Interviews

 

 

«ICH WOLLTE EINEN SKANDAL»

 

Die Zuger Regierungsrätin blickt auf 12 Jahre in der Exekutive zurück und erklärt, warum sie bewusst einen Skandal provozierte und wie sich die Mitglieder des Regierungsrates auf Schulreisen anstellen.

 

von Sabine Windlin

 

Wie ich vernommen habe, nahmen Sie sich zu Beginn Ihrer Amtszeit den Vorsatz, jedes Jahr einen handfesten Skandal zu produzieren. Wie kamen Sie denn auf diese Idee?

(lacht). In meinem ersten Amtsjahr schlugen die Wellen hoch, als ich Lukas Niederberger, ehemaliger Direktor des Lassalle-Hauses Bad Schönbrunn, als interimistischen Leiter für die Abteilung Asyl im Kantonalen Sozialamt anstellte. Niederberger ist Theologe und ehemaliger Jesuitenpater, ein unkonventioneller, charismatischer Typ, der Rückgrat zeigt und eine eigene Meinung vertritt. Kurz: ein Mann mit Ecken und Kanten und keiner 0815-Biographie. Hinzu kam: Niederberger versteckte einen papierlosen Flüchtling aus Sri Lanka vor den Behörden, um dessen Ausschaffung zu verhindern. Sein Einsatz führte im Jahr 2003 zu einem Wiedererwägungsverfahren durch das damalige Bundesamt für Migration; der Mann wurde als Flüchtling anerkannt und erhielt sogleich eine Niederlassungsbewilligung C. Die Anstellung Niederbergers in meiner Direktion sorgte im Parlament, in der Öffentlichkeit und in den Medien für riesigen Aufruhr: 9 redaktionelle Beiträge und 44 Leserbriefe. Wenn das kein Skandal ist!  In einem Leserbrief wurde ich gar als «alternatives, doppelköpfiges Raubtier» bezeichnet, das - statt von den «gestandenen, bürgerlichen Mannen domestiziert» zu werden - im Gremium zur «Zirkusdirektorin» mutierte. Um ehrlich zu sein: überrascht war ich von der ganzen Empörung nicht. Im Gegenteil: Ich rechnete sogar damit. Genau darum kam ich ja - im Rahmen einer nicht ganz ernst gemeinten Wette - auf die Idee, in regelmässigen Abständen einen so genannten «Skandal» zu produzieren. Ich schaffte es jedoch nicht.

 

Der Regierungsrat regiert nicht nur, sondern unternimmt einmal im Jahr auch eine «Schulreise». Können die sieben Alphatiere auch gemeinsam Spass haben und mal nicht über Politik reden?

Das geht sogar hervorragend! Unsere gemeinsamen Aktivitäten sind mir in bester Erinnerung. Einmal beschäftigten wir uns mit dem so genannten «Riemann-Thomann-Modell», um herauszufinden, welche Arbeitstypen wir sind. Auch schon haben wir zusammen gekocht, waren Mountainbike oder Trottinett fahren und haben uns im Schweissen geübt. Im vergangenen Jahr sind wir gemeinsam - unter fachkundiger Leitung des See-Clubs Zug - auf dem Zugersee ins Ruderboot gestiegen. Das Programm für die Schulreise darf übrigens immer der amtierende Landammann auswählen. Ich entschied mich fürs Rudern, weil diese Aktivität auch eine gruppendynamische Komponente hat: Schaffen wir es, gemeinsam eine Strecke zurückzulegen ohne zu kentern? Mit Kraft alleine ist es nämlich nicht getan, es braucht auch Technik, Konzentration und Balance. Und noch etwas haben wir gelernt: Rudern gehört zu den zyklischen Sportarten, das heisst: es gehen gleichartige Bewegungen im fliessenden Wechsel zwischen Spannung und Entspannung ineinander über. Kurz: ein guter Ruderschlag hat keinen Anfang und kein Ende.