Kolumnen

 

 

DER FLUCH VON BONDAGE

 

Jeder Journalist wird im Laufe seines Schaffens mal zu einem Artikel verknurrt, den er gar nicht schreiben möchte. Manche Geschichten wird man – Google sei Dank – sein Leben lang nicht los.

 

von Sabine Windlin

 

Es zeugt von Eitelkeit, Gefallsucht und von einer  – Journalisten generell stark anhaftenden Eitelkeit – aber ich gebe zu: Mein Google-Ranking stresst mich.  Da schreibt man während bald fünfzehn Jahren hunderte von Texte, und was erscheint an prominenter Stelle der Hitliste? Jene zwei Beiträge, die man am liebsten nie geschrieben, geschweige den veröffentlicht hätte. So kommt es, dass ich in der webweiten Welt als Spezialistin für Sado-Maso-Spiele und Hundedepressionen gelte. Den einen Text habe ich aus Goodwill, den anderen aus Geldgier geschrieben.

 

Fangen wir beim ersten an. Es war bei FACTS – Sie erinnern sich an das Nachrichtenmagazin, das alle schlecht fanden. Auf dem Büchertisch der Redaktion lag «Bondage»», ein Buch über erotische Fesselspiele mit dem Untertitel «Ausstieg aus der Selbstkontrolle». Niemand wollte den Sex-Ratgaber des Berliner Autors Tom Schmitt besprechen. Aber der damalige Chefredaktor (er arbeitet jetzt bei der Weltwoche) drängte so lange («Sex sells»...!), bis ich nachgab, das verdammte Büchlein zu mir nahm, es widerwillig las und dazu 7000 Zeichen verfasste. Der Text erschien unter dem Titel «Fest geschnürt», illustriert mit einem paar fesselnden Fotos, im Ressort Gesellschaft. Meine Kollegen geizten daraufhin nicht mit erwartungsgemäss sehr witzigen Kommentaren («Ist das Dein neues Spezialgebiet? ha-ha»)  aber die werden, dachte ich, mit der Zeit verstummen.

 

Weit gefehlt! Noch Jahre nach dem Erscheinen musste ich mir die saublöden Sprüche anhören: «Na, Du scheinst ja eine Affinität zu libidinösen Spielchen zu haben», feixten meine Kollegen, um mich ungeniert auch noch auszufragen: «Welche Schnüre verwendet man denn da? Bringt man die Knoten auch wieder auf? Und wie ist das schon wieder mit dem Codewort?» Ich konnte abermals betonen, dass ich mit der Sache nichts am Hut habe und mich damals nur geopfert hätte, das Sado/Maso-Buch zu besprechen, weil sich sonst niemand zur Verfügung stellte. Es nützte nichts. Bei einem Vorstellungsgespräch meinte ein Gegenüber einmal scheinheilig, dass ich «offenbar» auch Buchrezensionen schreibe und zwinkerte frivol mit einem Auge. «Nur sporadisch», entgegnete ich zerknirscht.

 

Den zweiten Text schrieb ich für den Beobachter, der einen Beitrag über depressive Hunde wollte. Ob ich Zeit hätte? Die hatte ich leider tatsächlich, da meine Auftragslage nicht sonderlich komfortabel und ich alles andere als ausgelastet war. Zudem bezahlte der Beobachter nicht schlecht. Ich sagte also trotz Hundeaversion zu, reiste mit dem Zug nach Bern, mit dem Bus weiter ins Tierspital und liess mich von einer äusserst gesprächigen, auf Verhaltensmedizin spezialisierten Tierärztin eine Stunde lang über die Psyche von Hunden aufklären. Es war eine Qual. Zurück im Büro verfasste ich 4000 Zeichen, die, fotografisch begleitet von einem zotteligen Pudel, unter dem Titel «Ausgebrannte Hunde – Burnout auf vier Pfoten» im Beobachter erschienen. Das Belegexemplar, das mir der zuständige Redaktor schickte, schmiss ich sofort ins Altpapier. Aus den Augen, aus dem Sinn.

 

Google sei Dank nicht. «Ausgebrannte Hunde» und «Ausstieg aus der Selbstkontrolle» lauten die Stichworte, die das Netz wohl auf immer und ewig mit meinem Namen verbindet, wobei die Rezension des Sexbuchs auch noch von unzähligen Schwulen-Websites übernommen wurde, und ich dort jeweils als sachkompetente Pressestimme zitiert werde. «Die FACTS-Journalistin Sabine Windlin über Bondage.» Ich könnte mich ohrfeigen! Und nutzte die Gelegenheit, um ein für alle mal klarzustellen: Ich habe noch nie jemanden (in erotischem Kontext) gefesselt, und auch Umgekehrtes fand nie stand. Hunde interessieren mich zudem, selbst wenn sie unter Depressionen leiden, nicht die Bohne.