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JAHRESBERICHT GVRZ

 

Während über 33 Jahren hat Hans Kramis zuerst als Klärwärter dann als stellvertretender Betriebsleiter die Kläranlage Schönau auf höchstem Niveau geprägt. Mit ihm geht ein zurückhaltend agierender Fachmann in Pension, der seine Stärken gezielt eingesetzt hat.

 

von Sabine Windlin

 

Der kalendarische Zufall, dass der meteorologische Frühlingsanfang präzis auf den Tag seines beruflichen Rücktritts fällt, passt: Der 1. März 2011 bedeutet das Ende der Erwerbstätigkeit und den Aufbruch zu einem neuen Lebensabschnitt zugleich. Gut gelaunt, statt im Arbeitskittel in Jeans und Pulli, hat sich Hans Kramis an seinem « Letzten » in der Kläranlage Schönau in den Znüniraum zu seinen Arbeitskollegen gesetzt. Still betrachtet er die sich angeregt unterhaltende Belegschaft. Er gehört noch dazu, und doch nicht mehr ganz.

 

«Mit Hans Kramis verlässt ein Urgestein die Kläranlage Schönau », sagt Bernd Kobler. Rein optisch will der Begriff zwar nicht recht zum frisch Pensionierten passen; sieht er doch wesentlich jünger aus, als es sein Jahrgang vermu- ten lässt. Aber im Gegensatz zum ihm selber, so Kobler, habe Hans Kramis fast sein halbes Leben als Angestellter des GVRZ verbracht. « Er hatte hier den kompletten Überblick », zeigt sich Kobler beeindruckt und lobt die kompetente, bescheidene und stets ausgeglichene Art des ausgebildeten Klärwerkmeisters. Unbewusst, so Kobler, habe Hans Kramis innerhalb des Betriebs auch die Funktion des « guten Geistes » wahrgenommen – und diese Nachfolge lasse sich nicht mit einem simplen Personalentscheid regeln.


Dass es ihn beruflich zum Gewässerschutz treiben würde, zeichnete sich bei Hans Kramis relativ früh ab. Der gelernte Elektromechaniker arbeitete vor seinem Stellenantritt in der Kläranlage in der Papierfabrik Cham und danach als Monteur bei der Firma C. Heusser, die Abwasserpumpen vertrieb. « Dadurch kannte ich die wichtigsten Kläranlagen in der ganzen Schweiz und verfolgte mit Interesse mit, wie auch die Kläranlage Schönau gebaut wurde », so Kramis. Die Aussicht, statt ständig in der ganzen Schweiz herumzureisen, einen fixen Arbeitsort in der Nähe seines Wohnorts zu haben, gefiel ihm. Kaum war die Stelle als Klärwärter in der Lokalzeitung ausgeschrieben, bewarb er sich und setzte sich schliesslich gegen über 100 Bewerber durch. « Für mich war dies eine grosse Ehre », meint Kramis rückblickend. Exakt zwei Wochen nach der offiziellen Eröffnung und Inbetriebnahme der Kläranlage Schönau vom 24. Juni 1977 hatte er seinen ersten Arbeitstag.

 

Es ist heute zwar kaum vorstellbar, aber zu diesem Zeitpunkt bestand das Team der Kläranlage Schönau aus drei Mann. Natürlich war die Anlage inklusive Kanalnetz und Pumpstationen damals noch wesentlich kleiner und nicht zu vergleichen mit dem Betrieb, wie er sich heute – nach dem Endausbau – präsentiert; vor allem aber war die Spezialisierung noch nicht so ausgeprägt wie heute. « Wir machten damals mehr oder weniger alles», schmunzelt Kramis. Er nahm Reparaturen bei elektrischen Anlagen und Maschinen vor, löste Störungen, kümmerte sich um den Unterhalt, wechselte das Öl der Maschinen, kontrollierte die Pumpen und führte Laborarbeiten aus. Die zeitraubenden, aber von ihm gar nicht ungern ausgeführten Putzarbeiten auf dem Areal gehörten genauso dazu, wie der spektakuläre Abstieg in den Abwasserkanal. Mit Lampe, Multiwarngerät, O2-Selbstretter, Helm, Schubkarren und Schaufel ausgerüstet, stieg auch er im Laufe der Jahre mehrmals in den Untergrund, um tonnenweise Sand herauszufördern, der sich im Laufe der Jahre im Stollen ansammelte. « Platzangst hatte ich zwar nie », betont Kramis, «aber es gab Angenehmeres, als sich mit krummem Rücken in einem Stollen von 1.50 Meter Durchmesser
fortzubewegen.»

 

In bester Erinnerung ist ihm eine Entdeckung der eigentümlichen Art im Untergrund des Raums Steinhausen, die er mittels eines Kanalspiegels machte : Eine dicke Fernsehleitung, die sich ihren Weg mitten durch ein Rohr des GVRZ bahnte. Hans Kramis kontaktierte eine Kanalreinigungsfirma, welche die Situation sofort in Augenschein nahm. Eine zierliche Frau stieg anschliessend angeseilt in den Schacht und arbeitete sich langsam im Abwasserrohr von nur zirka 50 cm Durchmesser mit einem Rollbrett zur Stelle vor, um die Leitung beidseitig abzuschneiden.


