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WIRKEN IM WAHRZEICHEN

 

Die 40 Seiten umfassende Publikation wurde von Christine Suter (Kobal Grafik, Zug) gestaltet und entstand anlässlich des 70. Geburtstages von Hans Voorgang, Eigentümer des Liegenschaftskomplexes Untermüli. In der farbigen Publikation werden die Mieter der Untermüli 1 bis 5 in grossformatigen Fotos porträtiert. Da ich selber zur Mieterschaft gehöre, steuerte ich das Editorial bei.

 

Editorial - Traumfabrik Untermüli

 

Dass es in der globalisierten Kleinstadt Zug noble und teure Büroräume zur Genüge gibt, ist Managern, Treuhändern und Rechtsanwälten bekannt. Aber nur wir Mieterinnen und Mieter der Untermüli wissen, was es heisst, an einem wirklich exklusiven Ort zu arbeiten.

 

Was für ein Anblick, wenn wir früh morgens oder – falls in der Kreativbranche tätig – etwas später mit dem Velo, Auto oder auch zu Fuss den grosszügigen Vorplatz erreichen! Ein Traum von einer Liegenschaft liegt uns da zu Füssen und lädt uns ein, den Arbeitstag zu starten. Wir schlendern Richtung Rampe, leeren den Briefkasten und treffen auf bekannte Gesichter: «Grüezi Herr Ehrbar», «Hoi Caro», «Sali Bruno, bisch fit?» Dann verschwinden wir in den Eingängen Nr. 1, 3 oder 5 und legen los.

 

Die Teppichetage kann uns gestohlen bleiben, wir bevorzugen alten Holzriemen- oder Zementboden. Nun ja: die betagten Fenster mit Gusseisenrahmen und Einfachverglasung können mit dem Minergie- Standard zwar nicht mehr mithalten und die Erschütterungen während des Baus der Unterführung Feldstrasse gingen nicht spurlos am Transformatorenhäuschen vorbei. Doch keine Frage: wir lieben die Patina und den Charme, der diesem grosszügigen Backsteinbau mit den unverwechselbaren Treppengiebeln, dem grossflächigen Satteldach und der verzinkten Feuertreppe zu eigen ist.

 

Was heisst denn hier wir? Gestalter und Fotografen, Designer und Künstler, IT-, Marketing-, Medien- und Personalspezialisten, Architekten, Historiker und Webpublisher, Tüftler und Texter. Kurz: fleissige Dienstleister aus den unterschiedlichsten Branchen beleben diesen Ort. Viele davon kennen sich seit Jahren und hecken zusammen Projekte aus, andere wiederum arbeiten einvernehmlich als «Einzelmasken» an ihren Aufträgen. Zurecht werden wir dafür beneidet, Teil dieses Konglomerats zu sein und das Lebensdrehbuch dieses interessanten Areals in irgendeiner Art und Weise weiterschreiben zu dürfen.

 

Das grosse blaugelbe Firmenschild an der Frontfassade erinnert daran, was hier zwischen 1937 und 2002 produziert wurde: Orris Speise- fett. Zwischen 18 und 20 Tonnen pro Tag. Für Bäckereien, Kondito- reien und industrielle Lebensmittelhersteller wie den legendären Teighersteller «Leisi» (ältere Semester erinnern sich an den genialen  Werbespot von 1984: «De Teig no sälber rolle, nei Sii, nämed Si dä Quick vom Leisi») A propos Backen. Noch früher, nämlich Ende des 19. Jahrhunderts wurde in der «Untermühle» Getreide gemahlen; höchst fortschrittlich mit Strom vom Lorzenkraftwerk: Es handelte sich um die zweite vollautomatische Mühle der Schweiz.

 

Wir haben alles hier, was wir brauchen: günstige und helle Räume, interessante Bürogemeinschaften, Rückzugs- und Begegnungsmöglichkeiten, Stauraum, Blick ins Grüne oder auf Geleise und einen motivierten Hauswart, der zur Stelle ist, wenn man ihn braucht. Parkplätze, Tief- garage, Veloständer – alles da; und gleich um die Ecke eine umwerfend schöne Bar namens «Niente», wenn wir nichts ausser Pause machen oder uns after work auf ein Glas Wein treffen wollen. Greifbar nah der Hauptbahnhof, die S-Bahn und die Autobahn. Mehr Standortvorteil geht nicht.

 

Nicht zuletzt dürfen wir uns auch noch damit brüsten, in einem Gebäudekomplex zu arbeiten, der mit dem Prädikat «bauhistorisch wertvoll» ausgezeichnet wurde. Weil hier nicht nur Architektur-, sondern auch Technik- und Wirtschaftsgeschichte geschrieben worden ist, haben die kantonalen Behörden das 1898 im neugotischen Stil erbaute Haus im Jahre 2002 unter Denkmalschutz gestellt.

 

Gott sei Dank! So sind wir beruhigt, dass nicht eines Tages – wie so vielerorts in Zug – die Bagger auffahren und das schöne Fabrikge- bäude zwecks Verdichtungsanspruch dem Erdboden gleichmachen, um an Ort und Stelle einem gewinnmaximierten Büroturm Platz zu bieten. Es stimmt eben doch: Gute Ideen gedeihen (in klugen Köpfen) vor allem dann, wenn das Ambiente stimmt. Denkmal kommt von denk-mal.  (Die Schreibende experimentiert mit Buchstaben im ehemaligen chemischen Labor.)

 

Gesellige Grillade über Mittag an der Festbank- und Tischgarnitur auf der schattigen Rampe? Ein Ping-Pong-Match unter Kollegen zur Lockerung der Hirnzellen? Ein Picknick auf dem bekiesten Vordach mit Blick auf den Recycling-Betrieb im Ökihof? Oder gar eine spontane Party mit Tanzeinlage im Südflügel, die bis zum Morgengrauen dauert? In der Untermüli ist es möglich.  Ein Glückspilz, wer in diesem Wahrzeichen der Fabrikarchitektur an der Stadtgrenze von Zug und Baar wirken darf. Deshalb sagen wir Ihnen, Herr Voorgang, einfach nur ganz herzlich:


DANKE und ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG