klobürstenfrisur und im Morgenrock an der Tür, hört sich meine Bitte geduldig an, sagt dann «Schnur», «Schnur», «Schnur» und schlurft durch alle ihre Zimmer. Schliesslich bittet mich ihre Schwester, mit der sie die Wohnung teilt, darum, in einer Stunde wiederzukommen. Dann fällt die Tür ins Schloss. An ihr hängt ein Salzteigrelief mit der Aufschrift «Home sweet home». Das werde ich mir merken.


Wer übrigens glaubt, Türschmuck wie vertrocknete Zwiebelkränze, verstaubte Plastikfrüchte und vergilbte Seidenblumen seien sichere Indikatoren für totales Spiessbürgertum, irrt. Der Holländer mit dem Porzellanschaf im Entree zum Beispiel zeigt sich erfreut über den unerwarteten Besuch. Kaffee gefällig für die neue Nachbarin oder lieber eine Tasse Tee? Woher man denn komme, was man denn arbeite, ob man verheiratet sei, will er wissen, und dann preist er seinen Balkon mit Abendsonne, als könnte es noch meiner werden. Zum Schluss lädt er mich anderntags auf ein Glas Wein ein. Das trinke ich dann doch lieber alleine auf meinem Balkon.


Unkompliziert auch der Italiener, dessen gepflegter Wintergarten den über-assimilierten Ausländer verrät. Seit dem Aushändigen des Schnurknäuels winkt er vertraulich hinter seiner Rosenhecke hervor, sobald er mich sieht, grad so, als wären wir jetzt beste Freunde. Süss auch der junge Hausmann, der mir zuliebe sämtliche Schubladen seines Küchenschranks leert und letztlich mit einem Stück Garn vor mir steht: «Sorry, ich find nichts anderes.»


«Ach, alle so nett hier!», jubiliere ich stumm, wobei der Kommentar des Mittvierzigers, ich müsse die Schnur nicht zurückbringen, nicht als Nettigkeit fehl interpretiert werden darf. Der Typ will mich offenbar einfach nie mehr wiedersehen.


Ob man sich aber nun Schnur, Eier, Salz, Kaffee oder Windeln ausleihen will - es ist am Ende nicht die Ausbeute, die etwas über die Stimmung in einem Wohnhaus aussagt, sondern die Art und Weise, wie auf ein Klingeln reagiert wird. Ängstlich-erschrocken, irritiert-überrascht oder locker-cool? Nach den ersten Augenblicken an der Tür ist immer sofort klar, ob man sich noch einmal freiwillig über den Weg laufen will.


Die Publitest-Studie weist auch noch darauf hin, dass aufgrund der hohen Besiedlungsdichte in der Schweiz (238 Einwohner pro Quadratkilometer) das Thema Nachbarschaft von höchster Wichtigkeit sei. In grösseren Städten wie Zürich, Basel, Bern und Genf kommen auf einen Quadratkilometer sogar mehr als 2000 Einwohner. Das heisst, die Devise im Hochhaus, wo sich Langweiler und Exzentriker, Betagte und Frischgeborene, Frohnaturen und Depressive, Partylöwen und Eigenbrötler Tür an Tür ein Territorium teilen, kann nur heissen: Arrangez-vous! Niemand muss seinen Nachbarn lieben, man muss nur mit ihm klar kommen. Das bedeutet, ein solides, schickliches, von Vernunft und den klassischen Einschränkungen (Zimmerlautstärke beim Musikhören, kein lauter Sex nach Mitternacht, Einhaltung des Waschplans) gelenktes Leben führen.


1558 Leute haben die Publitest-Leute befragt. Die Mehrheit erlebt den Nachbarn als sehr, beziehungsweise als ziemlich freundlich, zurückhaltend, hilfsbereit, anständig, tolerant und offen. Auch braucht es offenbar wenig, um als sympathische Nachbarin zu gelten. Für den Grossteil der Befragten sind es vor allem kleine Dinge, die ein gutes Verhältnis ausmachen. Dazu gehören Grüssen im Treppenhaus, Post leeren, Pflanzen giessen bei Ferienabwesenheit, Erledigen von Einkäufen sowie gelegentliche Chauffeurdienste. Das leuchtet alles ein. Worüber die Studie allerdings nichts sagt, was aber leider trotzdem eine unumstössliche Tatsache bleibt: Ein einziger Arsch kann ein ganzes Haus terrorisieren.


«Miteinander reden», empfehlen die Leute von der Nachbarschaftsstudie. Das nehme ich mir zu Herzen und eile gleich nach unten zur deutschen Studentin, um mich dafür zu entschuldigen, dass meine Kinder vom Balkon aus den kompletten Inhalt eines Aschenbechers in ihren Garten geleert haben.


Nicht repräsentativ übrigens ist jener übellaunige Schweizer, der auf mein Klingeln hin im Türrahmen auftaucht. In Trainingshose und Adiletten steht er da, glotzt die ungebetene Besucherin an und klärt darüber auf, was seiner Meinung nach unbedingt in einen Haushalt gehört: «zum Beispiel Paketschnur, in Gottes Namen!». Auch der Mieter im Erdgeschoss hält mir eine Standpauke über die «heutigen, schlecht organisierten Hausfrauen». Ich stelle mich tot, bis er plötzlich doch noch einen Knäuel Schnur holt. Mit konzentrierter Miene schneidet er exakt zwei Meter Schnur ab und fragt dann spitz: «Reicht das?»


Das alte Ehepaar im obersten Stock jedoch stimmt mich wieder versöhnlich. Es bittet mich herein und erklärt mir das Panorama mit Bürgenstock, Pilatus, Rigi, Schreckhorn, Stanserhorn, Eiger, Mönch und Jungfrau. Zum Schluss empfehlen sich die zwei sogar als Babysitter, «wenn mal alle Stricke reissen». Ich finde, das ist schon mehr als Nachbarschaftsliebe. Das ist Nächstenliebe.


In Sachen Schnur bleibt der Erfolg mässig. Nach einer Stunde Hausieren und Klingeln an achtzehn Haustüren (wovon zehn geöffnet wurden) zähle ich acht Schnurknäuel. Ich werde alle acht wie versprochen - zur Förderung des gegenseitigen Kontakts und Intensivierung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens - wieder persönlich den rechtmässigen Besitzern aushändigen. Und was mache ich mit dem Knäuel des Mittvierzigers, der nicht auf einer Rückgabe bestanden hat? Gerade bei ihm würde ich zu gerne noch ein weiteres Mal klingeln.