Reportagen

 

 

EIN SONNIGER TAG

 

Zwei Freunde - ein Unfall. Alexander erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und erwacht als Tetraplegiker aus dem Koma. Luca kommt mit ein paar Schrammen davon. Protokoll über Glück und Unglück.

 

von Sabine Windlin

 

Luca und Alexander sind zwei stolze Gymnasiasten. Seit drei Wochen erst besuchen sie die 1. Klasse der Kantonsschule Zug, verabreden sich jeweils morgens im Lüssirain Quartier und marschieren gemeinsam Richtung Schule. Die ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Am 5. September 2013, es ist kurz vor 8.30 Uhr, nähern sich die beiden der Hauptstrasse, die sie überqueren wollen, plaudernd, nichtsahnend, dass die kommenden Sekunden ihr Schicksal bestimmen wird. Der Autofahrer, der von links kommt, fährt ungebremst weiter. Alexander, der sich mitten auf dem Fussgängerstreifen befindet, wuchtet kopfvoran in die Frontscheibe, wird vom Fahrzeug fast 30 Meter mitgeschleift und bleibt regungslos liegen. Luca, der zu diesem Zeitpunkt bereits näher an der Mittelinsel steht, wird vom Auto nicht erfasst, stürzt zur Seite und fällt rücklings auf seinen Schulsack.

 

Er sei, wird der Fahrer später zu Protokoll geben, völlig überraschend von der Sonne geblendet worden, die sich just in dem Moment über der Bergkuppe erhebt und im flachen Winkel direkt in sein Gesicht scheint. Der Tag ist tatsächlich ein Bilderbuchtag: Kein Nebel, keine Wolken. Strahlend blauer Himmel. Sonnenbrillenwetter. Passanten, die in der Nähe sind, beobachten die Szene fassungslos. Ein Bauer, der mit seinem Traktor vom Hof Richtung Hauptstrasse fährt, stoppt den Verkehr. Eine Frau, die den Unfall aus nächster Nähe beobachtet, ruft die Ambulanz. Luca, unter Schock aber ansprechbar, wird mit dem Krankenwagen ins Kantonsspital in Baar gefahren, Alexander per Helikopter ins Kantonsspital Luzern geflogen. Die Ärzte diagnostizieren bei ihm ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Alexanders Hirn wurde vom Aufprall durchgeschüttelt und erleidet massive Blutungen. Er befindet sich in einem lebensbedrohlichen, komatösen Zustand und wird ab sofort künstlich beatmet.

 

Die kommenden Tage und Nächte weichen die Eltern nicht von seiner Stelle. Die Welt rundherum steht für sie still. Die Familie lebt wie in Trance.  Die Mutter hat sich von ihrem Alltag verabschiedet, von der Arbeit, vom berufsgleitenden Studium, vom Haushalt, vom unbeschwerten Aufstehen am Morgen, vom sorglosen Einschlafen am Abend, von ihrer Gelassenheit, von ihrem Atelier und ihren Kursteilnehmern, die sie in Malen unterrichtet. Sie befindet sich im Ausnahmezustand, funktioniert jetzt wie ein Roboter. Sie geht nicht ans Telefon, beantwortet keine SMS, schläft und isst kaum, kann nicht mehr kochen, hält sich kaum noch auf den Beinen. Der sonst gesprächige Vater verstummt, fährt zwischen Wohn-, Arbeitsort und Intensivstation hin und her und orientiert seinen Arbeitgeber, das kantonale Forstamt im schwyzerischen Lachen. Ja, es stimmt: die Schlagzeile vom „Horror-Unfall“, über den die Pendlerzeitung 20 Minuten anderntags berichtet, betrifft seinen Sohn. Dabei wollte dieser doch nur zur Schule gehen. Mathematik stand auf dem Stundenplan.

 

Und Luca? Der geht drei Tage nach dem Unfall bereits wieder zur Schule, weigert sich aber, über den Unfall zu sprechen. Er kann nicht, sucht nach Ablenkung, lernt mehr denn je und gräbt sich wie ein Maulwurf in seinen Schulstoff ein. Er fühlt sich jetzt etwas verloren an der grossen Kantonsschule, dieser Lernfabrik mit 1300 Schülern. Er hatte in seiner Klasse nur Alexander gekannt und der ist jetzt weg. Seit dem Kindergarten sind sie beste Freunde, untrennbar zuweilen, wie siamesische Zwillinge. Eigentlich wechselte Luca nur wegen Alexander in die Kanti. Wenn Alex geht, liess er seine Eltern am Ende der 6. Primarklasse wissen, gehe er auch. Jetzt hat er diese Bilder und Geräusche vom Aufprall im Kopf und kann nicht mehr schlafen. Ihm ist übel, er weint oft, irgendwann bricht er zusammen und rappelt sich nur langsam wieder auf. Jeden Morgen kommt er auf dem Weg zur Schule an der Unfallstelle vorbei. Und alle Kinder, die er kennt, fragen: Wie geht es Alexander? Wann ist er wieder fit? Das fragt er sich auch.

