Interviews

 

 

USE IT OR LOOSE IT!

 

Ursi Gasser beschäftigt sich mit Gleichgesinnten in einem Sprachkurs intensiv mit englischer Literatur. Die intellektuelle Herausforderung macht ihr grossen Spass. Auch das „Socialising“ kommt nicht zu kurz.

 

von Sabine Windlin

 

Leute, die Englisch in einem Sprachkurs lernen, gibt es viele. Aber wie kommt man zu einem Kurs „English through Literature“?
Ich war schon immer ein Sprachfreak, nahm an der Kantonsschule Unterricht in Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch. Auch für Literatur begeisterte ich mich schon als Jugendliche. Als ich mich beruflich noch in einem internationalen Umfeld bewegte, war Englisch Teil meines Alltags. Ich las, sprach und schrieb in Englisch. Das hat sich, als die Kinder zur Welt kamen, verändert, und allmählich brauchte ich das Englisch nur noch mündlich. Ich fand das schade.

 

Hatten Sie Angst, dass Sie sprachlich nicht auf dem gleich hohen Level blieben?
Nein, es war mehr die Lust nach einer neuen intellektuellen Herausforderung, die mich für den Kurs motivierte. Ich hatte das Bedürfnis, mich wieder intensiver mit der Sprache auseinanderzusetzen, und suchte nach einem Literaturkurs, wo man auf Gleichgesinnte stiess. Zu meinem Erstaunen fand ich nirgends etwas Entsprechendes und gab die Hoffnung schon fast auf. Ich war kurz davor, selber einen Buchzirkel ins Leben zu rufen, da stiess ich per Zufall auf das Kursheft der Freizeitanlage Loreto und entdeckte dort „English through Literature“. Dafür meldete ich mich an.

 

Wie war Ihr Eindruck von der ersten Lektion?
Es hat mir von Anfang an gut gefallen und entsprochen. Unsere Kursleiterin, Dora Uhde, promovierte Anglistin, ist genial. Ihr literarisches, aber auch historisches, kulturelles und philosophisches Wissen ist phänomenal und die Art und Weise, wie sie di ses – immer zur richtigen Zeit in der richtigen Dosis – in den Kurs integriert, unglaublich bereichernd.

 

Sie lesen im Kurs alle gemeinsam das gleiche Buch?
Genau. Zu Beginn der Lektüre gibt uns Dora jeweils eine kurze Einführung, Hintergrundinformationen zur Epoche, in welcher der Roman spielt, und erzählt uns etwas über den Autor. Mit diesem Vorwissen starten wir in die Lektüre. Im Laufe der Lektüre eröffnen sich weitere Themen und Aspekte dank der gemeinsamen Diskussion. So erhellt sich für uns das Gelesene, und es werden beispielsweise gesellschaftspolitische oder auch philosophische Aspekte des Buches deutlich, die einem beim Lesen im stillen Kämmerlein verborgen geblieben wären. Ich könnte unserer Kursleiterin stundenlang zuhören.

 

Ist es so, wie wenn man eine Kunstausstellung mit einer kompetenten Führung anschaut und dadurch die betrachteten Werke an Bedeutung gewinnen?
Ein guter Vergleich! Es geht in unserem Kurs nicht einfach nur darum, den Verlauf einer Geschichte zu verstehen, sondern wir möchten nachvollziehen, wer was warum in welchem Kontext geschrieben hat und wo das Buch kulturhistorisch verortet ist. Wir sind eine internationale Gruppe, bunt zusammengemischt, viele davon pensioniert. Meist kommen sechs bis acht Leute,
die ideale Grösse.

 

Wie steht es mit Hausaufgaben?
Meist lesen wir rund 30 Seiten. Eine Woche später besprechen wir gemeinsam einzelne Passagen. Das ist oft höchst spannend, wie unterschiedlich die einzelnen Gegebenheiten und Protagonisten von den Kursteilnehmerinnen wahrgenommen und interpretiert werden. Unsere Diskussionen sind manchmal sehr kontrovers. Das Schöne und Interessante ist, dass man dank dieser Gespräche über das gemeinsam gelesene Buch direkt oder indirekt immer auch etwas über die Kursteilnehmerinnen erfährt.

 

Ich schaue mir die lange Buchliste an und bin beeindruckt! Graham Green, Joseph Conrad, Emily Bronte, Ian McEwan, Charles Dickens, Alice Munro, James Joyce und noch unzählige mehr. Haben Sie alle 46 hier aufgeführten Bücher gelesen?
Was Sie in den Händen halten, ist die Liste aller Bücher, die seit 1994 im Kurs gelesen wurden. Ich bin seit 2009 dabei. Doch auch bei mir sind so einige Titel zusammengekommen: „Far from the Madding Crowd“ von Thomas Hardy, „The Age of Innocence“ von Edith Wharton, „Tender is the Night“ von F. Scott Fitzgerald, „Emma“ von Jane Austen, „To the Lighthouse“ von Virgina Woolf, „The Human Stain“ von Philipp Roth, um nur ein paar Beispiele zu nennen. In den neun Jahren, seit ich den Kurs besuche, komme ich auf rund 17 Bücher.

 

Viele der Autoren sind schon anspruchsvoll, wenn man sie in der deutschen Übersetzung liest. Kommt es vor, dass Sie mal überhaupt nicht verstehen, was Sie lesen?
Es kommt vor, dass ich eine Szene zwei- oder dreimal lesen muss, bis ich den Inhalt voll und ganz verstanden habe. Das ist anstrengend, aber das ist genau die Herausforderung, die ich gesucht habe und die mir Spass macht. Shakespeare ist toll!

 

Aber diese Hofsprache ist doch antiquiert. Leidet man da als Leserin nicht Qualen?
Im Gegenteil. Es ist ein grosser Genuss, wenn man sich mit Shakespeares Sprache mal vertraut und angefreundet hat. Zudem: dieses alte Englisch kommt dem Deutschen nah. Morrow für Morgen, thou für du, wherefore für warum, thereafter für danach. Als wir im Kurs „Julius Caesar“ lasen, entschied unsere Literaturgruppe spontan, sich das Stück gemeinsam in London im Shakespeare‘ s Globe Theater anzuschauen und dies mit einem Städtetrip zu verbinden. Von der Reise schwärmen wir heute noch. Präsent bleibt mir das Englische auch dank vielen Freunden aus dem englischen Sprachraum. Ich mag die ganze englische Kultur: Das Land, die Menschen. Übers Sprechen sage ich immer: Use it or loose it!