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LET'S APéRO - GRüNDE ZUM ANSTOSSEN

 

Computer runterfahren, Dossiers weglegen und gemeinsam Anstossen. Am Arbeitsplatz sollte Zeit für spontane Apéros sein.

 

von Sabine Windlin

 

Wie bitte? Elisabeth vom 4. Stock feiert heute ihr 10-jähriges Firmenjubiläum? Niemand hätte das gedacht, dass die fröhliche Mitfünfzigerin schon so lange dabei ist. Doch, doch, meint die Kollegin, Elisabeth sei eine treue Seele und habe schon manchen Chef überlebt. Jedenfalls landet da im elektronischen Postfach gerade eine E-Mail mit dem Betreff: LET’S APERO. Elisabeth lädt ab 17 Uhr alle, die Lust haben, auf einen Prosecco auf die Dachterrasse ein. Sie hoffe, schreibt sie, dass ihrem Aufruf möglichst viele folgen werden und man den Feierabend gemeinsam geniessen könne.

 

Und tatsächlich! Schön brav fahren die Angestellten um kurz vor fünf ihren Computer runter, legen ihre Dossiers zur Seite mahnen im Meeting die Zeit an. Es sieht ganz so aus, als möchte sich niemand die willkommene Abwechslung im sonst eher überraschungsfreien Geschäftsalltag entgehen lassen. Elisabeth gehört weder dem Kader an, noch besetzt sie sonst eine Schlüsselposition in der Firma. Aber sie ist die gute Seele, die die Debitoren- und Kreditorenbuchhaltung im Griff hat, die welken Blumen entsorgt, immer gut gelaunt ist und dafür sorgt, dass die Reception an Ostern und Weihnachten feierlich-stilvoll dekoriert daher kommt.

 

Nicht nur ein Firmenjubiläum, auch ein runder Geburtstag oder die Geburt eines Kindes sind gute Gründe, um mal mit den Kolleginnen und Kollegen im Büro anzustossen. So lässt man die Leute bei der Arbeit ein Stück weit teilhaben an seinem Privatleben und lernt Leute, mit denen man im Alltag nicht über Gebühren zu tun, besser kennen. Der Anlass muss gar nicht teuer oder aufwändig organisiert sein. Ein paar kühl gestellte Weissweinflaschen, frische Oliven, Gemüsedipp oder etwas Trockenfleisch und feines Brot reichen schon, um auf erfreuliche Ereignisse auch im Büro anzustossen. So ein Apéro im Büro muss nicht von langer Hand geplant sein. Im Gegenteil: Es wirkt sympathischer und unverkrampfter, wenn der Apéro eher kurzfristig anberaumt ist. So, wie es Elisabeth gemacht hat: Eingeladen sind alle, kommen soll, wer Zeit und Lust hat. Auf eine Ab- oder Anmeldung kann getrost verzichtet werden.

 

Allerdings gilt es auch hier, als Gastgeberin ein paar Aspekte zu berücksichtigen. Zum einen sollten immer auch nichtalkoholartige Getränke zur Verfügung stehen. Denn ein Firmenapéro im internen Kreis ist keine Privatparty und sollte nicht als Vorwand dienen, sich gemeinsam zu betrinken. Zum anderen sollte man vorher mit dem HR abmachen, wo und wie lange der Apéro dauert und wieviel Zeit auf Kosten des Arbeitgebers verbucht werden darf. Zudem muss man bedenken, dass – je nach Position oder Funktion – nicht alle Leute nach dem 17 Uhr-Apéro direkt in den Feierabend verschwinden, sondern zum Arbeitsplatz zurückkehren und dort noch ein paar Stunden konzentriert bei der Sache sein müssen. Erfreulich ist, dass in den allermeisten Firmen die Apéro-Zeit als Arbeitszeit verbucht werden kann. Dies mit der vernünftigen Begründung, dass ein Apéro als Teil der Firmenkultur durchaus einen gesellschaftlichen Zweck erfüllt und dazu beiträgt, dass am Arbeitsplatz ein positives Klima herrscht.

 

So sehr die Apéro-Kultur am Arbeitsplatz für Schweizer eine Selbstverständlichkeit ist: Arbeitnehmende aus anderen Ländern, vorab auch aus Deutschland, zeigen sich erstaunt darüber, wie beliebt der „Apéro“ unter Eidgenossen ist. Auf einem Blog zeigte sich ein Schreiber amüsiert darüber, dass in seinem Büro nicht nur Neuankömmlinge mit einem Apéro begrüsst würden, sondern diese nach bestandener Probezeit, also meist nach drei Monaten, dann selber erneut zum Apéro aufriefen. Das sei, so der Blogger, eine ziemlich mühselige Angelegenheit und die Mühsal steige mit der Anzahl der Anwesenden. Denn es gebe ein eisernes Gesetz der "Schweizer Apéröler": Jeder muss mit jedem anstossen. Erschwerend komme hinzu, dass Schweizer sich nicht mit einem allgemeinen „Zum Wohle“ begnügen würden, sondern den Arbeitskollegen auch noch mit Vornamen zuprosten würden: „Prost, Martin!“ – „Prost, Katja!“, „Prost, Elisabeth!“

 

Avenir Suisse, der Think Tank für wirtschaftliche und soziale Fragen, hat bestätigt, dass Firmen in der Schweiz den Apéro als wichtiges Instrument der Netzwerkbildung einsetzen. Gegenstand der Untersuchung von Avenir Suisse bildeten hier allerdings nicht die internen sondern die externen Apéros. Die Apérokultur lebe vom Spannungsverhältnis zwischen professioneller und persönlicher Interaktion und diene meist als geselliger Abschluss professioneller Zusammenkünfte wie Fachtagungen, Verbandstreffen oder Geschäftsanlässen. Visitenkarten werden ausgetauscht, das "Du" wird angeboten, gutes Essen und ein Gläschen Wein lösen die Zunge. Die gemeinsame Entspannung nach verrichteter Arbeit schafft persönliche Verbundenheit und ist vertrauensbildend.

Es gebe, so Avenir Suisse, zumal im grossen Rahmen, kaum eine Veranstaltung oder ein Geschäftstreffen, das nicht mit einem «Apéro Riche» oder einem «Apéro Prolongé» abgerundet werde. Alleine die Existenz einer entsprechenden Terminologie zeuge von der Bedeutung des Apéros als soziale Institution im Geschäftsleben in der Schweiz.