 

Fünf Tage nach dem Unfall leiten die Ärzte bei Alexander die ersten Aufwachversuche ein. Auch die beiden Grosseltern sind angereist, wollen ihrem Enkel nahe sein, wissen, was hier vor sich geht, obwohl dies kaum zu verstehen ist. Die Ärzte sprechen von Verletzungen der zerebralen  Blutgefässe und von Hirndrucktherapie. Sieben Wochen bleibt Alexander  auf der Intensivstation in Luzern. Erst als seine so genannten Vitalparameter wieder spielen, sein Kreislauf stabil ist, kann der Patient nach Affoltern a. A. verlegt werden, ins Zentrum für hochspezialisierte Kinderrehabilitation der Rehabilitationsklinik des Universitätskinderspitals Zürichs. Hier geht die Bewährungsprobe erst richtig los. Es ist der Anfang harter Arbeit auf der Bettenstation C der Frührehabilitation. Zwischenzeitlich ermittelt die Polizei gegen den Autofahrer wegen schwerer fahrlässiger Körperverletzung, Nichtbeherrschen des Fahrzeugs und Nichtanpassen der Geschwindigkeit. Zur Klärung des Unfallhergangs wird ein forensisches Institut beauftragt.

 

Alexander leidet an einem partiellen locked-in-Syndrom. Das heisst: er ist zwar bei Bewusstsein, jedoch körperlich fast vollständig gelähmt und unfähig, sich sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen. Fragen, die ihm gestellt werden, versucht er, mit Kopf- und Augenbewegungen zu beantworten. Liegst Du bequem? Hast Du Durst? Möchtest Du nach draussen gehen? Die Mutter spricht mit sanfter, leiser Stimme und legt dabei ihren Kopf ganz nah an Alexanders Ohr. Sie weiss, dass ihr Sohn sie so besser wahrnimmt und sagt: „Ich bin sicher, dass Alexander wieder viel erlernen wird, weil ich weiss, wie stark er ist.“ In ihrer Stimme klingt der Stolz einer Mutter. Und der Schmerz.

 

Alexander war ein guter Schüler, fleissig, selbständig, zuverlässig, las anspruchsvolle Bücher, konnte gut formulieren und hervorragend zeichnen. Nebst Cello- nahm er auch noch Klavierunterricht und ging zusammen mit Luca ins Fechten. Die Jungs kannten keine Langeweile. Fussballspielen, in der Stadt einen Döner essen, mit dem Velo im Quartier herumkurven und vor allem: stundenlang japanische Manga Comics lesen. Lucas Eltern sind sich bewusst, dass ihnen die Rolle der vom Unglück verschonten Eltern zugedacht ist. Doch sie tun sich schwer damit, wissen nicht, wie sie sich gegenüber Alexanders Eltern verhalten sollen. Wie reagiert man adäquat?  Angesprochen auf den Unfall, sagt Lucas Mutter Leila:  „Alexander war Lucas Schutzengel.“ Sie glaubt, dass Alexander die Strasse zuerst überquert hat und ihr Sohn so auf dessen Kosten vor Blessuren geschützt wurde. Oder war es umgekehrt, dass Luca die Strasse zuerst betrat und von Alexander im letzten Moment nach vorne Richtung Mittelinsel in Sicherheit gestossen wurde? Die Zeugenaussagen sind teilweise widersprüchlich. Fest steht: Luca wurde vom Auto nur touchiert und der Schulrucksack, auf den er zu liegen kam, federte seinen Körper auf wundersame Weise ab wie eine Matratze. Es hätte auch umgekehrt sein können.


