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AMüSANTE WELT DER WöRTER

 

Ob «Kahnsinn» oder «Bohlenbrooks»: Mit einem undotierten Medienpreis zeichnet das Verlagshaus Pons Journalisten aus dem deutschsprachigen Raum aus, die neue Wörter erfinden.

 

von Sabine Windlin

 

Was macht originelle Neologismen und verblüffende Wortkombinationen preiswürdig? «Dass sie wie der Blitz einschlagen, uns einleuchten, bevor wir sie begriffen haben», sagt Literaturkritiker und Autor Andreas Nentwich.

 

Nentwich muss es wissen. Er hielt vergangenen Januar die Laudatio bei der Verleihung des dritten Pons-Medienpreises. Nicht Reportagen werden dort für einmal ausgezeichnet, sondern einzelne, in deutschsprachigen Publikationen abgedruckte Wortkreationen, die durch besondere Originalität auffallen. «Wir wollen zur Reflexion über Sprache anregen und den geistreichen Umgang mit ihr in den Medien honorieren», sagt Philipp Haussmann, Initiant des Preises und Geschäftsführer von Pons. Die Jury, bestehend aus Lexikografen und Redaktoren des Wörterbuchverlages, wähle die eingereichten Begriffe nach «bestem Wissen und Gewissen» aus.

 

Tatsächlich handelt es sich bei den Sprachbasteleien um echte Knüller talentierter Sprachspieler, die zu Heiterkeit Anlass geben. Dies zeigen die Begriffe, denen es bereits zum medialen Siegeszug reichte. So verhängte etwa der Lifestyle-Journalist Tobias Schönpflug über die löffelrührende Kaffee-Latte-Macciato-Kultur den treffenden Begriff «Espressionismus». Den Pariser Staranwalt Jacques Vergès, der nach Klaus Barbie, Slobodan Milosevic nun auch Saddam Hussein verteidigen will, nannte der «Spiegel»-Journalist Alexander Smoltczyk «Tyrannosaurus Lex» - inspiriert vom Tyrannosaurus Rex, dem grössten Raubtier aller Zeiten. Der «Berliner Kurier» erfand für den tragischen Helden der Fussball-WM 2002 das Wort «Kahnsinn», die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» für den sparwütigen Finanzminister Hans Eichel den vielsagenden Titel «Sparminator» und der um die Welt jettende Papst wurde folgerichtig als «Global Prayer» bezeichnet. Der Sprachwitz lässt Rückschlüsse auf Kompetenz und Intellekt der Erfinder zu. Deshalb wohl fand auch die Kreation «Bohlenbrooks» Gefallen, die den Kulturbetrieb um Dieter Bohlens Bestseller bezeichnete, in Anlehnung an Thomas Mann.


Die Neuschöpfungen treffen allesamt elegant ins Schwarze und erscheinen im Augenblick so zwingend, als habe es sie immer schon gegeben; zumindest, als hätten wir sehnlichst auf sie gewartet, wie beispielsweise auf den «Teuro», der in fünf Buchstaben den ganzen Missmut eines Volkes gegenüber der neuen Währung zum Ausdruck brachte. Der «Teuro» wurde in Deutschland zum Schlagzeilen-Klassiker, erfunden von einem einfallsreichen «Focus»-Redaktor. Er ist eine Zeuge seiner Zeit, wie auch der im Jahr 2000 von Pons prämierte «Inder-Wahnsinn», mit dem ein «Stern»-Journalist den Einstellungsboom indischer Informatiker so knapp und keck umschrieb. Nicht ob ein Wort Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden hat, ist entscheidend, sondern wie hoch sein Lese- und Hörgenuss ist.


In guter Erinnerung sind darum die Schimpfwörter für den «Weichei»-Softie-Mann, über die wir uns weiland amüsierten. Gespannt wartete man damals, ob die «Warmduscher», «Vorwärts-Einparker» und «Frauen-Versteher» in den Karteikästen der Dudenredaktion Eingang finden würden. Jetzt, vier Jahre später, wissen wir: der «Sauna-Untensitzer» ist nicht zum umgangssprachlichen Wortgut mutiert. Er verlor sich als Eintagsfliege im weiten Kosmos der Sprachschöpfung. Ein erfrischender Wettbewerb à la Pons tut wohl; gerade jetzt, wo in regelmässigen Abständen besorgte Linguisten - etwa wegen sich mehrenden Anglizismen - die Verluderung der deutschen Sprache beklagen und eine vertrackte Rechtschreibreform uns den Kopf zerbricht. Das System Sprache, scheint uns das Verlagshaus sagen zu wollen, ist ein Raum voller Assoziationen. Es darf auch gelacht werden.


Vor Jahren ernannte die Jury den «Fertilisierungshebel» von Boris Becker zum Sieger, dessen sich eine dunkle Gestalt in einer Besenkammer bediente. Der Begriff stand freilich nicht - wie man vielleicht denken könnte - in «Playboy» oder «Bild», sondern im Fachorgan für hehre Debatten: in der achtunggebietenden «Zeit».