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INSPIRIERT IN DER WERKSTATT

 

Als Mitarbeiter der Holz- und Metallwerkstatt der Freizeitanlage Loreto ist Beat Marty voll in seinem Element. Die Arbeiten, die hier entstehen, setzen einen Kontrapunkt zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft.

 

von Sabine Windlin

 

Für einen kreativen Handwerker, der gerne mit Menschen arbeitet, muss diese Aufgabe ein Traumjob sein.
Das sehe ich auch so. Darum war ich auch so glücklich, als ich den Job erhielt. Ergeben hat sich dies per Zufall. Bei meinem Arbeitgeber, der Schreinerei Baumgartner, hatte ich hin und wieder Kontakt mit Albert Müller, dem Werkstattchef vom Loreto. Er kam vorbei, um beim Baumgartner die grossen Tischplatten schleifen zu lassen, für die im Loreto die Maschine fehlt. So kamen wir ins Gespräch und ich erfuhr, dass man im Loreto einen zweiten Mann für die Aufsicht gebrauchen könnte. Wir sassen zusammen, tauschen uns aus und ein paar Wochen später stand ich bereits zum ersten Mal in der Loreto Werkstatt.

 

Dann haben Sie jetzt zwei Jobs?
Ja, wobei man diese natürlich nicht vergleichen kann. Wenn ich als Schreiner in der Firma bin, arbeite ich kundenorientiert, habe genaue Vorgaben und muss Termine einhalten. Die Aufgabe im Loreto ist eher ein Hobby, ein Ausgleich. Hier gibt es keinen Zeitdruck, man geniesst viele Freiheiten und kann Dinge ausprobieren. Vor allem aber nehme ich hier eine Betreuungsfunktion wahr und unterstützte die Werkstattnutzer bei ihren Projektarbeiten.

 

Welche Leute benutzen die Werkstatt?
Querbeet. Die Ansprüche und Vorkenntnisse sind sehr unterschiedlich. Es gibt die Ambitionierten und Perfektionisten, es gibt aber auch viele, die einfach mal Lust haben, etwas auszuprobieren und Freude haben, wenn sie nach ein paar Wochen etwas Selbstkreiertes nach Hause nehmen können: eine kleine Sitzbank oder eine Schmuckschatulle. Zu sehen, wie die Leute hier mit ihren Objekten vorankommen, ist für mich selber auch interessant. Wenn jemand "ansteht" und in seiner Arbeit nicht weiter weiss, manche ich mir Gedanken und überlege, wie man ein bestimmtes Problem lösen könnte. Wenn man da einen Tipp geben kann, sind die Leute total dankbar.

 

Die Freizeitanlage geniesst einen hervorragenden Ruf.
Die Leute hier, ob Personal, Besucher oder Kursteilnehmer, sind eigentlich immer gut drauf. Das ganze Ambiente ist super angenehm. Natürlich geht in der Werkstatt auch mal etwas „in die Hose“, z.B. wird Holz falsch zugeschnitten und ein Teilnehmer realisiert, dass die ganze Vorarbeit von drei Stunden für die Katze war. Dann wird kurz geflucht und anschliessend weitergearbeitet.


Sie können den Leuten nicht ständig auf die Finger schauen.
Unmöglich. Pro Abend laufen hier 8 bis 14 verschiedene Projekte und eine Rundum-Betreuung ist nicht machbar. Das wird aber auch nicht von mir erwartet. Abgesehen davon, helfen sich die Leute gegenseitig auch untereinander.


Der Maschinenpark ist beeindruckend.
Wir sind gut ausgerüstet, ja. Nicht nur in der Holz-, sondernauch in der Metallwerkstatt. Tischkreissäge, Bandsäge, Kehlmaschine, eine kombinierte Hobelmaschine, Bandschleifmaschine, Unterflurfräse: vieles wurde von Gönnern gesponsert. Hinzu kommen diverse Drechselmaschinen mit unterschiedlicher Leistung und Grösse, Ständerbohrmaschine und eine Plattensäge. In der Metallwerkstatt stehen eine grosse Drehbank, verschiedene Fräsen, Schweissapparate für Aluminium und Stahl und ein Plasmaschneider zur Verfügung.

 

Was sind die Klassiker unter den Objekten, die hier entstehen?
Schwer zu sagen. Der eine macht eine I-Pad-Badebrücke…

 

Eine was?
Eine Art Holzbrücke mit Halterung, die über die Badewanne passt und in die man den I-Pad stecken kann; ich nehme an, um im Schaumbad einen Film zu geniessen. Warum nicht? Ist doch praktisch!

 

Und sonst?
Regale, Sitz- und Eckbänke, Kisten aller Art. Angesagt ich auch das Drechseln. Ein Besucher drechselte sogenannte Ohr-Flesh-Tunnel, eine Art Piercingschmuck zur Dehnung der Ohrläppchen. Ein anderer schnitze sich Kurzhanteln für‘s Breakdance, um die Muskulatur intensiver zu trainieren. Auch ein Snowboard speziell zum Tiefschneefahren ist bei uns gerade am Entstehen. Schwer beeindruckt hat mich eine Frau, die sich selber das  Parkett zimmerte, sämtliche Riemen für rund 70 Quadratmeter anfertigte. Man muss sich dies einmal vorstellen! Ich der heutigen Zeit, wo man alles vorfabriziert im Hornbach kaufen kann, kommt jemand und macht jeden Riemen selber. Da muss ich sagen: Cool!

 

Das klingt nach einer Kritik an der Wegwerfgesellschaft.
Mir gefällt die Wertigkeit, die hinter den Produkten steckt, die hier entstehen. Viele Leute, die in der Werkstatt arbeiten, besorgen sich ihr Holz second hand, in dem sie online Holzmöbel, die im Internet für wenig Geld angeboten werden, kaufen und abholen, um hier aus dem alten Material etwas Neues zu kreieren. Dies ist möglich, weil viele Leute zu bequem sind, ihre alten Möbel zu entsorgen. Auch Restaurieren ist bei uns angesagt und man staunt, wie aus einer alten, zerkratzten Kommode ein schönes Möbelstück wird.

 

Welcher Loreto-Freizeitkurs reizt sie selber?
(blättert im Programm). Aquafit, Yoga und Pilates wohl eher nicht, auch ein Kurs in Französisch oder Cupcakebacken kommt für mich nicht in Frage. Dann lieber Messerschmieden, Bierbrauen, Weinkunde oder einen Kurs in Raku, eine Brenntechnik für keramische Massen. Ich würde zudem gerne mal mit meinem Göttibuben einen Pfeilbogen schnitzen. Klar kann ich den auch im Laden kaufen. Doch Zeit schenken, Zeit zusammen verbringen, ich denke, davon hätten wir beide mehr.

 

Beat Marty, 27, gelernter Schreiner, wohnt in der Stadt Zug, fährt im Winter Ski und Sknowboard und ist im Sommer mit dem Bike oder der Vespa unterwegs. Derzeit absolviert er eine Weiterbildung zum Projektleiter.