Wenige Wochen nach dem Unfall meldet sich Alexanders Cellolehrer vom Musikschulorchester bei dessen Eltern. Auch er hat vernommen, das sein Schüler schwer verunfallt ist und möchte mit dem Orchester für Alexander in Affoltern aufspielen. Die Mutter ist gerührt, lehnt aber ab. Keine Musik, kein Konzert, nein danke. Das sei nett gemeint, aber sie würde es nicht ertragen, die musizierenden Jugendlichen an ihren Instrumenten zu sehen, während ihr Sohn nahezu bewegungslos als Zuschauer im Rollstuhl sitzt und apathisch das Geschehen verfolgt. Der Lehrer, schlägt sie vor, soll doch die Lieder aufnehmen und ihr die CD per Post zusenden. Erst als sich der Musiklehrer ein zweites und ein drittes Mal meldet und auch die Klinikleitung der Mutter zu verstehen gibt, dass ein Live-Konzert von Freunden bei Alexander positive Erinnerungen auslösen könnte, stimmen die Eltern dem Vorschlag zu. Noch nie haben sie sich vor einem Konzert so sehr gefürchtet.

 

Der Auftritt findet am 21. Dezember 2013, drei Tage vor Weihnachten, im Dachstock der Rehabilitationsklinik statt. Pflegepersonal, Kinder von der Station, Freunde von Alexander, Eltern, alle sind sie da, betroffen, hilflos und angesichts der bevorstehenden Begegnung, nervös. Das Orchester formiert sich, das Publikum nimmt auf den Stühlen Platz und wartet. Dann, nach langen zehn Minuten, wird Alexander schräg liegend in einem Rollstuhl in den Raum gerollt. Eingepackt in Wolldecken, findet sein Oberkörper nur dank Kopfstütze und Spanngurten Halt. Er ist abgemagert, kann nicht sprechen, scheint sich aber über bekannte Gesichter zu freuen. Gina, seine beste Freundin aus der Schule, bricht beim Anblick in Tränen aus, schluchzt unaufhörlich, still. Ihr ganzer Körper bebt. Auch die anderen Kinder sind überfordert, können das Weinen nicht unterdrücken, suchen Trost in den Klängen der Bachsonate, die jetzt erklingt und wie Balsam wirkt. Alexander lauscht. Die Musik bricht die Stille, in die alle Involvierten seit dem 5. September 2013 gesunken sind. Auch Luca sieht Alexander jetzt, 14 Wochen nach dem Unfall, zum ersten Mal wieder und löst sich aus der Starre, in der er verharrt hat. Vor ihm sitzt nicht mehr der alte, sondern der neue Alexander. Er ist nun einer von 10‘000 Hirnverletzten, die es in der Schweiz jährlich gibt. Er ist ein Tetraplegiker mit schwerwiegenden kognitiven Einschränkungen.

 

Die Rehaklinik in Affoltern ist idyllisch gelegen, umgeben von weiten Wiesen, stattlichen Bäumen und Tannen. Es ist keine Hochglanzklinik. Dazu fehlt das Geld, der Betrieb ist aufgrund gesunkener Tarife und gestiegenen Leistungsanforderungen defizitär. Statt in schickes Design, wird in die Medizin, die Technik und das Personal investiert. Man ist auf Spenden angewiesen. Fast täglich besucht die Mutter ihren Sohn hier. Die Genesung von Alexander zählt, nur dies. Die Mutter schiebt ihren Sohn im Rollstuhl behutsam und konzentriert über die schmalen Wege der Gartenanlage und vernimmt Vogelgezwitscher. Wenn immer möglich, geht sie mit Alexander an die frische Luft oder liest ihm literarische Texte vor. Der Gedanke, Alexander könnte längere Zeit allein im Zimmer in seinem Bett liegen, macht ihr Mühe. Sie möchte nicht, dass ihr Sohn sich einsam fühlt. Allein die Vorstellung bricht ihr das Herz.

 

Das Therapieprogramm ist individuell auf Alexander abgestimmt. Logopädie, Physio- und Ergotherapie finden mehrmals wöchentlich statt. Der laminierte Tagesplan auf der Schranktür verrät: Heute ist Sporttherapie angesagt. Die Therapeutin empfängt Alexander gut gelaunt, erklärt, was man zu tun gedenkt und schiebt ihn vor das Motomed: eine Art tiefer gelegter Hometrainer, der über einen kleinen Antrieb verfügt. Alexanders Füsse und Beine werden mit Klettverschluss an den Pedalen fixiert, so dass er Halt beim Treten hat. Die Therapeutin drückt auf der Konsole den Startknopf und signalisiert mit einem sanften Händedruck auf Alexanders Knie, dass nun seine Muskelkraft gefragt ist. Er reagiert und tritt in die Pedalen, zuerst mit 40 U/min, dann mit 50 U /min. Der Motor leistet jetzt weniger, Alexander im Gegenzug dafür immer mehr. Die Therapeutin ist vom Effort begeistert. „Gib Gas, Alex!“ ruft sie und schaut gespannt aufs Display. Nach 20 Minuten hat der Patient 800 Meter zurückgelegt. Sein Gesicht ist erhitzt. Er lächelt.

