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BEHAGLICH STATT TRENDIG

 

In der Therapiestation Sennhütte gibt man sich punkto Inneneinrichtung bescheiden. Dank einer Spende der Wasserwerke Zug konnten nun doch ein paar Anschaffungen getätigt werden.

 

von Sabine Windlin

 

Was bedeutet Ihnen die Spende?
Wir haben uns sehr gefreut, dass die Wasserwerke Zug die Sennhütte mit einer Spende von 6‘500 Franken unterstützt. Denn sie ermöglichte es uns, die Einrichtung in den zehn Zimmern zu erneuern. Konkret konnten wir in die Jahre gekommene Matratzen, Sessel, Lampen, Vorhänge und Regale ersetzen. Berücksichtigt wurde auch die von uns gemietete 3-Zimmer-Wohnung in Neuägeri, wo jeweils zwei Klienten wohnen, die kurz vor dem regulären Austritt stehen.

 

Brockenhaus und Ebay waren kein Thema?
Doch. Um das Budget nicht übermässig zu belasten, suchten wir auch online bei Riccardo und haben dort qualitativ gute und preiswerte Occasionssessel gefunden. Aus dem Möbellager der Firma Roche konnten wir gratis gut erhaltene Bürosessel und ein super bequemes Ledersofa mitnehmen. Wir müssen nicht das Neuste und Trendigste haben. Mir ist einfach wichtig, dass das Haus insgesamt eine gemütliche Atmosphäre ausstrahlt. Würden kaputte Möbel rumstehen, wäre dies ein falsches Signal an die Klienten, für die die Sennhütte nicht einfach eine Durchgangsstation ist, sondern ein Zuhause für durchschnittlich ein Jahr.

 

Auf Ordnung und Sauberkeit wird ebenfalls Wert gelegt.
Beides ist uns wichtig. Bestimmte Regeln müssen einfach eingehalten werden, sonst wird’s chaotisch. Insofern funktioniert das Zusammenleben der zu therapierenden Klienten wie in einer Wohngemeinschaft. Letztlich geht es um Lebensqualität, die bei Menschen mit schwerwiegender Suchtproblematik neu definiert und bewertet werden muss. Dazu gehören auch die Wohnqualität und die Bereitschaft, für einen gemeinsamen Haushalt Mitverantwortung zu tragen.

 

Für kleinere Reparaturen im Haus legen die Klienten selber Hand an?
Kleine Unterhaltsarbeiten erledigt unser Personal mit Unterstützung der Klienten. Der Vorteil ist, dass wir über eine hauseigene Metall- und Holzwerkstatt verfügen und einige Klienten handwerklich sehr begabt sind, teilweise sogar einen entsprechenden beruflichen Background mitbringen. Der sorgfältige und kostenbewusste Umgang mit Spendengeldern und Geldern der öffentlichen Hand ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Wenn ein Klient auszieht, streichen wir die Wände jeweils selber und sparen so die Kosten, die man für einen professionellen Maler bezahlen müsste. Wir haben uns beispielsweise auch überlegt, statt neue Betten zu kaufen, diese in unserer Holzwerkstatt selber anzufertigen. Als wir aber realisierten, dass dies teurer käme, sahen wir davon ab.

 

Die familiäre Atmosphäre hier – ein Vorteil?
Sie ist mit ein Grund, warum sich Klienten für die Sennhütte entscheiden. Es gibt Institutionen der stationären Suchttherapie, die dreimal so gross sind wie wir und dadurch anonymer. Wir pflegen auch Kontakt zu den beiden Bauernhöfen in unmittelbarer Nachbarschaft, die der Sennhütte wohlgesinnt sind. Eine Klientin kann bei unserem Nachbarn ein Praktikum machen und kümmert sich tageweise um die Pferde, die nur wenige Meter von hier ihren Stall haben.

 

Manche GGZ-Spender möchten explizit nicht, dass ihr Betrag der Sennhütte zu Gute kommt.
Ich akzeptiere das und habe kein Problem damit. Primär ist es toll, wenn Leute für die GGZ spenden. Wenn dann noch präzisiert wird, wohin das Geld fliessen soll, heisst das ja auch, dass sich der Geldgeber intensiv mit der GGZ und ihren Institutionen auseinandersetzt. Es gibt nun mal Firmen, die nicht mit Suchttherapie in Verbindung gebracht werden möchten, sondern lieber für den Ferienpass oder die GGZ-Beschäftigungsprogramme von Arbeitslosen spenden.

 

Bestehen Vorbehalte gegenüber der Suchttherapie?
Das kann sein. Vielleicht ist der Spenderfirma auch die Problematik zu wenig vertraut, weil sie niemanden kennt, der davon betroffen ist. Falls sich jemand ein Bild von der Sennhütte machen möchte, stehen die Türen offen. Wir verstecken uns nicht. Im Gegenteil: Immer mal wieder klopfen im Sommer Wanderer an; sei es, weil sie etwas trinken möchten, eine Toilette suchen, sich für unsere Objekte aus der Werkstatt oder den schönen Garten und die Obstbäume interessieren.

 

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Barbara Ingenberg, Jg. 1957, leitet die Fachinstitution für Suchttherapie Sennhütte seit 2009. Sie stammt aus dem Ruhrgebiet und wohnt seit zwölf Jahren in Zug.