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FüHLEN UND HANDELN IM EINKLANG

 

Als Psychomotoriktherapeutin in der Sonderschule Horbach sorgt Lara Fabel dafür, dass Primarschüler durch Bewegung positive Erfolgserlebnisse haben. Dadurch steigt auch das Selbstwertgefühl der Kinder.

 

von Sabine Windlin

 

Psychomotorik ist als Disziplin in aller Munde, doch Laien wissen kaum, was damit gemeint ist.
In der Psychomotorik geht es um das Zusammenspiel von Psyche und Physis, um die kausale Verknüpfung von Denken, Fühlen und Handeln. Sie richtet sich an Primarschüler mit Bewegungs- und Verhaltensauffälligkeiten. Mein Therapieraum sieht aus wie eine kleine Turnhalle. Es hat dort eine Sprossenwand, eine Kletterwand, ein Trampolin, Bälle und anderes mehr. Auch Tischspiele und Schreibutensilien sind wichtige Arbeitsinstrumente in meiner Therapie. Denn bei mir üben sich die Kinder sowohl in Fein- wie in Grobmotorik.

 

Können Sie an Hand eines Beispiels aufzeigen, wie Sie arbeiten?
Ein zwölfjähriger Junge hat beispielsweise Schwierigkeiten, seine Emotionen auszudrücken. Dies führt dazu, dass sich in ihm immer wieder Aggressionen stauen. Da kommt dann immer mehr und mehr hinzu, er kocht innerlich, explodiert plötzlich und schlägt dann manchmal zu. Natürlich weiss er, dass dies nicht in Ordnung ist. Im Alltag macht er sich in solchen Situationen dann einfach aus dem Staub. Bei ihm besteht das Ziel darin, dass er merkt, wann und warum sich bei ihm etwas anstaut. Er lernt nach und nach, seine Gefühle auf adäquate Weise auszudrücken.

 

Haben Ihre Schüler auch schulisch Probleme und schlechte Noten?
Ja, die meisten Horbachschüler haben nicht nur Verhaltens-, sondern auch Schulleistungsprobleme. Viele haben in ihrem Leben schon einiges durchgemacht. Dies erklärt wiederum, warum die meisten Konzentrationsschwierigkeiten und Entwicklungsverzögerungen aufweisen. Wer in einer Umgebung aufwächst, wo klare Strukturen und Halt fehlen, für den ist es schwierig, mitunter unmöglich, sich auf den Schulstoff zu konzentrieren. Viele Kinder sind dann mit den Gedanken oft ganz woanders. Als Therapeutin bin ich zwar nicht für die Schulleistungen zuständig, aber es ist klar, dass diese Lernschwierigkeit auch mit der seelischen Not zusammenhängt, in der sich viele befinden. Das ist wie ein Teufelskreis. Bin ich schlecht in der Schule, habe ich kein Selbstwertgefühl. Fehlt das Selbstwertgefühl, führt dies zu Verhaltensauffälligkeiten.

 

Wissen Sie Bescheid über die familiären Verhältnisse der Kinder?
Ja, denn mit den Lehrern und Sozialpädagogen pflege ich einen regen Austausch. Es ist wichtig für mich, ein wenig die Hintergründe zu kennen, um das Verhalten der Kinder verstehen und einordnen zu können. Wenn ich die Therapie starte, frage ich die Kinder immer zuerst, wie es ihnen geht, ob in der Schule oder Zuhause etwas Spezielles vorgefallen ist, es Streit oder Ärger gegeben hat. Entsprechend gestalte ich das Therapieprogramm. Dieses ist individuell auf jedes Kind abgestimmt. Ein Junge, der ein starkes ADHS-Syndrom hat, sollte beispielsweise lernen, seine Zeit einzuteilen. Bei ihm haben wir gemerkt, dass die Noten nicht schlecht sind, weil er den Stoff nicht versteht, sondern weil er bei der Bewältigung von Aufgaben die Zeit  nicht einteilen konnte.

 

Kommen die Kinder gerne zu Ihnen in die Therapie?
Mein Eindruck ist, dass sie sogar sehr gern kommen! Die meisten Kinder haben ja Freude an der Bewegung und diese spielt bei mir eine wichtige Rolle. Sie ist ein zentrales Element der Therapie.

 

Lässt sich die Wirksamkeit Ihrer Therapie nachweisen?
Fortschritte in Fein- und Grobmotorik lassen sich mit bestimmten Tests und Verfahren nachweisen. Aber was das soziale Verhalten angeht, ist es schwierig nachzuweisen, warum sich dies verbessert. Wie gesagt: Es spielen ganz viele Aspekte eine Rolle, warum sich ein Kind besser fühlt und verhält. Fest steht, dass sich durch Bewegungserfolge und Bewegungserlebnisse das Selbstwertgefühl von Kindern erheblich steigern lässt. Manche blühen in der Therapie richtig gehend auf, öffnen sich plötzlich, artikulieren sich. Ich erlebe mit, wie stolz ein Kind ist, wenn es durch Training und dank viel Mut plötzlich zuoberst an die Kletterwand gelangt. Und wir selber wissen und erinnern und doch: der Junge, der in der Schule auf dem Fussballplatz brilliert, genoss ein hohes Ansehen. Das Zusammenspiel des psychischen Erlebens des Menschen und seiner psychisch-seelisch-emotionalen Entwicklung – darauf basiert das Konzept der Psychomotorik.

 

Wie kamen Sie zu diesem Beruf?
Nach der Matura wollte ich eigentlich Lehrerin werden. Ein Besuch bei der Berufsberatung brachte mich dann allerdings auf die Psychomotorik. Nach einem dreimonatigen Praktikum in einer Kinderkrippe und einem Kindergarten begann ich mein Studium an der Schule für Heilpädagogik in Zürich. Dieses schloss ich nach drei Jahren mit dem Bachelor ab. Nebst meinem 30-%-Pensum im Horbach habe ich noch eine 60-%-Beschäftigung an einer heilpädagogischen Schule im Kanton Aargau. Psychomotorikstellen sind oft Teilzeitstellen. Das heisst, wir Fachleute müssen uns unsere Pensen organisieren.

 

Sind Sie auch selber ein Bewegungsfreak?
Allerdings! Sport spielt in meiner Freizeit eine wichtige Rolle. Ich schwimme, jogge, wandere, snowboarde. Ich bin in keinem Club, aber bewege mich nach Lust und Laune; entweder alleine, oder mit Freundinnen und Freunden.

 

Lara Fabel, 26, arbeitet als Psychomotoriktherapeutin an der Sonderschule Horbach mit Kindern im Primarschulalter. Sie wohnt in Luzern und pendelt von dort auf den Zugerberg zur Arbeit