 

Der Kontakt zum Fahrer beschränkt sich auf ein einziges Telefongespräch, das Alexanders Vater kurz nach dem Unfall führte. Es gab nicht viel zu sagen, von beiden Seiten. Vom Fahrer weiss die Familie lediglich, dass er ein dunkelblaues Fahrzeug fuhr und zum Zeitpunkt des Unfalls 59 Jahre alt war. Er bleibt ein Phantom. „Wer Auto fährt, muss seine Aufmerksamkeit immer dem Geschehen auf der Strasse schenken, ganz egal, welche Wetterbedingungen herrschen, ob es  regnet, schneit oder Nebel hat “, sagt Alexanders Mutter und zieht die Lippen zu einem schmalen Strich. Dann steht sie auf holt Ferienfotos aus „alten“ Zeiten, die eigentlich gar nicht lange her sind: Alexander im Meer beim Schwimmen, in den Ferien beim Skifahren und Snowboarden. Immerhin, der Fahrer habe Luca im Spital besucht und sich entschuldigt. „Aber was nützte diese Geste meinem Sohn? Nichts wird mehr sein wie früher.“


Das Zentrum in Affoltern ist im Laufe der letzten 12 Monate zum wichtigsten Partner der Familie Roth geworden. Zum Glück liegt es nur zehn Kilometer von Zug entfernt. Routiniert steuern die Eltern Alexander durch die verwinkelten Gänge, grüssen das Personal und andere Eltern, die hier ebenfalls ihre Kinder besuchen; sei es, weil sie schwer verunfallt sind oder an den Folgen von Geburtsgebrechen leiden. Diese Väter und Mütter müssen immer stark sein, obwohl sie manchmal vielleicht selber mit den Kräften am Ende sind und sich fragen: Bis zu welchem Grad ist Rehabilitation möglich? Welche kognitiven Fähigkeiten kann unser Kind zurückerwerben, welche Bewegungen wieder erlernen? Für welche Fertigkeiten bleibt unser Kind für immer auf pflegerische Hilfe angewiesen? Und in welchen Bereichen wird die Unterstützung eines computerisierten Therapiegeräts nötig bleiben?

 

Der ärztliche Leiter Andreas Meyer-Heim kann auf solche Frage oft nur vage antworten. Er versteht das elterliche Bedürfnis nach möglichst genauen und vor allem auch guten Prognosen nur zu gut, gibt sich aber zurückhaltend. Sicher ist: „Die meisten Fortschritte erzielen Schädel-Hirn-Trauma- Patienten in den ersten sechs Monaten. Das heisst aber nicht, dass  nicht auch zu späteren Zeitpunkten Fortschritte erzielt werden.“ Der Arzt möchte keine falschen Hoffnungen machen, aber auch keine Hoffnungen zerstören. Pflegende und Ärzte gehen den Weg mit Alexander Tag für Tag und Schritt für Schritt, hoch professionell und zutiefst menschlich. Davon zeugt ein von Familie und Pflegepersonal gemeinsam geführtes Tagebuch, das den Klinikaufenthalt, den Heilungsprozess, aber auch die Operationen, denen sich Alexander hat unterziehen müssen, dokumentiert. Premieren, wie das erste Mal in der Hundetherapie, der erste Spaziergang im Schnee und das erste selbständige Atmen ohne Kanüle durch Nase und Mund werden notiert und mit Fotos illustriert. Auf zwei Seiten klebt ein gepresstes vierblättriges Kleeblatt.

