Berichte

 

 

THOMAS HIRSCHHORN: «WENIGER IST WENIGER»

 

Dass ausgerechnet ein Künstler, der für seine raumfüllenden Installationen bekannt ist, eine kleine Briefmarke gestaltet, mag erstaunen. Im Gespräch mit Thomas Hirschhorn wird aber klar: ins Kleinformatige steckt der international bekannte Künstler genauso viel Leidenschaft wie in seine grossen Werke.

 

von Sabine Windlin

 

«Mehr ist mehr» - wer mit Thomas Hirschhorn, 53, über seine Kunst spricht, hört das Statement früher oder später. Der grossgewachsene Künstler mit den markanten Gesichtszügen arbeitet punkto Material in Dimensionen, die manchen Betrachter irritieren mögen: Ob Ketten, Karton, Klebeband, Aluminium, Nägel, Röhren, Bauchschaum, Styropor, Plastikstühle oder amputierte Arme von Schaufensterpuppen: Oft ist bei Hirschhorn eine Materialschlacht in Gange, die seiner künstlerischen Aussage Nachruck verleiht. Die Behauptung, wonach zumindest sprichwörtlich weniger oft mehr sei, stellt er darum entschieden in Abrede: «Nein! Weniger ist eben nicht mehr, sondern definitiv weniger. Nur mehr ist mehr!»

 

Dazu passt, dass Workaholic Hirschhorn in seinen Ausstellungen immer wieder Räume beschlagnahmt, diese vom Boden bis zur Decke komplett einnimmt. In der Ausstellung «Swiss-Swiss Democracy» (2004) besetzte er den gesamten Ausstellungsraum des Centre Culturel Suisse in Paris mit einem überbordenden Misstrauensvotum zur politischen Demokratie. Auf der Documenta11 in Kassel (2002) errichtete er ein gigantisches Denkmal für den von ihm verehrten französischen Philosophen Georges Bataille. In seiner Arbeit «Wirtschaftslandschaft Davos» (2001) zeigte er seine Bündner Heimat in einem auslaufenden Relief als eine von Krawallen gebeutelte Hochsicherheitszone. In der Präsentation «das Auge» (2008) verwandelte er das Ausstellungsgebäude der Secession in Wien in ein rot-weisses Wahrnehmungsmeer. In «Superficial Engagement» (2007) füllte er die Räume seiner New Yorker Galeristin Barbara Gladstone flächendeckend mit Szenerien zum Thema Krieg und Terror. Jedes Mal lief der Betrachter Gefahr, in der Materialisierung zu versinken, was durchaus Hirschhorns Absicht ist: «Ich will das Publikum überfordern.»

 

Und nun also die Briefmarke. Gerade mal 3,3 x 2,8 Zentimeter misst das Format, das dem Künstler zur Verfügung steht und auf das er seine Botschaft «Art is Resistance» formuliert, in der sich seine ganze, von Kunstkritikern umfangreich gewürdigte Position zu einem einzigen Satz verdichtet. Simpler und unmissverständlicher könnte das Verhältnis, das Hirschhorn zu seiner Arbeit pflegt, nicht umschrieben werden. Der bedingungslose Einsatz für seine Arbeit, der er sich gleichsam ausliefere, wird von den Galeristen denn auch als Grund genannt, weshalb es einem Privileg gleichkomme, einen Künstler wie ihn unter Vertrag zu haben. Freilich hat die Post den Künstler nicht direkt mit der Gestaltung einer Briefmarke beauftragt. Vielmehr ist sie mit der Idee an das Bundesamt für Kultur (BAK) heran getreten, die Schweizer Beiträge an der Kunstbiennale in Venedig 2011 zu thematisieren. Erst mit dem definitiven, auf Empfehlung der Eidgenössischen Kunstkommission (EKK) beruhenden und vom BAK gefällten Entscheid stand dann fest, dass Hirschhorn dies umsetzen wird. Der streitbare Wahlpariser war, wie Urs Staub vom BAK gegenüber der Lupe betonte, aus Schweizer Sicht als Kandidat schon länger «im Visier» für die Biennale. Jetzt endlich, freut er sich, habe es geklappt.

 

«Wir waren begeistert, als wir vernahmen, dass sich das BAK für Herrn Hirschhorn entschieden hat» betont Post Product Managerin Claudia Baumgartner, «nur waren wir nicht sicher, ob der Künstler auf die Anfrage unsererseits genauso positiv reagieren würde.» Er tat es! (s. Interview) Das Resultat lässt nun durchaus Assoziationen an frühere Arbeiten Hirschhorns aufkommen. So werden Erinnerungen wach an seine minimalistisch gestalteten «Lay-outs» Ende der 80-er Jahre: Der Künstler deponierte Kartonschilder auf Trottoirs, Baustellen, in Treppenhäusern und Hauseingängen oder klemmte sie unter die Scheibenwischer geparkter Autos, damit diese von achtlosen Passanten schnöde ignoriert wurden. Kein Wunder: Diese Layouts stammen aus einer Zeit, in der Thomas Hirschhorn ein «No-Name» war, er aber seine Botschaft schon damals mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Vehemenz kund tat, wie er dies heute tut: Dass Kunst Widerstand per se ist, weil sie immer an einen persönliche Standpunkt, an eine Überzeugung gekoppelt ist.