Noch grösser war die Aufregung freilich, als im Jahre 2005 lang anhaltender Regen zu Hochwasser in der Region führte und zwei Pumpwerke überschwemmt wurden. Anschliessend wurden auf Geheiss des GVRZ die Notüberläufe überprüft. Unfälle, bei denen Personen zu schaden kamen, seien auf der Kläranlage Schönau oder im Kanalnetz Gott sei Dank nie passiert. « Aber von Störungen, Unregelmässigkeiten oder gar Pannen », so Kramis, « wurden wir natürlich nicht verschont. » Weil ein Näherungsschalter versagte, stapelte sich unter den Entwässerungsmaschinen eines Morgens zirka zehn Kubikmeter Schlamm am Boden. Und einmal, doch das war ein Einzelfall, fand sich im Rechen ein neugeborenes, totes Kalb.


Mit der Umstellung auf PC erlebte Hans Kramis in den 80er Jahren das Ende der Ära handgeschriebener Formulare, Listen und Berichte. So wurde etwa der gesamte Wartungsplan in ein EDV-System integriert. Doch die dadurch in Aussicht gestellte Zeiteinsparung musste zuerst hart erarbeitet werden. Unter dem Titel « WP9 » galt es nämlich, die technischen Daten von sämtlichen Maschinen, Pumpen, Motoren, Gebläsen, Getrieben, Ventilen und noch vielem mehr EDV-mässig zu erfassen – inklusive Lieferanten, Ersatzteilen und Betriebsstunden. « Das Zusammentragen der gesamten Datenmenge war eine riesige Arbeit », erinnert sich Kramis, die ohne Unterstützung eines externen Fachmanns gar nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre. Für die Datenblätter wurden zudem sämtliche Maschinen mit Datenschild fotografiert und diese anschliessend mit der gesamten Anlagedokumentation in einem Ordner sowohl vor Ort wie auch im Archiv abgelegt.

 

Weil die Kläranlage Schönau ständig modernisiert wurde, sah sich auch Klärwerkmeister Kramis bis zum letzten Arbeitstag mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert. Sowohl in der mechanischen, biologischen wie auch chemischen Reinigungsstufe und der gesamten Schlammbehandlung gab es laufend Änderungen. « Die Arbeit wurde immer komplexer und anspruchsvoller », betont er. Einerseits wurde die chemische Zusammensetzung der Abwässer immer delikater, anderseits stiegen die Anforderungen an den Reinheitsgrad der Lorze. Ständig neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die wirksamsten Methoden im Bereich der Abwasser- und Schlammbehandlung sorgten dafür, dass sich auch die Arbeit von Hans Kramis veränderte.

 

Obschon von Haus aus Elektromechaniker, musste er auch von der Biologie des Gewässerschutzes etwas verstehen. Etwa von dem Bereich der Denitrifikation, wo Nitrat durch spezielle Mikroorganismen in gasförmigen Stickstoff umgewandelt wird. Oder dem Prinzip der Phosphatfällung in der chemischen Reinigungsstufe, wo sich durch Zugabe von Eisensalzlösung in den Rücklaufschlamm die Phosphate aus dem Abwasser entfernen lassen. Neu wird ein grosser Teil des Phosphates ebenfalls biologisch mit Bakterien eliminiert. Nur noch maximal 0,3 Milligramm dürfen am Ende in einem Liter Wasser enthalten sein; ein Wert, den die Kläranlage Schönau immer einhalten konnte.


Auf der Höhe seiner Kenntnisse und bestens vertraut mit dem gesamten Betrieb hätte Hans Kramis im Jahre 1992 sogar die Betriebsleitung übernehmen können. Doch er winkte ab und teilte dem damaligen Geschäftsführer mit, dass er diesbezüglich keine Ambitionen hatte und auf diese Funktion lieber verzichten würde. « Die Belastung wäre mir zu gross gewesen », erklärt er heute. « Ich arbeite lieber im Hintergrund, bin eher der stille Macher. Mir war im zweiten Glied wohl, deshalb wollte ich da bleiben.»


Zumal es in dieser Position nicht weniger spannend war. Im Gegenteil : Wenn man sich nur schon all die Maschinen vor Augen führt, über die er als Klärwerkmeister im Bilde sein musste: Druckluftkompressor, Sandwaschanlage, Belüftungsgebläse, Blockheizkraftwerk, Vorklärbeckenund, Nachklärbeckenräumer. Allein das Wissen um die gesamten Pumpen, die auf einer Kläranlage zu bedienen und zu warten sind, lässt den Laien staunen. Hans Kramis aber kann aus dem Vollen schöpfen, wenn er von den unterschiedlichen Anwendungsbereichen von Schneckenpumpen, Drehkolbenpumpen, Zentrifugalpumpen und Spülwasserpumpen berichtet. Und man merkt : Hier ist er in seinem Element. Die letzten zehn oder fünfzehn Jahre, räumt er ein, habe er allerdings vorwiegend am Computer verbracht.


Das Thema Gewässerschutz liegt auch dem Privatmann Kramis am Herzen, ist er doch ein leidenschaftlicher Wanderer und Velofahrer, der sich bewusst ist, dass Wasser einer der wichtigsten Lebensräume für Pflanzen und Tiere ist. « Substanzen wie Pflanzenschutzmittel, Hormone und viele andere Mikroverunreinigungen belasten die Gewässer zunehmend », zeigt er sich besorgt. Doch sein Nachfolger und mit ihm das ganze Team würden alles daransetzen, dass die Ressource Wasser auch für kommende Generationen erhalten bleibe und dem Gewässerschutz jene Bedeutung zukomme, die ihm angesichts der rasant wachsenden Bevölkerung in der Region gebühre.