 

In Zug ist die Familie auf Alexander vorbereitet. Seit Januar 2014 kommt er an den Wochenenden regelmässig nach Hause. Im Wohnzimmer steht ein ausrangiertes Spitalbett von der Rehaklinik, das viel Platz einnimmt in der kleinen 4-Zimmer-Wohnung. Es ist ein gutes Gefühl, den Sohn in der vertrauten Umgebung zu wissen. Aber die gemeinsamen Wochenenden sind auch anstrengend. Die Wohnung befindet sich im vierten Stock in einer Überbauung, die umgeben ist von Treppen. Mit dem Rollstuhl gelangt man nur via Lift in der Tiefgarage in die Wohnung. Die Spazierwege an der Hanglage sind teilweise so steil, dass der schwere und sperrige Rollstuhl mit den vielen Vorrichtungen kaum zu stossen bzw. zu bremsen ist. Kaum eine Fläche, die eben ist, bietet sich rund ums Haus zum Spazieren an. Auch das Manövrieren vom Spitalbett in den Rollstuhl ist ein Kraftakt, der nur mühsam bewerkstelligt werden kann. Alexander ist 1.85 Meter gross und wiegt 65 Kilogramm. Den Transport von Affoltern nach Zug und wieder zurück bewältigten die Eltern mit dem eigenen Auto. Vom Rollstuhl aus hieven sie Alexander mittels Rutschbrett und Schwenkarm auf den Beifahrersitz ihres Renaults Scenique. Sitzschale, Stützkissen, Gurten und Krause sorgen dafür, dass er Halt findet. Der Vater sitzt am Steuer, die Mutter direkt hinter Alexander auf dem Rücksitz. So kann sie notfalls sofort reagieren, wenn ihr Sohn aus der Position rutscht.

 

Sophia empfängt ihren älteren Bruder strahlend, umarmt ihn. Der schlimme Unfall hat auch sie verändert, hat sie nachdenklicher werden lassen und reifer. Sie ist immer da, wenn der grosse Bruder nach Hause kommt, holt ihm Hörbücher aus der Bibliothek, nimmt ihm Fernsehsendungen auf, spielt auf dem Klavier vor, sorgt für „Action“. Kommt eine ihrer Freundinnen zu Besuch, schiebt sie ihren Bruder im Rollstuhl zu sich ins Schlafzimmer und lässt ihn an der Plauderei teilhaben. Versteht Alexanders alles, was gesagt wird? Je nach Tagesform reagiert er unterschiedlich. Mal schaut er sein Gegenüber mit wachen und interessierten Augen an und wirkt präsent, mal blickt er durch sie hindurch, als befände er sich in einer anderen Welt. Häufig ist er aber auch einfach müde von den starken Medikamenten, die er einnehmen muss, um die Spastik an Beinen und Handgelenken zu lösen. Auch Luca besucht seinen Freund regelmässig, er wohnt ja gleich um die Ecke. Luca, der zu zittern beginnt, wenn er von der Ferne das Geräusch eines Hubschraubers hört. Luca, der Glückspilz, der sich schuldig fühlt.

 

Das Ehepaar Roth engagiert sich für mehr Sicherheit auf der Ägeristrasse in Zug. Es kennt jede Kurve, jede Seitenstrasse, weiss, wo sich welche Zebrastreifen und Bushaltestellen befinden, zu welcher Zeit wie viele Leute jenen befahrenen Strassenabschnitt überqueren, der ihrem Sohn zum Verhängnis wurde. „Kinder von fünf Schulhäusern, zwei Kindergärten, einer Freizeitanlage und eines Schwimmbades nehmen beim Überqueren der Ägeristrasse tagtäglich ein grosses Risiko auf sich. Sie sind sich dessen aber nicht bewusst“, sagt Alexanders Mutter. Mehrmals hat sie sich morgens um 7.30 Uhr an die Unfallstelle begeben und ihre Beobachtungen per Handy gefilmt: zu viele Autos, die vom Berg Richtung Stadt fahren, nehmen den Schwung von der Talfahrt mit und reduzieren die Geschwindigkeit von 80 nicht auf 50 km/h, wenn sie in den Innerortsbereich gelangen. „Das muss sich ändern!“, fordert sie und denkt nach: Wäre der Unfall vermeidbar gewesen? Hätte der Lenker nicht bremsen müssen? Hätte, müsste, wäre … Lauter quälende Fragen, die am Ende das Gericht beantworten muss und die die Haftpflichtspezialisten noch jahrelang beschäftigen werden.


