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METAPHYSISCHER MARSCH ZUM CHASSERON

 

«Pierre de la paix» heisst der Granitstein, der auf dem Plateau des Chasseron in 1600 Metern Höhe oberhalb von Sainte-Croix liegt, einen Kraftort markiert und leicht zu erwandern ist.

 

von Sabine Windlin

 

Mitten in der waadtländischen Hochebene, dem «Balcon du Jura», starten wir unsere Wanderung. Genauer gesagt in Sainte-Croix, dem einst weltberühmten Zentrum für Präzisionsmechanik, in welchem Bolex-Kameras und Hermes-Schreibmaschinen hergestellt wurden. Das Grand Hôtel des Rasses aus dem 19. Jahrhundert lassen wir links liegen, denn wir wollen noch vor dem Mittag den 1600 Meter hohen Chasseron (nicht zu verwechseln mit seinem jurassischen Bruder Chasseral) erreichen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, den richtigen Weg zu finden, marschieren wir aufwärts; vorbei an einem in die Jahre gekommenen Schlepplift, der im Winter immer noch Kinderscharen den Berg hinauf befördert. Die Wiesen sind bunt von Astern, Silberwurz und Glockenblumen. Grossblütiges Sandkraut und immergrüne Felsenblümchen spriessen am Wegrand. Diese Pracht soll bereits Jean-Jacques Rousseau bewundert haben, als er vor zweieinhalb Jahrhunderten mit Botanikern diesen Weg hinaufstieg.


Nach nur einer guten Stunde ist die «gueule de dinosaure» in Sicht, welche bloss mit viel Phantasie einer Dinosaurier-Schnauze gleicht. Viel imposanter ist die Aussicht auf die gegenüberliegenden Alpen, auf Montblanc, Mont-Maudit, Aiguille-du- Géant und Grandes Jorasses. Was aber hat es mit der «Pierre de la paix» auf sich, die zu besuchen uns die Frau im Kiosk von Sainte-Croix so sehr ans Herz legte? Dieser Stein soll im Dörfchen Bullet entdeckt und später mit einem Raupenfahrzeug auf das Plateau des Chasseron transportiert worden sein. Dort markiert er seither einen Kraftort.


Neugierig nähern wir uns dem Granit- oder Gneisblock, der, südwestlich des Gipfels gelegen, recht verlassen auf einer grünen Wiese steht. Bereits hat ihn eine Gruppe von Wanderern umstellt und ihre Hände auf die mit den Zeichen aller Weltreligionen eingravierte Steinoberfläche gelegt. Nach einigen Minuten tritt die Gruppe geschlossen einen Schritt zurück, bleibt schweigend vor dem Stein stehen und atmet tief ein und aus. Wir beobachten das Prozedere skeptisch, beschliessen dann aber, es dieser Gruppe gleichzutun; um alsbald festzustellen, dass sich in uns nichts regt.


Sind wir zu wenig sensibel? Gemäss dem Tourismusprospekt sollen sich hier drei geomantische Kraftlinien kreuzen, die bei der Messung durch den deutschen Metaphysiker Horst F. Preis Energien von bis zu 70 000 (wissenschaftlich nicht nachweisbaren) Bovis-Einheiten verströmen. Erneut nähern wir uns dem mythischen Stein, fest entschlossen, die Kraft seiner Strahlen zu spüren, doch was uns sanft über den Rücken streift und ein Gefühl von Wärme auslöst, sind die Strahlen der Sonne. «Sie dürfen keine Wunder erwarten», wird uns Preis auf unser späteres telefonisches Nachfragen hin sagen, es könne durchaus sein, dass man die Wirkung erst einige Zeit später wahrnehme.


Vielleicht, so schiesst es uns durch den Kopf, hat die Placierung des Friedenssteins auf dem Chasseron andere Gründe. Die vor einigen Jahren mit grossem Brimborium eingeweihte «Pierre de la paix» zieht nämlich jedes Jahr eine stattliche Zahl von Neugierigen an, was der eher verschlafenen Ferienregion von Sainte-Croix, Les Rasses und Bullet bestimmt nicht abträglich ist.


Nicht energetisch aufgeladen, aber gestärkt durch energiespendenden Proviant aus dem Rucksack, nehmen wir den Abstieg in Angriff und erfreuen uns am Anblick einer hellgrauen Gemse, die starr in den Himmel blickt. Nach weniger als einer Stunde haben wir wieder das Tal erreicht und gönnen uns, bevor es mit dem Regionalzug nach Yverdon geht, einen Apéritif auf der Aussichtsterrasse des Grand Hôtel des Rasses. Noch heute verströmt der lichtdurchflutete Bau aus dem Jahre 1898 mit viel Stuck, Glas- und Holzmalerei den Hauch der Belle Epoque. Auffallend ist auch die Herzlichkeit, mit der in diesem gediegenen Ambiente auch wir gänzlich unelegant gekleideten Wanderer empfangen werden. Die Zimmer, erfahren wir von der gesprächigen Receptionistin, seien alle ausgebucht. Doch ermuntert sie zu einer Reservation «pour la prochaine fois». Wir nicken und sind uns einig: Man kommt bestimmt bald wieder zurück, in dieses aparte, halb vergessene Stück Schweiz.