Interviews

 

 

DANKBAR FüR DEN WOCHENEINKAUF

 

Juljeta Borova ist alleinerziehende Mutter von fünf Töchtern und nutzt das Angebot von „Tischlein deck dich“. Der Wocheneinkauf schont ihr Budget und ist jedes Mal ein Highlight für die Familie.

 

von Sabine Windlin

 

Sie sind Kundin bei „Tischlein deck dich“. Kaufen Sie ausschliesslich hier ein?
Nein, denn die Lebensmittelabgabestelle an der Altgasse in Baar ist nur einmal pro Woche offen, jeweils am Dienstagabend zwischen fünf und sechs Uhr. Ein Einkauf kostet einen Franken, unabhängig von der Menge. Ich als Mutter von fünf Töchtern, die 22, 20, 18, 14 und 12 Jahre alt sind und alle noch zu Hause wohnen, darf natürlich mehr einkaufen als jemand, der alleine in einem Haushalt lebt.


Eine Stunde pro Woche ist ein schmales Zeitfenster. Gibt es keinen Kampf um die Lebensmittel?
Nein. Wenn es von einem Produkt wenig hat, packt man nicht einfach alles ein, nur weil man das mag. Man schaut, dass es für alle reicht, nimmt Rücksicht. Ich nutze das Angebot nun seit über zehn Jahren und die Stimmung vor Ort ist immer angenehm. Verändert hat sich nur die Anzahl der Kunden. Früher kamen jeweils nur etwa 20 Leute. Jetzt sind es deutlich mehr.

 

Müssen Sie nachweisen, dass Sie bedürftig sind?
Ja, ich musste bestimmte Papiere beschaffen und von einer offiziellen Stelle eine Bestätigung vorweisen, dass ich zum Einkauf hier berechtigt bin. Bis vor zwei Jahren erhielt ich diese Bestätigung vom Sozialamt, seit ich dort nicht mehr angemeldet bin, erhalte ich die Berechtigung von einer kirchlichen Organisation. Ich kann nachweisen, dass mein Einkommen das Existenzminium nicht übersteigt.

 

Hatten Sie anfangs keine Hemmungen, zur Abgabestelle zu gehen und sich quasi als „arm“ oder „armutsbetroffen“ zu outen?
Nein, im Gegenteil. Ich bin dankbar und komme jede Woche mit einem Lachen hierher. Meine Mädchen und ich, wir freuen uns immer auf den Einkauf. Wir sind gespannt, was im Angebot ist und überlegen uns dann, was wir mit den Lebensmitteln Feines kochen können. Wir backen beispielsweise oft Pite, mazedonisches Fladenbrot, das man mit allerlei Gemüse belegt. Beim „Tischlein deck dich“ gibt es nicht jede Woche das Gleiche. Praktisch immer im Angebot sind Brot, Getränke, Käse, Chips, Pizza, Konserven, Mehl, Zucker, Öl und Essig. Milch und Gemüse gibt es leider nur selten. Neulich gab es dafür Glacé. Da haben wir uns bedient.

 

Viele Schweizer fahren ins Ausland, um günstig einzukaufen.

Das mache ich auch, meist zusammen mit einer Kollegin. Es lohnt sich vor allem für Backutensilien, Eier, Rahm und Hygieneartikel. Da kann man massiv sparen. Auch im Caritasladen in Baar kaufe ich ein.

 

Sind Sie berufstätig?
Ja, ich arbeitete lange als Verkäuferin, habe dann meine Stelle verloren und war eine Zeit lang arbeitslos. In dieser Phase ging es mir auch gesundheitlich schlecht. Jetzt fühle ich mich wieder besser, arbeite in einem 50-Prozent-Pensum als Reinigungskraft und in einem 40-Prozent-Pensum als Hauswartin in einem Schulhaus. Dazu mache ich den eigenen Haushalt.

 

Sie sind zu 90 Prozent erwerbstätig und das Geld reicht trotzdem kaum für Ihre 6-köpfige Familie. Ist das nicht frustrierend?
Klar wäre es schön, nicht jeden Franken zweimal umdrehen zu müssen. Vor allem gegenüber den Kindern wäre ich manchmal gerne etwas grosszügiger, würde gerne mit ihnen öfters einen Ausflug machen oder in die Ferien verreisen. Aber die Situation ist nun mal so, wie sie ist. Wichtig ist mir, dass ich Geld verdiene und nicht vom Staat abhängig bin. Das Problem ist: Ich habe keine Ausbildung absolviert und mit 16 Jahren geheiratet. Dann sind die Kinder gekommen. Ich wollte das so, und für meinen Mann, von dem ich inzwischen geschieden bin, war die Situation damals auch in Ordnung. Jetzt, mit 38 Jahren, weiss ich, dass die Entscheidung, auf eine Ausbildung zu verzichten, nicht klug war.

 

Wie kommen Ihre Töchter mit der Situation klar? Für viele Zuger Teenager ist es selbstverständlich, dass für alles genügend Geld da ist.
Meine Töchter beklagen sich nicht. Im Gegenteil: Sie sind mein Ansporn, meine grösste Freude. Auf sie bin ich stolz. Wir verstehen uns sehr gut und auch von der Schule erhalte ich nur positive Rückmeldungen, ja sogar Komplimente für meine Kinder. Das freut mich, denn schliesslich habe ich sie aufgezogen. Die Mädchen sind meine grösste Stütze. Sie helfen mir im Haushalt und tragen mit dazu bei, dass wir finanziell durchkommen. Natürlich hätten vor allem die Älteren gerne ein eigenes Zimmer, in das sie sich zurückziehen könnten, aber das liegt nicht drin. Das Wichtigste ist, dass nun meine Töchter alle eine gute Au bildung machen. Sie sollen es einmal besser haben als ich.

 

Sind derzeit alle noch in der Ausbildung?
Ja, die 22-Jährige hat nach der Lehre als Fachangestellte Gesundheit gearbeitet und studiert nun an einer Fachhochschule im Bereich Pflege weiter. Die 20-Jährige schliesst im Sommer die Ausbildung als Fachfrau Betreuung ab. Die 18-Jährige macht an der Fachmittelschule die Matura und will später Lehrerin werden. Die 14-Jährige besucht die Oberstufe, weiss aber noch nicht, was sie werden will. Und die 12-Jährige ist noch in der Primarschule und möchte später Rechtsanwältin werden.

 

Und wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Ich würde auch gerne eine Ausbildung machen. Aber gerade jetzt, da zwei der Kinder in der Pubertät sind, ist nicht der optimale Moment. Meine Mädchen machen mir aber Mut und sagen immer: „Mama, eines Tages holst Du Deine Ausbildung nach, spätestens dann, wenn wir alle ausgezogen sind.“