Alexanders Mutter hat grosse Angst. Angst, dass wieder etwas passiert. Angst, dass, ihre Tochter oder ein anderes Kind zur falschen Zeit, am falschen Ort…. Aber was soll’s? Die Mutter bricht mitten im Satz ab und schweigt. Als Alexander gesundheitlich einigermassen stabil und sie selber psychisch gefestigt ist, startet sie ihre Mission für mehr Sicherheit. Sie telefoniert mit Ämtern, schreibt Briefe an die Polizei und erläutert ihre Beobachtungen: vor allem Autos, die haltende Busse flott überholen, sind das Problem. Dass Passanten aus dem Bus steigen und die Strasse überqueren könnten, ist den Lenkern oftmals nicht bewusst. Ende August 2014 kommt es zu einem Treffen mit dem Baudirektor und zwei Verkehrsexperten. Das Ehepaar Roth setzt grosse Hoffnungen in das Rendezvous mit den Beamten, bringt seine Argumente für mehr Kontrollen, weniger Tempo, bessere Signalisation vor und wird mit einer vorbereiteten Antwort konfrontiert: man bedauere den Unfall zutiefst, aber der beanstandete Strassenabschnitt, insbesondere die Unglückstelle, erfülle sämtliche Vorgaben und stelle kein besonderes Sicherheitsrisiko dar. Das Ehepaar ist masslos enttäuscht.

 

Es ist anstrengend, optimistisch zu bleiben. Und es braucht Überwindung, mit dem Sohn den ersten Spaziergang am See zu unternehmen, doch die Eltern wissen, wie wichtig es für Alexander ist, unter Leute zu gehen. Sie wollen ihn nicht verstecken, besuchen mit ihm Konzerte und Kunstausstellungen mit Videoinstallationen, die an Leinwänden flimmern. Alexanders Sinne, so die Absicht der Eltern, sollen auf verschiedene Weise angeregt, seine Aufmerksamkeit soll geweckt werden. Neulich amüsierten sie sich zu Hause zu viert bei der Komödie „Johnny English“, der Lieblings-DVD Alexanders mit „Mister Bean“. Und tatsächlich: Dem Gesichtsausdruck nach zu schliessen, schien sich Alexander zu freuen, grinste an den „richtigen“ Stellen, war präsent. A propos Humor: Auch Alexander kann ein Schelm sein. Eine Pflegerin hat beobachtet, dass er sich bei schlechter Laune oder Therapieunlust manchmal schlafend stellt und es amüsant findet, wenn man rauskriegt, dass er trickst. Wenn das keine kognitive Leistung ist!

 

Wird Alexander eines Tages wieder zur Schule gehen können? Wenn ja, in welche? Wird er nur tagsüber in einem Heim sein oder auch die Nächte dort verbringen? Und welche Kosten kommen auf die Familie für spezielle Gerätschaften zu, wenn die Haftpflichtversicherung des fehlbaren Lenkers, Kranken- und Unfallversicherung, die IV und mögliche Stiftungen nicht zahlen? Die Unfallversicherung finanziert den kostenintensiven Aufenthalt in Affoltern – rund 860 Franken kostet ein Tag – nur so lange, wie das Fachpersonal nachweisen kann, dass die Therapien Fortschritte bringen. Entsprechend lässt man in Affoltern nichts unversucht, was Alexanders zu mehr Selbständigkeit verhelfen und ihm und seinen Angehörigen die Reintegration in den Alltag erleichtern könnte. „Wir wollen Alexander möglichst gerecht werden“, sagt Meyer-Heim, „ihn nicht über- aber auch nicht unterfordern.“

 

Vor wenigen Wochen hat die Arbeit am „Tobi“ begonnen, einem Sprechcomputer, der die momentan fehlende Lautsprache Alexanders ersetzen soll. Statt mit der Hand wird der Mauszeiger via Sensoren über die Augen aktiviert und auf definierte Sätze (Ich habe Hunger / Ich möchte nach draussen) oder Piktogramme (Bett, Toilette, Dusche usw.) gelenkt. Fixieren die Pupillen den Satz oder das Bild über eine bestimmte, vorher definierte Zeitspanne, wird das Angeklickte von einer Computerstimme übersetzt und via Lautsprecher vertont . Alexander benutzt das Gerät erst seit wenigen Wochen und tut sich nicht einfach damit. Der Sensor, meinen die Eltern, muss noch besser auf seine Augen abgestimmt, die Kalibrierung noch feiner justiert werden. Doch eigentlich geht ihr Wunsch viel weiter: dass Alexander eines Tages wieder sprechen lernt.

 

Als sich am 5. September 2014 der Unfalltag zum ersten Mal jährt, schickt Alexanders Mutter eine SMS an ihren Freundes- und Bekanntenkreis. Sie dankt allen, die ihren Sohn in irgendeiner Form unterstützen und bittet die Empfänger, auch weiterhin an ihn zu denken. Der 5. September 2013, als zwei 12-Jährige Jungs gemeinsam zur Schule marschierten, war ein sonniger Tag.